05.08.17

Was meine 'Unabhängigkeit' wert ist und was das mit dem Coaching-Honorar zu tun hat

Hinweis an den für mich anonymen Autoren: Ich konnte nicht herausfinden, wer dieses Blog-Posting verfasste und veröffentlichte. Ich fand den Hinweis darauf bei Twitter. Ich finde Ihren Text so sehr wichtig, dass ich hoffe, Sie melden sich bei mir und wir lernen uns kennen. Erst von dem Moment an kann ich Sie auch fragen, ob ich die Hinweise auf Ihr Posting fördern und verbreiten darf - im Moment habe ich mich entschieden, die von Ihnen verfasste Wichtigkeit im Verstehen um den Preis bzw. das Honorar zu verbreiten. - Und ich danke Ihnen auf den Knien, dass das nun so verfasst ist. Wer sind Sie? - Herzlich und mit besten Grüssen, Jona Jakob, Aschaffenburg / jonajakob.com


An Coaches, Coachees, Interessierte und auch für EntscheiderInnen in Unternehmen: mE wichtige Leseempfehlung


Im Post geht es um den Preis / Honorierung einer persönlichen Dienstleistung. 


https://wyriwif.wordpress.com/2017/08/04/warum-ich-kein-fan-von-gebhard-borcks-dein-preis-bin/

Es geht um verschieden verstandene Dienstleistungen und es geht last but not least um genau jene Konstellation, die sich im Angesicht neoliberal beeinflussender 'präreflexiver Effekte' (Bung-Chul Hahn) für sauber aufgestellte Coaches bei Anfragen zu Beratungen und Coachings (neu und zunehmend) ergeben, meist unter dem hohen Druck von Erwartungen.

"Schwimmen müssen Sie selber - ich bleibe aber bei Ihnen."
Um genau dem nicht zu erliegen, braucht es die im Posting nachvollziehbare Klarheit und Argumente, jemandem zu sagen:
  • Nein! oder: 
  • Auf die Weise verbrennen Sie sich Ihre Chance - oder:
  • Meine Chance hingegen verbrennen Sie mir nicht. 
Es ist mE ein wirklich wichtiger Beitrag, mit dem eigenen Angebot und Verständnis unter stärkstem Druck von potentiellen Klienten und besonders auch Unternehmen die eigene Position zu wahren.

https://wyriwif.wordpress.com/2017/08/04/warum-ich-kein-fan-von-gebhard-borcks-dein-preis-bin/

Hinweis: Ich konnte bisher nicht ausfindig machen, wer genau den Beitrag in seinem Blog gepostet hat, hierfür muss ich mich noch schlau machen. Wenn mir wer die oder den Autoren mitteilen kann, noch so gerne. - Danke

Hinweis 2: Der Text im Blog ist nicht von mir verfasst. Aber er entspricht ganz meinem Verstehen und meiner Haltung. Ich könnte das nicht besser schreiben und habe nicht so zu tun als ob. Es ist schier ein Naturgesetz, welches da beschrieben wird und hat damit mE seine ganz eigene Gültigkeit. - Legen Sie es also nicht in meinen Schoss - lernen Sie daraus nur zu verstehen, wie ich für meine Aufgabe ticke. - Jona Jakob, merci.




14.07.17

Coaching - humanistisch oder neoliberal?

Aufmerksam geworden durch einen FAZ-Beitrag der Autorin und Volontärin, Frau Hannah Bethke, mit dem Titel 'Die Trauer der Universitäten' zum Thema 'Ökonomisierung der Bildung' möchte ich folgenden Beitrag verfassen. Der Beitrag ist als eine Frage, eine Prüfung der Prämisse im Sinn von 'Tun wir die richtigen Dinge?' zu verstehen.

Die Frage lautet: Humanistisch oder neoliberal?


Kann es sein, dass wir zu 'Coaching' immer erst die Frage stellen müssen, ob wir von einem humanistisch geprägten oder von einem neoliberal-orientierten Coaching sprechen?

  1. Diese Frage ist eine Frage an die Coaches, die Lehrcoaches, die Unternehmen oder zweck- und nutzenorientierten Auftraggeber.
  2. Es ist aber auch eine Frage an die Coachees und deren Anliegen wie Erwartungen - und nicht zuletzt an deren eigene Antwortbildung, die Katharsis, die Erkenntnis, die Lösungsfindung.

Humanismus


Gemeinsam ist dem Begriff eine optimistische Einschätzung der Fähigkeit der Menschheit, zu einer besseren Existenzform zu finden. Es wird ein Gesellschafts- und insbesondere Bildungsideal entworfen, dessen Verwirklichung jedem Menschen die bestmögliche Persönlichkeitsentfaltung ermöglichen soll. (Quelle: Teilweise Wiki)


Neoliberalismus


Dem gegenüber steht die gesellschaftliche Entwicklung und Ideologie des Neoliberalismus. Der Neoliberalismus ist mehr als eine Wirtschaftspolitik, eine Ideologie oder eine Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft. Vielmehr handelt es sich um eine Neuordnung des gesamten Denkens, die alle Bereiche des Lebens sowie den Menschen selbst einem ökonomischen Bild entsprechend verändert – mit Folgen für die Demokratie. (Quelle: Teilweise Wiki)

Wenn ich nun die Idee des Begriffes 'Vernunft' überprüfe, wird nur noch jenes alles als 'vernünftig' erachtet, was sich rechnet - was sich positiv rechnet, mit Gewinn und Rendite. Was sich nicht rechnet, gilt sofort als 'notgedrungen'. Was nicht rechenbar ist, wie z.B. Liebe, Gefühle, Philosophie, Kunst, Erfahrung, wird zum Teil bereits verteufelt oder einfach aus den Studienfächern entfernt - Lehrstuhl geschlossen, wegen nicht erheblich (im Sinne von nicht'erheb'bar = zählbar).

Diese bewertende Unterscheidung (bringt was - bringt nix - bringt mehr - bringt weniger) macht der Humanismus nicht - gerade nicht! Dies, um Menschen werden zu lassen, auch jene, die in der aktuellen Situation eher in einer nicht-gewinnbringenden Situation stecken, z.B. jemand mit einer Depression oder jemand, der Insolvent wurde und daher nicht nur keine Mittel hat, sondern darüber hinaus noch Schulden. Im Humanismus bleibt jeder Mensch ok. Nochmals anders würde es, wenn man religiös nach dem Menschsein fragt.

Am Start sind gemäss dem Neoliberalen nur jene, die sozusagen 'positiv etwas abgeworfen' haben, allein indem, dass sie weder wo scheiterten (Abiturprüfung, Noten, Ausweise, Abschlüsse), noch sonst wie das neoliberale System schädigten (keine Krankheiten, kein Verschleppen, keine Pausen, kein Müssiggang, keine juristischen Verfehlungen, keine Drogen, keine Abstürze, keine Exzesse). Wenn sich jemand für sein Studium zusätzlich verschuldet, ist dieser Mensch doppelt gefangen und gefügig: dieser Mensch ist ein gerne gesehener Student, insofern sie oder er erfolgreich abschliesst und aber auch seine Schulden abbezahlt. Das zieht sich fort mit einem Darlehen für seine Arztpraxis, Zahnarztpraxis, sein Unternehmen oder den privaten Hauskauf - doppelt gemoppelt: leiste erfolgreich, dann ist alles ok. Versage nicht - optimiere dich!

Mit der Idee einer "vernunftsorientierten Ökonomisierung des Lebenswandels" ist das Wandeln gänzlich vergiftet und abgetötet worden. Das Leben ist dann kein Ponyhof, sondern Arena und Wettbewerb.

Man macht vorwärts: 
Noch früher Fremdsprachen lernen, Chinesisch im Kindergarten. G8 statt G9, allein, weil die Eltern genervt sind, die Kinder so viele Jahre noch in der Schule halten zu müssen. Schliesse früher ab, auch dein Studium. Bleib jung. Keine schlechten Noten - egal wie verklausuliert begründet. 

Noch jünger zum Schönheitschirurgen: 
Zuerst waren es nur Zahnspangen. Heute sind es Nasen, Lippen, Brüste, Fettzonen, etc. Bleib schlank, fit. Tanze! Bleib im Wettbewerb oder absolviere zumindest Volksläufe, um dein eigenes Resultat zu belegen.

Zeige Vermögen:
Erbe! Und beziehe bereits Vorerbschaftsanteile! Trage mit 14 Jahren einen Geldbeutel, der dem eines Kellner in nichts nachsteht. Habe Karten. Sei kreditwürdig. Und zeig dein Vermögen mit allen Formen und Farben von Labels. Zeige deine Gewähltheit, deinen Chic, deinen Frisör und die Maniküre. Lauf rum wie ein Tannenbaum, ein Hipster, ein It-Girl, eine Fashionbloggerin. Pimp my attitudes!

Und dann stell dich bei uns vor!:
Das 'Uns' ist aber nun der neue Liebe Gott - the new religion: Das Unternehmen - Dein Unternehmen. Und es bestimmt dich. Nach dem ersten Fehler im digitalen Lebenslauf fliegst du raus. Absage. Und es ist auch ein massiver Kampf, deine fragwürdige Position im Unternehmen zu erhalten und auf Dauer halten zu können. Tanze!

Und wirf Rendite ab - sonst möchten wir dich nicht um uns haben!:
Last but not least führt alles und jedes, ein jedes Projekt und jede Team- wie Unternehmensleistung zu der einen Frage, die landläufig von einer Postkarte aus einem Kunstmuseum bekannt ist, auf der Steht: "Ist das Kunst? Oder kann das weg?" Und so wird die Quintessenz für neoliberal-orientierte Menschen von Arbeitslebensweg her lauten: 

"Wirft die/der noch etwas ab? Oder kann die/der weg?"


Wir müssen arbeiten. Auch in einem solch orientierten Arbeitsmarkt. Man kann getrost Verständnis dafür haben, wenn man erklärt bekommt, "das muss heute so sein, das wird so gemacht und bestimmt". 

Aber damit entwickelt sich kein Mensch. Vielmehr fügt sich dieser, einzig sich angepasst zu 'genügen'. Wenn von 1000 Menschen 950 "erfolgreich" diesen Weg beschreiten und bewältigen können, werde diese im Gross der Gruppe deutlich betonen, dass alles beim Besten sei, alleine schon der Vernunft wegen, dass es super sei, wenn sich alle so orientieren. 

Darüber will dieser Beitrag nicht richten. Es gibt tolle Früchte, tolle Sieger, tolle Gewinner und viel Fortschritt. 

Aber für alle, die ein humanistisches Weltbild in sich tragen, angenommen in Ausbildungen, Studentenjahren, durch elterliche Werte und eigenständigem Denken, in der Tangentiale zum System (vielleicht unterdessen schon als Trabanten {slaw.: Begleiter}, wie der Mond zur Erde) , sie stellen eine eigene und eigenste Position dar: 
  • Sie nehmen den Menschen an als Gewinner und Verlierer an
  • Sie nehmen den Menschen als Gesunden und Kranken an
  • Sie nehmen den Menschen an der Stelle, wo er gerade zu sein vermag an
  • Und sie nehmen den Menschen als ein Wesen, das sich zu reaktualisieren vermag
  • Sie anerkennen des Menschen Entwicklung als etwas Freies und Befreiendes, Freimachendes
Die humanistisch-orientierten Fachpersonen aus Coaching, Therapie, Medizin und Bildungswesen bilden gegenüber dem Heer der neoliberal-wirtschaftlich Orientierten einen wichtigen Punkt oder eine wichtige Position der Unabhängigkeit und Freiheit ein. Vielleicht eine nicht zu unterschätzende Insel an Restdasein, welche immer einen Platz für 'momentan Gestrandete' anbieten wird, da jeder ok bleibt.

Wenn Sie also ein Coaching beauftragen, beantworten Sie sich vorher die Frage, ob Sie für Ihr Anliegen eine neoliberal-orientierte Lösung suchen, um weiter Gewinne zu erzeugen, egal für wen?

Oder wünschen Sie ein Coaching auf humanistischem Fechtboden, welches Sie als Mensch sieht, sie annimmt, sie lässt und sich sicher ist, Sie werden sich entwickeln, ganz aus Ihnen heraus, auf dass Sie die Erfahrung machen, dass es in dieser Welt noch eine Art 'Ort' oder 'Zustand' gibt, der sich im Getriebe des Wirtschaftsorientieren unabhängig behält und sich eine persönliche wie gesellschaftliche Freiheit zu bewahren vermag? Dort auch die Freiheit die es braucht, um demokratisch leben zu können. 

Das ist die Frage. 

Und das ist es - ohne dass ich richten werde - was vorab zu klären ist, ansonsten die Erwartungen und das Vertrauen im Coaching bricht.  

Sie werden vielleicht nun fragen: "Was soll bitte daran falsch sein?" 

Die Antwort lautet: Nichts. So lange Sie sich dessen bewusst sind, was Sie tun. Wenn es für Sie das Richtige ist, tun Sie es. Wenn es für Sie nicht mehr das Richtige ist, gibt es anderes: ein humanistisches Weltbild, es mag Religion geben, Spiritualität, sonst geistig-spirituelle Haltungen. Sie werden aber alle davon abweichen, dem Siegen und Früchtetragen als Credo und Prämisse zu folgen. Sie nehmen einem auch dann an, wenn man mal einen Sommer lang keine Früchte trägt - das beruhigt massgeblich. Da ist ein möglicher Hort. Seien Sie darin immer willkommen. 

Getrost sein und Mensch. - Jona Jakob

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Welche Orientierungen könnten einer neoliberale Orientierung entsprechen?

  • Ausrichtungen zum Wettbewerbsvorteil: höher, weiter, schneller
  • Erfolgsorientierung im Sinne des Wettbewerbes: Stelle erhalten, Partner finden, Häusle bauen
  • Alles, was die persönliche Erscheinung über Status-Bedürfnisse etabliert: Golf, Auto, etc.
  • Alles, was unter Optimierung läuft: gesünder, mentaler, "eingestellt-sein", positivistisch
  • Meist alles, was einem aktuellen Trend entspricht: leichtes Gepäck, kein Fleisch, Bahn vs. Car
  • Alles, womit man gerne rumplaudert, weil es einem gut oder sicher oder beides darstellt
  • Connections, Optionen, Kontakte, Vitamin-B, who-is-who
  • Alles, was sich an In-vs.-Out orientiert
  • Das Meiste, welches mit einer bezifferbaren / wertmässigen Bewertung ausgedrückt wird
  • Alles Messbare im Sinn von Tracker-Technik: Schritte, Puls, Schlaf, Kalorien, Herz-Kreislauf
  • Alles, was Ihre Performance steigert: Mentaltechniken, Effizienzsteigerung, Motivation, etc.
  • Hier zählen Methoden, Messtechniken, Analysen im Coaching - Bewertbares, Gelöstes, Geld
Was sollte ein Coach wie auch die Coachees bei solchen Angeboten beachten: Ob es noch Hilfe zur Selbsthilfe ist - oder Diktat. Das zeigt sich meist in Titeln von Postings oder Eigenwerbung für Angebote: Jetzt! Noch heute! Endlich schlank! Nicht mehr Rauchen! Wie Sie endlich agil werden! ... diese Botschaften arbeiten mit moralischen Verwerfungen, mit Angst und mit der Motivation, im Leben auf der 'saven' Seite zu stehen. Auf der Seite, wo Sie gesellschaftlich und am Arbeitsmarkt nicht in Ungnade fallen, sondern geachtet bleiben. Der gefälligen und nicht kritisierbaren Seite, da man sich als Coachee ja bemüht, recht zu sein. "Recht" im Sinne von wem? Fürs System? Für den Arbeitgeber? Für die Krankenkasse? Für die Attraktivität im Sinne von privatem (Sexual- oder Fortpflanzungs)-Partner? Für bewertete Liebe? Wenn Sie sich frei und bewusst dafür entschieden haben, ist es ok. Wenn Sie das bedrängt und notgedrungen angepasst tun, wird es für Sie keine Lösung, sondern ein Zwang werden. 

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Welche Orientierungen könnten einer humanistische Orientierung entsprechen?

  • Come as you are - Komme, wie du gerade zu sein vermagst
  • Bleibe unbewertet
  • Werde angenommen
  • Sei
  • Sei Dich
  • Ich weiss nicht, was für dich das Deine ist oder "irgendwie gut" wäre
  • Ich lasse Dich 
  • Du wirst
  • Was ist dein Gefühl?
  • Was sind seine Bedürfnisse?
  • Es gibt kaum eine Idee von Zeit
  • Es gibt kaum eine Idee von Geschlechtern, Glauben, Alter, Lebensformen
  • Deine Freiheit ist wichtig
  • Um Verstehen zu ringen, Verstehen zu erarbeiten / herauszuarbeiten ist die Grundlage
  • Empathie ist meist ein bewusstes Dasein
  • Bewusstwerdung als Landgewinn
  • Freiheit im Handeln wie im Sein
  • Du bist Dich und wirst beständig
  • Hier zählen Bereitschaft, Lethologische Haltung, Nicht-Wissen, Zuhören, Verstehen, Mitfühlen / Empathie zu den Mitteln
Hierfür finden sich andere Angebote also oben beschrieben. Man sollte sich als Coach entscheiden, wofür man steht. Als Coachee sollten Sie sich möglichst vorab mit sich klären, was gerade Ihrem Anliegen entspricht und den Aspekt des Humanistischen vs. dem Neoliberalen mit dem Coach besprechen. Es ist durchaus ok, pragmatisch sich auf einen Erfolg vorzubereiten, insofern man das noch selber bestimmt. Wenn man das "muss", wird es abhängig. Ihre Freiheit in der Sache ginge darüber verloren. Das ist vorsichtig zu beachten. 


Die vielleicht grösste Herausforderung und mit möglichen Ängsten verbunden, ist die diffuse Wahrnehmung - und das bestätige ich Ihnen vorneweg - dass wenn man sich humanistisch zu sich selber entwickelt, man sich auf die eigenen Füsse und in eine Freiheit der eigenen Verantwortung stellt. Man entwickelt sich in eine lebenslang reifende Unabhängigkeit. Das erfordert viel Fühlen und ein stetes Nachdenken über sich selbst. Es bedeutet, dass man eigentlich niemandem und nichts mehr blind folgen wird. Man wird authentischer. Das Leben hat dann kein Kletterseil mehr als Hilfsschnur, sondern basiert auf den eigenen Entscheiden. Das ist arbeitsintensiv und von hoher geistiger Aktivität: Ich lebe. Ich lebe bewusst. Ich werde mich - das ist niemand anderes. Trage ich dann weisse Kopfhörer von Apple, habe ich mich hierfür bewusst besonnen. Aber unbewusst folgen, weil das gerade alle tun, tue ich nicht. 

Das ist bisweilen anstrengend, arbeitsintensiv und verunsichernd. Man behauptet sich sehr oft alleine gegen eine ganze Gruppe, die sich selber verteidigt.

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Es kann ein Glück sein, neoliberal erfolgreich zu werden. Bestimmt. Meist ist das Glück durch einen Sieg und auch Anteile von Macht genährt. Man ist irgendwie höher, weiter, schneller - oben. Aber wie im Wilden Westen wird bis zum Scheitern einer kommen und versuchen, einem die Position des Wettbewerbs streitig zu machen, und wenn es nur der Nachbar ist, der den neueren oder grösseren Wagen vors Haus stellt. Das Glück hängt in dieser Form vom fremd zugeschriebenen Selbst-Wert-Gefühl ab. 

Es kann ein Glück sein, humanistisch von dem allem befreit für sich selber zu stehen. Egal was wer behauptet. Das Selbstgefühl bestimmt meinen Tag und mein Wirken. Persönliche Stimmigkeit lässt mich Abstand und Bewusstwerdung zu den Dingen aufbauen, auf dass ich selbst zu möglichst jeder Zeit mit fröhlicher Laune entscheide, was die nächsten Stunden Meines wird - und was nicht. Sie stellen dann einzig mit sich das Ganze dar, selbst wenn alles von Ihnen abfällt. Dann lässt es sich sogar frei entschieden neoliberalen Dingen nachgehen. 

Das können Sie nun unterscheiden. Das ist erheblich - meine ich.

Eine solche Unterscheidung hilft auch zu unterscheiden, ob man ein 'Personal- oder Business-Coaching' beauftragt bzw. annimmt. Diese beiden Worte werden in vielen Fällen eher von der Frage her betrachtet, wer das Coaching 'beauftragt / in welchem Kontext / und ganz besonders: Wer es bezahlt. Bezahlt das Unternehmen, ist es ein Business-Coaching, so die Regel. 


www.jonajakob.com


(Mit Erlaubnis reinkopiert:) 

Zu Ihrem Artikel: wenn Sie mögen, können Sie meinen Beitrag unter Ihrem Artikel als Kommentar veröffentlichen.

Danke, für diesen Artikel, Herr Jakob! 

Für einen Coach ist es sehr wichtig zu wissen, dass es diese beiden Orientierungen gibt. Darauf gründet u.a. seine ethische Haltung in Bezug auf seinen Umgang mit Klienten und auf sein Wirken als Coach. Denn nicht immer ist Klienten bzw. Auftraggebern von Coaching diese Unterscheidung klar. Coaching-Ziele im Sinne von „besser funktionieren“ werden vorgegeben. Die Erwartungen an das Coaching gründen dann eher auf einem mechanistischen Weltbild, bei dem der Mensch als Maschine angesehen wird und die nicht funktionierenden Anteile „repariert“ werden sollen.  

Ein Coach, der zu diesen Fällen keine klare, humanistisch orientierte Haltung hat, läuft Gefahr, sich vor einen Karren spannen zu lassen, den er gar nicht ziehen kann. Denn der Mensch ist keine Maschine, sondern ein lebendiges System mit Entwicklungspotential. 

Beim Erstgespräch gilt es, sehr sorgfältig die Erwartungen aller Beteiligten an das Coaching abzuklären und sich dann selbst zu erklären, nach welchem Coaching-Ansatz und nach welcher Orientierung  man coacht. Dabei kann es passieren, dass man den Auftrag nicht bekommt oder ihn selber ablehnt oder, dass Kunden sich überzeugen lassen, dass ein Coaching im Sinne von Hilfe-zur-Selbsthilfe mit humanistischer Ausrichtung (und offenem Ergebnis) nachhaltiger und letztlich wertvoller ist.  

Dr. Brigitte Wolter. Management Coach, www.brandinvest.com


Lieben Dank für den Kommentar. (JJ)

Link zum initierenden Beitrag durch die FAZ-online:

19.06.17

Die nicht-direktive Beratung V: Die Freisetzung des Audrucks / Ermutigung / Vertrauen

Neben den ersten Präliminarien des Beratungsprozesses (Grundlagen und Leitplanken) geht es in diesem Beitrag um Betrachtung zentraler Beobachtungen im Prozess, dem zentralen Merkmal:

- die Freisetzung von Gefühl. 


Wichtig ist das Zutagefördern jener Gedanken und Einstellungen, Gefühle und emotionell belasteten Impulse, die sich um Probleme und Konflikte des Individuums konzentrieren. Das zu erreichen wird dadurch erschwert, dass die einfach auszudrückenden Einstellungen nicht immer die wichtigen und motivierenden Einstellungen sind. Folglich muss der Berater wirklich imstande sein, dem Klienten die Freisetzung zu ermöglichen, damit es zu einem angemessenen Ausdruck der grundlegenden Probleme seiner Situation kommt. 

Der Klient ist der beste Führer:
Der sicherste Weg ist es, der Struktur der Gefühle zu folgen, wie sie der Klient frei ausdrückt. Wichtig dabei: der Klient darf nicht in die Situation kommen, sich verteidigen zu müssen. Fragen kann den Prozess fördern. Die besten Interviewtechniken sind jene, die den Klienten dazu ermutigen, sich so frei wie möglich auszudrücken und bei denen der Berater sich gleichzeitig bewusst bemüht, jede Aktivität oder Reaktion zu vermeiden, die die Richtung des Interviews oder den Inhalt des Ausgedrückten beeinflussen würden. 

Rogers: Die Gründe für diesen Ansatz liegen auf der Hand. Nur wenige Probleme sind in ihrem Wesen nach ausschliesslich intellektuell, und wenn sie lediglich intellektueller Natur wären, dann ist Beratung nicht erforderlich. 

Reaktion auf Gefühl versus Reaktion auf Inhalt:
Am schwierigsten ist für den Berater vermutlich die Fähigkeit zu erwerben, das ausgedrückte Gefühl zu anerkennen, statt lediglich dem gedanklichen Inhalt des Gesagten Aufmerksamkeit zu schenken. In unserer Kultur sind die meisten Erwachsenen geschult, auf vorgebrachte Ideen einzugehen und nicht auf Gefühle. Emotionelle Einstellungen begleiten alles, was wir ausdrücken.

-

Im Coaching oder spezifischer: für Coaches ist es eine der schwierigsten Aufgaben, sich selbst darin zu vertrauen, für einmal nichts zu wissen. Man hat als beratende Person nicht weniger zu tun, als nur das zu wahren und zu fördern und es präsent zu halten, was dem Klienten seins ist. Den ganzen eigens erlernten 'Krempel' möge man bitte weg lassen.

Das bedeutet transparent gemacht, dass man sich von sich selber lösen können muss. Sich aber von sich selber lösen, also nicht weiter an sich und dem Erlernten, seinen Methoden zu klammern und vermeintliches Expertenwissen vorzutäuschen (besonders sich selbst was vorzumachen) bedeutet, man müsste sich eindeutig von seinen Eltern und auch vom einen oder anderen Vorgesetzten oder Unternehmen emanzipiert haben. Philosophisch hätte man Sterben gelernt, was die Griechen darunter verstanden, als wahre Form zu leben. Es bedarf der Kunst und Grösse, sich unabhängig zu stellen und sich dort zu halten, egal was einem widerfährt.

Das ist eine Position, die mir bei Menschen im Leben höchst selten begegnet ist. Mein Vater aber war ein solcher Mensch - er forderte seine Unabhängigkeit ein bis in den freien, gesunden und willentlichen Tod. Das ist (m)eine 45-jährige Erfahrung in meinem Leben. Ich habe eine Vorstellung davon, was es meint,

  • sich unabhängig zu positionieren
  • das zu können, es zu praktizieren vermögen und last but not least
  • das dann auch tun und leben zu wollen.
Das ist keine leichte noch sehr angenehme Position. Sie hat aber zur Aufgabe, in sich den aufrechten Gang zu wahren, auf dass jemand für sich den Mut finden kann - wenn auch anteilig erst -, es für sich selber zu wagen. Individuation ist eine Art Freimachen von Eierschale. 

Aber jedes Vertrauen des Klienten in seine Katharsis erwächst aus zwei Qualitäten des
In-Kontakt-Seins mit dem Coach:
  • Aus der spürbaren Sicherheit, es zu bestehen und dabei nicht unterzugehen; und
  • Und der spürbaren Sicherheit, der Coach werde einem darin nicht bewerten, weil er seine Anteile getrost und auf sich vertrauend beiseite lassen kann (lethologische Haltung - Foerster)
Die grössten Fragen die sich ein Coach zu stellen hat, sind also all jene, wo sie oder er sich darin reflektiert, wie unabhängig sie oder er unterdessen geworden sei und wie klar und frei man das für sich ins Miteinander trägt, ohne sich einlullen oder kleinreden zu lassen. 

Mein Vater schrieb mir: 'Man muss sehr wach sein, um träumen zu können.' - Hans Willi Klaus Jakob



04.05.17

Die nicht-direktive Beratung IV: Probleme, Lösungen und Ziele - vonseiten Klient oder vonseiten Berater?

Ich wiederhole das Intro je Posting, um deutlich zu machen, dass ich noch in der selben Arbeit bin. 

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.
Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55. Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Hinweis: Dieses Posting ist voll von männlichen Bezeichnungen und Begriffen. Mit Wertschätzung möchte ich hinweisen, in all dem jeden anderen Anteil an Gender zu bedenken und damit gleichauf herzlich miteinzuschliessen. Willkommen.




Eine der grössten Ambivalenzen fürs Coachen, für Coachings und fürs Coach werden ist jene, ich beschreibe das mal so, dass man sich vom aufgabenerfüllenden Beruf alleine stellt und das in einer beratenden Rolle. Beratend waren für uns seit der Kindheit

  • Eltern, Grosseltern, Erwachsene
  • Lehrer
  • Ärzte
  • die Polizei
  • Kirchenwürden
  • Ehren- und Amtsträger
  • alle mit einem akademischen Titel etc. 
Die Oberen, Besseren, Würdigeren, Hehrenen und oft einfach Älteren waren die systemisch übergestellten Orientierungsfiguren. Wenn "die" was sagten, folgen wir zumeist. Das impliziert bei nicht bewusstgemachter Reflexion, dass man beratend irgendwie

  • besser
  • wissender
  • erfahrener
  • vorauseilend
  • tüchtiger
  • schneller
sein müsste. Bisher war das ja so.


Doch die genau zu verstehende Sichtweise,
dass Coaching Hilfe zur Selbsthilfe ist, sagt erkennbar:
Nein, bitte nichts wissen, meinen, angeben. 

Hier nehmen erfahrene Coaches die sogenannt 'lethologische Haltung' ein (von Foerster) - die Haltung des Nichtwissens. An dieser Stelle unterscheiden sich die Angebotsformen.

Sie gelten zuerst alle als 'Beratung'. Aber je nach Haltung, Denkweise, Schule und Methode unterscheidet sich das Marktangebot und das Gebaren der beratenden Figur, ob in der persönlichen Begegnung oder indirekt als Texte, Marketing, Aussagen, als

  • Trainer         Schulung
  • Coach           Nicht-direktive Begleitung
  • Berater         Direktive Begleitung
  • Therapeut     Nicht-direktive Begleitung, analytisch
  • Praktiker       Anwendende Methoden (meist körperlich)


Wie kann ich eine direktive von einer nicht-direktiven Beratung unterscheiden?


Eine Grundlage zur Unterscheidung einer nicht-direktiven gegenüber einer direktiven Beratung besteht darin, einen Blick darauf zu werfen, von wem aus

  • das Thema
  • das Problem
  • das Ziel und
  • die Lösung 
eingebracht wird / ausgeht.


Wer wählt das Ziel des Klienten aus? 


Die direktive Gruppe geht davon aus, dass der Berater das wünschenswerte und anerkannte Ziel, das die Klientschaft erreichen soll, auswählt und seine Bemühungen darauf  richtet, den Kunden bei der Erreichung zu helfen. - Das impliziert, dass die Beraterfigur den Klienten überlegen ist, da davon ausgegangen wird, dass die Klientel ausserstande ist, die volle Verantwortung für das Auswählen des eigenen Zieles zu übernehmen. 

Die nicht-direktive Beratung basiert auf der Haltung, dass die Klientschaft das Recht hat, seine Lebensziele selbst zu wählen, selbst wenn diese im Gegensatz zu den Zielen stehen, die ein Berater allenfalls für die Person ausgewählt hätte. Damit nehmen Beratende der nicht-direktiven Beratung die Haltung ein davon überzeugt zu sein, dass das Individuum wahrscheinlich eine gute Wahl treffen wird, wenn es zu einer gewissen Einsicht in sich selbst und in seine Probleme gelangt ist (Ziele und Themen laufend anpassend / optimierend / erkenntnisorientiert entwickelnd). 

Der direktive Standpunkt legt grossen Wert auf soziale Übereinstimmung und das Recht des Fähigeren, den 'Unfähigeren' zu lenken. 

Der nicht-direktive Ansatz legt grossen Wert auf das Recht des Individuums, psychisch unabhängig zu bleiben und seine psychische Integrität zu erhalten und auszuschöpfen. 

Beide Standpunkte entstanden aus unterschiedlichen Beziehungen zur sozialen und politischen Philosophie, wie zu den Techniken der Therapie. Hier kann unterschieden werden zwischen
  • Persönlicher Erziehung (direktiv) und
  • Persönlicher Entwicklung (nicht-direktiv)


Konzentration auf das Problem (direktiv) vs. auf den Klienten (nicht-direktiv)


Als Folge dieser Unterschiede in den Werturteilen (Menschenbild des Beraters) wird erkennbar, dass die direktive Gruppe dazu tendiert, ihre Denk-, Handlungs- und Angebots- wie Verfahrensweise auf das Problem zu konzentrieren. Wenn das Problem auf eine Weise gelöst ist, der der Berater zustimmen kann, und wenn die Symptome beseitigt sind, wird die Beratung als erfolgreich betrachtet.

Die nicht-direktive Gruppe legt den Fokus auf den Klienten und nicht auf das Problem. Wenn Klienten durch den Begleitungsprozess (z.B. Coaching) zu genügend Einsicht und Erkenntnis gelangten, um die eigenen Verhältnisse zur realen Situation zu verstehen, dann können die Klienten jene Methode zur Optimierung wählen, die für sie im Moment den höchsten Wert hat. Solche Klienten werden später eher imstande sein, mit zukünftigen Problemen fertig zu werden, weil die Erfahrung der eigenen Einsicht und Unabhängigkeit als eigens gemachte Erfahrung dazu beitragen, sich selber zu optimieren.

1. Indiz: Wer bestimmt das Ziel?

  • Direktive Beratungsansätze wissen irgendwie, wer was braucht und "wie Sie da geholfen werden"
  • Nicht-direktive Beratung wartet ab, mit welchem Anliegen Klienten ankommen und darüber sprechen bzw. daran arbeiten möchten, um selber zu Lösungen zu finden. Hier begleiten bedeutet Coaching in seiner Reinform, nämlich nicht gleich die Lösung zu finden, sondern den Menschen so sich selber finden zu lassen, dass dieser sich wagt sich zu wagen und zu entdecken und so zu seiner Klärung und zu seinem Selbst findet. Schritt für Schritt.

2. Indiz: Auf wen oder was wird der Fokus gelegt?

  • direktive Gruppe dazu tendiert, ihre Denk-, Handlungs- und Angebots- wie Verfahrensweise auf das Problem zu konzentrieren.
  • Die nicht-direktive Gruppe legt den Fokus auf den Klienten und nicht auf das Problem.

Was bedeutet das für ein nicht-direktives Coaching-Angebot, wenn man Coach werden möchte?

Das bedeutet, dass man eigentlich nicht "reinfingern" dürfte, weder marktschreierisch, heilsverkündend, missionierend noch moralisierend - egal wie "vernünftig" es sich nach aussen darstellt.

Womit bei nicht-direktiver Haltung Klienten nicht verführt werden dürften:
  • Zu tiefe Honoraransätze
  • Freundschaftliche Angebote / kollegiale Angebote / innerfamiliäre Angebote
  • Keine Appelle (RUF MICH AN!) - auch nicht auf Flyern (AIDA: 'Action')
  • Auf Websites: keine Pop-Ups, kein Fordern von eMailadressen, kein Drängeln mit Newslettern
  • Beim nächsten Termin nicht ins Direktive verfallen, da man ja schon beim letzten Mal davon sprach - neu erkunden, was ist
  • Keine Ratschläge - Angebote sind gut machbar / oder sogar fragen, ob ein Angebot gewünscht sei / wird
  • Oft: zeitlich nicht drängeln - warten und auch in den formellen Vertragsbedingungen klientenorientiert bleiben.
  • Sich dabei selber nicht opfern, wie z.B. keine Coachings nach 22:00 Uhr oder sowas. 

Was kann ich tun, um nicht-direktiv Klienten auf mein Angebot aufmerksam zu machen?

Nicht-direktiv meint vielleicht, nicht einmal jemanden wo abholen. Vielleicht möchte der Klient seinen Berater beauftragt nur bei sich haben. Mehr nicht. Rogers schwieg einmal 1 Sitzung (50 min) mit seinem Klienten. Das war es, was der damals brauchte. 
  • Fragen Sie: Darf ich Sie auf mein Aufgebot aufmerksam machen? Auch in geschriebener Form
  • Enden Sie Ihre Sätze eher mit einem Fragezeichen, statt mit einem Punkt.
  • Notieren Sie keine Appelle oder Imperative, keine Verallgemeinerungen und Pauschales
  • Notieren Sie eher im Konjunktiv, lassen Sie so viel wie möglich offen (q.e.d. :-))
  • Vielleicht 2-4 Websites zu Coaching-Themen ansetzen
  • Die eigene Website als Visitenkarte vertehen und dort schauen, dass Sie in der Region im Internet gefunden werden (lassen Sie sich notfalls beraten)
  • Notieren Sie auf Ihren Trägern von Botschaften: Ich habe als Coach eine nicht-direktive Haltung / ich coache mit einer personenzentrierten Haltung / non-direct
  • Notieren Sie Ihr Haltung, wie Sie Menschen / Klienten sehen und aufnehmen bzw. begleiten
  • Zeigen Sie sich authentisch, vielleicht schreiben Sie mit der Zeit einen Blog, wo Sie ihre eigenen Gedanken transparent machen / werden Sie greifbar / fühlbar
  • Schaffen Sie sich so Resonanz bei den Lesern / Gleichklang / Vertrauen / Lust anzufragen
  • Schenken Sie den Menschen deren Ok-Sein, ihre Annahme (Maslow 3. Ebene), Akzeptanz
  • Erklären Sie Ihre Sichtweise zur Idee der 'Bewertungsfreiheit / Nichtbewertung / Ok-Seins'
  • Bleiben Sie auch im Schriftlichen und allen Kontakten mehr aktiv zuhörend
  • Hören Sie, um zu verstehen - und nicht: hören um zu antworten
  • Lassen Sie allem mehr Zeit als üblich
  • Suchen Sie keine pragmatische Lösungen und auch nicht zu sehr vernunftsorientierte. Damit ist nicht gemeint, unvernünftige Ideen zu finden, sondern den Druck der Vernunftsorientierung im Prozess für einmal aussenvor zu lassen

Als Jona Jakob möchte ich abschliessend erwähnen: Sie merken vielleicht, dass es für jeden Menschen, auch für mich, ein lebenslanger Weg ist bzw. sein wird, in nicht-direktiver Haltung zu Begleiten. Und es ist, genauer und vertiefter erfahren, kaum von der Hand zu weisen, dass die nicht-direktive Haltung eine tägliche Lebensform von einem selbst ist - das geht in einem über und macht einem spürbar aus. Sagen wir mal, zu den Bürozeiten werden Sie als nicht-direktiver Coach eine derart spürbare Präsenz gewinnen - oder Sie bleiben wenig erkennbar. Aber das grösste "Marketing" für den nicht-direktiven Ansatz als Coach liegt in der eigenen Person und ihrer Art und Weise, sich damit anzubieten und verständlich zu machen. 

Wer den Personenzentrierten Ansatz erfahren hat, wer das Dasein und Leben des Nicht-direktiven spüren durfte, ob als Klient, Schüler oder begleitende Person wird vielleicht eines Tages zurückkommen und sagen: Mit jeder Erfahrung mehr musste und mochte ich nicht mehr ins Direktive zurück. 

Willkommen.

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Für persönliche Entwicklung

03.05.17

Die nicht-direktive Beratung III: Die (therapeutische) Beziehung

Ich wiederhole das Intro je Posting, da ich noch in derselben Arbeit bin. 

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.
Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55. Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Hinweis: Dieses Posting ist voll von männlichen Bezeichnungen und Begriffen. Mit Wertschätzung möchte ich hinweisen, in all dem jeden anderen Anteil an Gender zu bedenken und damit gleichauf herzlich miteinzuschliessen. Willkommen.




Als nächsten Aspekt betrachtet Carl R. Rogers in seinem Buch die 'therapeutische Beziehung' zwischen Therapeut und Klient. Das Selbe kennt (oder lernt) man als Coach als 'Klient-Coach-Verhältnis', was man systemisch betrachten kann, um den Coachingprozess für den Klienten zu erfassen, allenfalls zu supervidieren - als Coach auch: Das Verhältnis zu strukturieren, begrenzen und zu regeln.

In dem Buch vergleicht Rogers diese Verhältnisse
a) auf noch ältere Beziehungen, also bis 1940 und
b) als Psychotherapeut, der viel mehr unterschiedlich gelagerte Fälle und Klienten annimmt.




Für vereinbarte Coachings gelten:


Das Verhältnis bei einem Coaching wir von vornherein durch folgende Faktoren bestimmt: 

  • Der Klient kommt aus eigenen Stücken (freiwillig) ins Coaching (Aspekt: Entscheid)
  • Der Klient kommt aus eigenem Antrieb und Initiative ins Coaching (Aspekt: Werbung)
  • Der Klient hat den Coach aus freien Stücken gewählt / aus einigen Vorabklärungen erwählt
  • (Es gibt viele Varianten des beauftragten Coachings im Business - ich gehe hier nicht darauf ein)

Weiter spielen eine Rolle:
  • Die Übernahme der Selbstverantwortung des Klienten für sein Coaching
  • Der Grad an Selbstbestimmungskompetenz des Klienten, die intakt sein muss
  • Die 'Coachbarkeit' des Klienten, die mit der Selbstbestimmungskompetenz verknüpft ist - aber nicht nur (siehe Aspekte der Klienten-Einstellung: Not, Zwang, Abhängigkeiten, Finanzen, etc) Teil II


Was Rogers bezüglich Therapeuten-Klienten-Beziehung betrachtet:


Damit es zwischen Klient und der begleitenden /  beratenden Person zu einem wirksamen Prozess kommt, erwähnt Rogers folgende Aspekte und Kriterien:

(Rogers, S. 83) Nicht selten bleibt wohlgemeinte Beratung ohne Erfolg, weil nie eine befriedigende therapeutische Beziehung zustande gekommen ist. 

(Rogers, S. 83) Was die beratende Beziehung NICHT ist: 
  • Keine Eltern-Kind-Beziehung mit
    • Affektbindungen
    • Abhängigkeiten
    • autoritäre Rollen
    • verantwortliche Rollen
    • Dauerhaftigkeit
    • Vollständige Hingabe
  • Keine Beziehung von Freund zu Freund
    • Vollkommene Gegenseitigkeit
    • Wechselseitiges Verstehen
    • Geben-Nehmen
  • Keine Lehrer-Schüler-Beziehung
    • Top-Down-Beziehung
    • Voraussetzung: einer lehrt, der andere lernt
    • Das Vertrauen in intellektuelle Prozesse
  •  Keine Arzt-Patienten-Beziehung
    • Diagnose und autoritärer Ratschlag seitens des Arztes
    • unterwürfige Hinnahme und Abhängigkeit
Diese Liste liesse sich fortführen. Kurzum, die beratende Beziehung stellt eine Art sozialer Bindung dar, die sich von jedweder anderen Beziehung unterscheidet, die der Klient bis dahin erfahren hat. 

(Rogers, S. 84) Wie die Beziehung mit positiven Begriffen beschreiben?
  1. Das erste ist eine Wärme und Empfänglichkeit  auf seiten des Beraters, der eine Verbindung möglich macht und die sich nach und nach in eine tiefere emotionelle Beziehung verwandelt.
  2. Das zweite Merkmal der beratenden Beziehung ist das Gewährenlassen oder Gestatten in bezug auf den Ausdruck von Gefühlen.
  3. (S. 86) Das dritte Merkmal ist das Fehlen jeder Art von Druck und Zwang. Bei der nicht-direktiven Beratung vermeidet der Therapeut, seine eigenen Wünsche, Reaktionen oder Widersprüchlichkeiten in die therapeutische Situation einfliessen zu lassen. 
Rogers erwähnt nun, dass diese Aufstellung erst einmal dem Therapeuten er'sichtlich wird. Hingegen ist dem Klienten diese Qualität des Im-Kontakt-Seins erst einmal nicht bekannt oder bewusst. Er empfindet das zum ersten Mal. 

(Rogers, S.87) Daher kann der Klient häufig zum ersten Mal in seinem Leben wirklich er/sie selbst sein und jene Abwehrmechanismen und Überkompensationen fallen lassen, die er generell braucht, um dem Leben gegenübertreten zu können. 

Rogers beschreibt, was (mir JJ aus Coachings) oft zum Abschluss von Sitzungen oder dem Coachings geäussert wird: ... dass die Atmosphäre der Beratung eine einmalige Erfahrung für ihn/sie gewesen ist. 

Danach gibt es noch die Aspekte: 
  • Strukturierung der Beziehung in der Praxis
  • Fragen der Grenzen


Was an dieser Stelle fürs Coach-Sein oder Coach-Werden zu betrachten ist: 


Der so leicht 'nachvollziehbare' Gedanke einer nicht-direktiven Beratung, so muss man an dieser Stelle langsam eingestehen, ist eine persönliche 'Revolution' des gesamten Verständnisses und persönlichen Haltung. Natürlich kann man einwenden, die Haltung sei für die Qualitätszeit mit dem Klienten einzunehmen - aber genau betrachtet geht das nicht wirklich, mal so und mal so. 

Der Entscheid, sich beratend und begleitend nicht-direktiv einstellen zu wollen, ist fundamental verändernd. Ich erinnere mich noch, als ich im Vorgespräch zu einem Jahr Ausbildung in 'Fokusing' von der Kursleiterin und praktizierenden Psychotherapeuting in Zürich deren Gedanke vernahm: "Sie wisse selber noch nicht, ob Sie Rogerianerin werden möchte." Diese Äusserung verstehe ich erst heute, 15 Jahre später, so langsam und ich kann ihr nun besser nachfühlen. Damals war ich nur blind beeindruckt. 

Was ich damit aufzeigen möchte: Sie werden mit sich selber über eine lange Zeit in die Reflexion und Selbstreflexion gehen müssen - es kann nicht sein, dass dieser Ansatz "mal so / just so" in das Übergeht, woraus / woher / womit Sie bisher hergekommen sind (come as you are). 

Wenn Ihnen diese Verhältnisse zu Ihren Klienten gelingen, vernehmen Sie dann ...
  • "... konnte noch nie so mit jemandem reden."
  • "... war noch nie so frei und ohne schlechte Gefühle, mich so offen zu zeigen."
  • "... das habe ich noch nie mit jemandem sonst besprochen."
  • "... es war so leicht bei Ihnen, so ohne Druck und unbewertet."
  • "... es ist so schön zu spüren, dass ich auch in meiner Schwäche ok bin und bleibe."
  • "... mich bewegt mein Thema - aber nicht mindestens so bewegt mich, wie Sie (JJ) das machen, dass ich mich derart angenommen und belassen fühle. Alles darf sein. Ich kann frei atmen."
Mein vielleicht bildlichstes Feedback war das eines Schweizer Einkaufsmanager, der mir schrieb: 

"Herr Jakob, es ist, als ob man im Portemonaie (Geldbeutel) in einem vergessenen Fächli  (Fach) ein Hunderter Nötli findet. Und dann gleich noch eins! ..."

(Hundeter Nötli = ein 100-Euro-Schein)





02.05.17

Die nicht-direktive Beratung II - Wann ist Beratung angezeigt?

Ich wiederhole das Intro je Posting, um deutlich zu machen, dass ich noch in der selben Arbeit bin. 

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.
Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55. Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Hinweis: Dieses Posting ist voll von männlichen Bezeichnungen und Begriffen. Mit Wertschätzung möchte ich hinweisen, in all dem jeden anderen Anteil an Gender zu bedenken und damit gleichauf herzlich miteinzuschliessen. Willkommen. 
Für den Anfang lese und betrachte ich ohne viel Erklärungen von Rogers folgende Textstellen:

(Rogers, S. 55) Wann ist Beratung angezeigt?


(Rogers, S. 55) Welche Art von Beratung auch durchgeführt werden mag oder unter welchen Umständen auch immer der Berater seine Arbeit verrichtet - er trifft viele seiner Entscheidungen während des ersten Kontakts.

(Rogers, S. 55) Der Klient kommt
Der enormen Vielfalt von Problemen, Symptomen und Ursachen, denen sich Ärzte und Berater bei den Individuen, die zu ihnen kommen, gegenüberstehen, ist sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. Viel zu wenig Beachtung hat man hingegen der Vielzahl von Einstellungen geschenkt, die das Individuum gegenüber Hilfe haben kann, und viel zu wenig ist bedacht worden, welchen Einfluss diese Einstellungen auf das therapeutische Verfahren haben. 

(Rogers, S. 56) Wenn wir uns vorstellen, dass diese unterschiedlichen Einstellungen in Verbindung mit allen möglichen Arten von Problemen und Individuen auftreten können, dann fangen wir an, die Situation in ihrer Komplexität zu sehen:

  • A mit tief verwurzelt emotionale Konflikte
  • B der verstockte Kriminelle
  • C das Kind und seine Eltern
  • D glaubt, sich für den falschen Beruf entschlossen zu haben
  • E der mit seiner Tätigkeit unzufrieden ist
Sie sind alle Teil des Gesamtbildes (für Rogers Situation als Psychotherapeut in den 50ern)

Genau so müssen wir die unterschiedlichen Kapazitäten und Qualitäten der einzelnen Individuen erkennen - 
  • den Stabilen
  • den Labilen
  • den geistig Behinderten
  • den überragend Intelligenten
Es erhebt sich die Frage, ob es möglich ist, Prinzipien zu finden, die den Berater befähigen, seine ersten und anfänglichen Entscheidungen über einen Fall mit mehr Klarheit zu treffen. 

(Rogers, S. 56) Welche Art von Behandlung ist angezeigt?
Ein Herausschieben des Entscheides wäre für den Berater optimal - aber das geht in der Realität nicht. 

Weitere Fragen

(Rogers, S. 57) Steht der Klient unter Druck?

(Rogers, S. 63) Ist der Klient seiner Situation gewachsen?

(Rogers, S. 66) Kann der Klient Hilfe annehmen?

(Rogers, S. 72) Ist der Klient von familiärer Kontrolle unabhängig?

(Rogers, S. 79) Wie steht es mit der Fallgeschichte?




Was bedeuten diese Gedanken für denjenigen, der sich als Coach ausgibt? 


1. Zuerst einmal ist es, als würde man gegen den Strich gekämmt. Man hat zuvor unzähliges Wissen angeeignet, Berufliche Abschlüsse, Studium, etc. absolviert - und nun soll man die Haltung einnehmen, 

  • "nichts zu wissen"
  • auch nicht genau für diesen Menschen, der den ersten Kontakt sucht
  • obwohl man das Problem erkennen könnte / Lösungen sieht / Wissen hätte
  • bereit sein, die Anfrage abzulehnen
  • nur Coaching anzubieten - da Coaching keine Therapie ersetzt!
  • Worte finden, wie man dem Anfragenden gleich schon sagt: "Nein, geht leider nicht."

2. Was nun als Orientierung und Leitplanke dient, vereinbart sich
  • im Wort 'Coaching'
  • in der Beratungsform 'Coaching'
  • in der Definition von 'Coaching'
  • in der persönlichen Haltung des Coaches
  • in der unmissverständlichen Klarheit des Coaching-Prozesses und last but not least
  • im Klienten-Coach-System
... denn Coaching bleibt Hilfe zur Selbsthilfe. Coaching ersetzt keine Therapie. 

3. Die Frage nach der Beratung ist also für Coaches nur insofern angezeigt, als dass zu klären ist, ob des Menschen Anliegen eines ist, welches per Coaching begleitet werden kann. Passt das Thema / das Problem / das Anliegen / das Bedürfnis / eine Lösung in den engen Rahmen dessen, was ein Coaching-Prozess zu leisten vermag?

4. Damit wird erheblich wichtig, dass sich Coaches selber ein Mass auferlegen, welches sie nicht überschreiten - und wenn doch, da erst mit der Zeit sich zeigend, dann halt noch bereit zu sein, dem Klienten aufzuzeigen, dass damit der Rahmen eines Coaching (mit ihm oder ihr, dem Coach) gesprengt wird und das Coaching daher beendet und allenfalls in andere Hände übergeben werden sollte. 

Mit dem 'Mass' spreche ich den Gedanken an, dass man sich immer und immer wieder überlegen muss (dauernde Selbstrelexion), wie weit die eigenen Erfahrungs- und Kompetenzparameter gediehen sind und wo man im eigenen Leben - in seiner persönlichen Entwicklung - steht: 
  • erste Ausbildungen und Berufserfahrungen
  • Phasen des eigenen Lebenszyklus: jung, erwachsen, elterlich, reif, älter
  • Primärausbildungen fürs Coaching auf Basis der humanistischen Psychologie
  • Lebenserfahrung
  • Managementerfahrungen
  • Führungserfahrungen
  • Kommunikationsvermögen
  • Mental- und Motivationskenntnisse
  • Sozialkompetenz
  • Methodenkompetenz
  • Selbsterfahrungen von Erfolg bis Scheitern, von Freud und Leid
  • Thema Mann / Frau / Paare / Familien / Ältere / Fremde / Jüngere 
  • Lebensthemen: Liebe / Arbeit / Beziehungen / Arbeitsstellen / Scheitern / Krankheit / Tod
  • Gefühle / Bedürfnisse / Blockaden / Traumata
  • Heikle Themen: Geld / Status / Tradition / Sexualität / Ersatzhandlungen / Drogen / Suizid
  • Richtung bzw. Ausrichtung der eigenen Coaching-Ausbildung(en)
  • Wirtschaftliche und geistige Unabhängigkeit
  • etc. 

Die Fragen lauten also: 
  • Was für ein Coach bin ich (schon) / kann ich schon sein?
  • Welches ist mein Weltbild?
  • Welches ist mein Menschenbild?
  • Welches ist mein Kompetenzfeld / sind meine Kompetenzfelder?
  • Bin ich ein positiv ausgerichteter Coach? oder kann und mache ich Defizit-Coaching?
  • Bin ich eher methoden- und lösungsorientiert?
  • Bin ich eher ein Business-Coach? Arbeite ich mehr mit Werten?
  • Oder bin ich mehr ein Personal Coach? Arbeite ich mit Anteilen der Psyche?
  • Bin ich sogar eher ein Trainer? oder ein anwendender (Heil-)Praktizierender?
  • Bin ich ein Drill-Sergeant? Ein direktiver Berater? 
  • Bin ich gar kein Coach? Mag ich das gar nicht sein - sondern will Ziele und Resultate sehen?

Bin ich Coach: Habe ich das Basiswissen intus, welches einem Anfragenden auf unterschiedlichste Weise darlegen kann, was in den Bereich Coaching gehören kann und was aber nicht? Kann ich den Rahmen aufzeigen, erklären, erstellen und einhalten, der aus der 'Beratung' ein  Coaching werden lässt? Ist mir bewusst, welches meine Verantwortung ist und welche die des Coachees? Habe ich hierfür allenfalls strukturierte Schritte, die beide beteiligten Parteien im Prozess behalten?

Bei all den Fragen und Entscheidungen, die Sie vielleicht direkt während eine Telefonats oder Erstgespräches stellen und fällen müssen, muss eine Sache ebenso für Sie beantwortet sein: 
  • berate ich den Klienten eher direktiv? oder
  • begleite ich den Klienten eher nicht-direktiv? 

Abschliessend: Rogers theoretische Frage 'Wann ist Beratung angezeigt' steht weit über der Situation, die wir uns als Coaches oder angehende Coaches zu stellen haben. Aber wenn Coach oder Coaching, dann ist DAS der ausschlaggebende Rahmen, fundiert und strukturiert zu wissen (bzw. zu lernen), was hier hin gehört - und was nicht. 

-----

Kleine Veranschaulichung - so dass Sie hier Ihr eigenen Augenmass gewinnen können: 

Annahme: 
  • eine Coachingausbildung dauert (mind.) 1 Jahr (bitte nix darunter erwägen, wenn  Sie
    Coach-Coach werden möchten. Wenn Sie coachender Finanzberater werden, ok.
  • ------
  • eine Ausbildung im Bereich Transaktionsanalyse dauert bis 3 Jahre und mehr
  • eine Ausbildung zum Personenzentrierten Gesprächsberater dauert 3 Jahre und mehr
  • Abschlüsse für Supervision dauern danach meist nochmals 2-3 Jahre
  • Ein Abschluss als Heilpraktiker Richtung Psychologie dauert um die 2 Jahre

Das zeigt Ihnen, dass viele Coachingausbildungen einen ersten Werkzeugkasten darstellen, so als würde ich Ihnen für das Thema 'Kochen' ein Messerset schenken. Von Vorbereitungen, Grundzubereitungen, Zutaten, Qualitäten, von Unzähligem mehr ... hätten Sie noch keine Ahnung; eine Kochlehre ist dann immer noch zu mache :-)

Fangen Sie an Coach zu werden - behalten Sie sich aber stets im eigenen Rahmen. Je nach dem wie weit dieser geraten ist, ergibt sich Ihnen die Antwort: Wann ist mit Ihnen welche Tragweite von Coachingprozess angesagt und erfolgreich begleit- bzw. für den Coachee gestaltbar?





01.05.17

Die nicht-direktive Beratung I - Ausgangslage und Hypothese

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.


Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55.

Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Für den Anfang lese und betrachte ich ohne viel Erklärungen von Rogers folgende Textstellen:

(Rogers, S. 11) Der Ansatz zur Beratung besteht heute nicht im Erbringen einer Leistung, mit deren Hilfe bestimmte Probleme gelöst werden können. Er ist vielmehr eine Technik, die das Individuum lehren kann, den geistigen und emotionellen Habitus anzunehmen, der es befähigt, seine eigenen Probleme selbst zu lösen. Das eigentliche Ziel des Beraters ist die Entwicklung einer neuen Einstellung bei dem Individuum, das er berät.
Diese Einstellung sollte dem Klienten selbst wachsende Einsicht in seine Probleme geben und ihm helfen, eine zunehmende Integration seiner eigenen Persönlichkeit zu erreichen. Dann wird er in späteren Perioden seines Lebens imstande sein, neu auftauchende Probleme zu lösen. 

(Rogers, S. 28) Die grundlegende Hypothese
Die Hypothese lautet: 



Wirksame Beratung besteht aus einer eindeutig strukturierten, gewährenden Beziehung, die es dem Klienten ermöglicht, zu einem Verständnis seiner selbst in einem Ausmass zu gelangen, das ihn befähigt, aufgrund dieser neuen Orientierung positive Schritte zu unternehmen.

Carl R. Rogers 


Dann folgen Kapitel, in denen Beratungsformen abgegrenzt werden:

  • Die Verwendung von Ratschlägen
  • Die intellektualisierte Interaktion
  • Eine neuere Psychotherapie

(Rogers, S. 38) Charakteristische Schritte im therapeutischen Prozess
  1. Der Klient will Hilfe
  2. Die Situation ist definiert
  3. Die Ermutigung zum freien Ausdruck
  4. Der Berater akzeptiert und klärt
  5. Der stufenweise fortschreitende Ausdruck positiver Gefühle
  6. Das Erkennen positiver Impulse
  7. Die Entwicklung von Einsicht
  8. Die Klärung der zur Wahl stehenden Möglichkeiten
  9. Positive Handlungen
  10. Wachsende Einsicht
  11. Gesteigerte Unabhängigkeit
  12. Das nachlassende Hilfsbedürfnis


Was bedeutet diese Hypothese für meine Einstellung?


1. Ich muss Menschen annehmen können. 
Zuerst einmal muss ich damit einen Menschen annehmen wie er daher kommt. Meine Vorbehalte müssen in hohem Mass gering sein. Ich muss Mut haben und befreit sein von Vorurteilen, Ängsten, Betroffenheiten, etc. Das Menschliche sollte mir nicht fremd sein. Auch das Unangenehme, das Belastende bis hin zum Stinkenden, ich muss es einfach da sein lassen können. 

2. Ich muss meine Bewertungen, Werte und Orientierungen haben - und draussen lassen
Im Coaching überlasse ich es dem Klienten, vor dem ersten Termin seine Lebensgeschichte zu verfassen. Dann erhalte ich diese. Und dann lese ich sie nicht - oder nur partiell. Ich selber möchte leer bleiben, unbetupft, ohne schon grosse Ideen, was mit dem Menschen sein könnte, was sein Problem abzeichnet und wo die Lösung läge. 

Um zu coachen erlebe ich es als enorm unterstützende, wenn ich mich selber geklärt habe. Ich habe meine Werte, Haltungen und Orientierungen. Ich weiss dank langer Reflexionen, was mich ausmacht, wie ich ticke und was mir wichtig ist - oder was für mich nicht geht. Das ist in mir bewusst gemacht, mit Vermögen und Limiten, mit Stärken und Schwächen, mit Tempi, Nähe und Distanz. Aber: das lasse ich so weit als irgend möglich draussen / aussen vor / weg. Selbst wenn ich mich authentisch zeige, mich transparent mache, behalte ich das Meine bei mir. 

3. Ich muss Menschen für "voll" annehmen mögen: würdig, selbstaktualisierend, sich emanzipierend
Mich sollte möglichst kein Vorurteil in meiner Sicht auf jemanden einschränken. Auch sonst sollte mich keine Eigenschaft an dem Menschen der Art beeinflussen, dass ich ihn an dieser Stelle aufgebe oder sonst innerlich ausschliesse. - Sonst sollte ich diesen Menschen nicht als Klient annehmen. 

4. Ich muss vertrauen
Weit mehr als ich mir selber vertrauen sollte, muss ich in die Klienten vertrauen. In jeden in seiner Art. Er oder sie werden Dinge tun, dich ich selber vielleicht nicht täte oder tun muss. Darin muss aber meine Annahme beständig bleiben. 

5. Ich muss mein Wissen als Nicht-Wissen bewahren
Im Sinne einer 'Lethologischen Haltung' (von Foerster) ist für Rogers Hypothese mein Wissen und meine Lösungsfähigkeit als ein Nicht-Wissen bereit zu halten. Ich kann Angebote machen, aber das ist auch das Höchste - als gelieferter Input, als Ich-Botschaft und ohne Ansätze von Ratschlägen. Die Klienten wählen, was davon für sie Sinn macht und weiterhilft. 

6. Der Klient emanzipiert sich von mir - idealerweise
Ich kann für mich annehmen, dass sich wer wieder von mir abwendet, da er frei kam, frei blieb und frei bleibt. Hierfür mag ich mich ethisch clean halten. 

7. Ich muss Farbe bekennen, wenn ich meine, den Kontakt zu jemandem zu verlieren, weil ich ihn nicht verstehe oder verstehen kann!
Wenn meine Vorbehaltlosigkeit mir Grenzen spürbar macht, jemanden anzunehmen, weil der "so oder so" tickt / lebt / sich orientiert, dann bin ich ethisch fairer, wenn ich ihm das transparent mache und mich als Coach daher nicht anbiete. Ich kann vielleicht dafür jemanden vermitteln, der das kann. 

8. Ich glaube nicht, alles verstehen zu können
Ich werde vielleicht nie wirklich jemanden verstehen. Das muss uns offen bleiben. Jedenfalls werde ich nicht so tun wollen, als würde ich auf "jeden Fall" verstehen. 

9. Ich sollte mich nicht kaufen lassen.

10. Ich sollte mich vielmehr dem anderen zumuten, das aber selber verantworten. 

11. Wenn ich meine vielen "Müssen" nicht 'mag', sollte ich es sein lassen. 


___________


Machen Sie sich immer wieder Gedanken, wer Sie als Coach sind oder sein möchten und warum Sie diese oder jene Lehre, Schule, Buch bewegt 
  • Wie weit geht Ihre Vorbehaltlosigkeit? 
  • Welches Format haben Sie? 
  • Welche Erfahrungen machten Sie? 
  • Wie nackt können Sie sein? 
  • Wohinter verstecken Sie sich am meisten?
  • Was sind Ihre Nöte und Ängste?

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15.04.17

Auszug: 'Zur nicht-direktiven Beratung'

Dies ist ein beispielhafter Auszug zur nicht-direktiven Beratung.

Es handelt sich als Vergleich um Regeln, die für die Berater der Western Electric Company aufgestellt waren und die folgendermassen lauten: 

  1. Der Interviewer soll dem Sprechenden geduldig und freundlich aber auch in verständnisvoll kritischer Weise zuhören.
  2. Der Interviewer soll keinerlei Autorität demonstrieren.
  3. Der Interviewer soll weder Ratschläge noch moralische Verweise erteilen.
  4. Der Interviewer soll nicht mit dem Sprechenden diskutieren.
Der Interviewer soll nur unter bestimmten Voraussetzungen reden oder Fragen stellen:
  • Um der Person das Reden zu erleichtern.
  • Um Befürchtungen oder Ängste beim Sprechenden zu zerstreuen, die seine Beziehung zu dem Interviewer beeinflussen könnten.
  • Um den Sprechenden für die genaue Darstellung seiner Gedanken und Gefühle zu loben.
  • Um die Diskussion auf ein Thema zu bringen, das übergangen oder vernachlässigt worden ist. 
  • Um implizierte Voraussetzungen zu diskutieren, falls dies ratsam erscheint. 

Diese Regeln, die ausdrücklich die Verwendung von Ratschlägen, Überredung und Disput ausschliessen und eindeutig betonen, dass das Interview dem Klienten gehört und ihm die Gelegenheit zur freiem Sprechen bieten soll, stimmen voll und ganz mit dem nicht-direktiven Ansatz überein und stehen im Gegensatz zu den meisten charakteristischen Techniken des direktiven Ansatzes.

Carl R. Rogers / Die nicht-direktive Beratung

Ideal hierfür ist die Einstellung und Präsenz einer lethologischen Haltung - einer Haltung des Nichtwissens. (von Foerster)

Der Beitrag handelt von der Nicht-direktiven Beratung. Diese ist ein Teil einer Haltung, neben Kongruenz, Empathie und Wert-freiheit, die den Personenzentrierten Ansatz - PZA oder person centered approach - pca ausmacht und für die Klientin bzw. den Klienten erkenntnisorientiert wirksam und nachhaltig werden lässt. 

In einem solchen Fall wird eine Erkenntnis oder auch Lösung nicht "gewonnen", als wäre es ein Zufall oder könnte auch von fremder Seite her kommen - vielmehr sind die neuen Gedanken und veränderten Sichtweisen und Gefühle errungen - das ist eine ganz eigene Leistung aus einem selbst heraus. 






05.04.17

Rezension zur Neuerscheinung: 'Ich will Coach werden' - Buch von Frau Dr. Brigitte Wolter (Budrich Verlag / amazon.de)

Man hält einen exzellenten Reiseführer in der Hand und meint dann, die Reise werde eine leichte.

Ich las das Buch mit mehr als 10 Jahren Praxiserfahrung in Zürich und acht Jahren Coaching in Frankfurt am Main. Ich erwischte mich mehrfach bei einem „Pahh!“ oder einem „Ffttt…!“, ganz einfach, weil das kritisch erfasste Thema, Coach werden zu wollen, von Frau Brigitte Wolter jene Erfahrungen in mir anklingen liess, an denen ich über die vielen Jahre am meisten zu leiden hatte und auch am schwersten mit mir rang. Coach zu werden hat mehr von mir abverlangt, als ich das vermitteln könnte.


Das Buch enthält mE alles. Vielmehr enthält es so viel Essenz der Essenz, dass man als Einsteigerin oder Anfänger vielleicht nicht zu erkennen vermag, wie weit die Tragweite einzelner Kapitel, Informationen, Sätze bis hin zu einzelnen Worten gehen mag. Wenn ich aber das Gelesene mit meiner Selbsterfahrungen zum Coach vergleiche, kann ich getrost bestätigen: „Jammer nicht, in dem Buch stand / steht alles drin.“

Meine mir wichtigsten Stellen sind:
  • Hinweise auf das Nicht-Direktive im Coachingverständnis
  • Auszüge mit Bezug zu Carl R. Rogers wertfreien Annahme und Personenzentrierung
  • Dass profunde Coaches nicht nur über eine Coachingausbildung verfügen (Sekundärausbildung), sondern meist über viele Jahre länger dauernde Grundausbildungen der humanistischen Psychologie (PCA / TA / GT / HPP / etc), bezeichnet als Primärausbildungen.

Obwohl die Geschäftswelt und nicht zuletzt der Mensch selbst gerne Scheu vor reflektiven Berührungen in Sachen der eigenen Psyche hat („Ich will hier keinen Seelenstriptease veranstalten!“), ist ein ‚Coach‘ ohne eine humanistisch geprägten Grundschule der Psychologie irgendwie ohne Fundament. Im Aussen mag das weit von sich gewiesen werden – aber alleine das millionenfach vermittelte ‚Eisberg-Modell‘ stellt eindrücklich dar, dass mit jedem Menschen eine Untiefe an Seelischem mit einher geht. Es wäre ein arger Witz so zu tun, als könnte man den psychologischen Anteil aus Coachingprozessen ausschliessen. Es gibt für erfolgreiche Coaches mE kein Drumherum, Coaching basiert auf einer psychodynamischen Kombination von Mensch, Sache, Erkenntnis und Lösung. Und darauf weist das Buch hin, ob von Frau Dr. Brigitte Wolter beschrieben, als auch in Form zitierter Zeilen des DBVC.

Und achten Sie sich – das Buch sagt deutlich:
  • Ich verdiene sehr lange nichts – und wenn doch mal, reicht das nicht.
  • Eine Coachingausbildung garantiert nichts.
  • Woher Sie Kunden gewinnen, ist eine zweite aber ganz andere Kunst.
Ich könnte hier hinschreiben, dass ich niemandem empfehle, Coach zu werden. Doch lieber schreibe ich, von welch fantastischer Freude und grossem Erleben es ist, jemandem nach Jahren zu begegnen, die bzw. der „damals noch“ davon sprach und heute spürbar jener Mensch wurde, die bzw. den ich für einen Coach halte. Man steht vor der Person und fühlt sich wohlig als auch gesehen, angenommen und bestätigt.

Coaching ist keine Wirtschaftstheorie, die man beratend in den Markt drückt. Coaching ist die Kunst einer persönlicher Haltung,
die von Menschen am Mensch selbst nachgefragt wird.

Jona Jakob


 Die Aufgabe und das Gelingen liegen also ganz bei Ihnen. Im Werk von Frau Wolter – lieben Dank dafür – steht alles drin. Die Frage ist nun nicht, ob Sie es verstehen, sondern ob Sie das alles in sich zu erkennen vermögen. Wenn Ja, ... 


Go ahead!


Link zur Homepage von Frau Wolter: brandinvest.com

07.03.17

Als Coach werben mit 'Mitteln / Methoden / Strategien' - Erweist die Coachingbranche damit ALLEN einen Bärendienst?

Kann man mit Methoden, mit Mitteln, 10-Punkte-Plänen oder Apps für Coaching werben? Oder tun wir der Klientel und last but not least der Coachinggilde einen Bärendienst damit?

Ich schreibe gegen Windmühlen an, wenn ich erkläre, gerade Coaches sollten nicht mit 'Mitteln und Methoden' werben. Es gibt andere Wege, auf sich aufmerksam zu machen, aber was wir nicht tun sollten, ist mit Aussagen werben wie
  • Ihr 10-Punkte-Leistungsprogramm mit Erfolg
  • Lernen Sie danke XY-Methode ihr persönliches Potential kennen
  • Dank der ABC-App glücklicher und zufriedener
  • etc. 
Solche Werbebeiträge sollten tunlichst gelassen werden - denn sie sprechen gegen zwei Grundsätze von Coaching: 

a) Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe - der Coach sollte ohne eigene Absichten oder Strategien bei den Anliegen des Klienten bleiben und

b) Es sind keine Versprechungen zu machen, weder für Erfolg, Glück, Leichtigkeit oder sonst etwas.

Doch täglich und zuhauf wird so geworben. Was erzeugt das bei genauer Betrachtung? 

1. Es erzeugt ein nie gewolltes Top-Down, der Klient wird dem Experten unterstellt. Der Coach weiss schon, "was für dich und deine Problemchen gut ist". 

2. Es geht damit einher, dass sich die Klientel von Anbeginn unterstellt, folgt und sich damit nicht wirklich in authentischer Eigenheit emanzipiert, sprich: entwickelt. Die Klienten ändern sich, aber nicht im humanistischen Sinn. Sie werden vielleicht sogar "besser" - aber wozu genau? Für mehr Geld, Karriere, Materiellen Gewinn, Leistung? Aber wird die Klientel auch Mensch im Sinne der Individuation? 

Man könnte genau so gut zum Arzt gehen - dem Gott in Weiss, ein eingefleischt anerzogenes Verhältnis seit der kindlich/elterlichen Erziehung, seit der Schüler-Lehrer-Erfahrung, dem Lehrmeister, den Offizieren im militärischen Dienst, dem Arzt, dem Rechtsanwalt, den Behörden, schier allen. Was bekannt ist, wird weiter gepflegt, nämlich folgendes gebürtiges Verständnis als Ordnung eines nicht bewusst gemachten Weltbildes:

Ich bin nicht ok - Du bist ok!

Dieses immer wieder sich einschleichende Verhältnis nährt sich parasitär von zwei Seiten gleichzeitig und verschlingt eine unvorstellbare Quantität und Qualität an eigentlich möglich lebbarem Leben:

c) Das meist unbewusste aber lebenserfahrene (Selbst-)Verständnis, ich bin die unerfahrene Person und du bist die/der Experte, alleine in den ersten 20 Lebensjahren zur genüge verankert, scheint zwar auf den wachen Blick hin "nicht so schön" - doch der guten Ordnung halber und auch wegen der bequemen Einfachheit wegen, stellt dieses Unterstellungsverhältnis eine enorme Komfortzone für Unselbständige dar. Du bist die Lokomotive und ich bin der Wagen - bitte zieh mich. 

d) Aus nicht zu knapp eigener Unsicherheit, wie man emanzipiert lebt  (und es als gebackener Coach tunlichst tun sollte - so das Gebot) übernimmt man, eitel oder selbstgefällig wie man ist - also irgendwie nicht wirklich fähig, wenn man ums Goldene Kalb Coachingmethoden tanzt -, den "Expertenstatus". Man/Frau "stellt sich über" - das ist nicht nur ein Fauxpas, das ist der Verrat an der Sache 'Coaching' selbst. Da folgt das missbrauchte Prinzip den Gedanken Julien Bendas und dem Verrat der Intellektuellen. Man scheppert laut mit seinen "heilsamen Mittelchen", getüncht im Anstrich des positiven Denkens sowieso - und verdreht einfach mal die Verhältnisse, verkennt dabei jede Realität des Lebens per se. 

Man scheppert laut mit seinen "heilsamen Mittelchen", getüncht im Anstrich des positiven Denkens sowieso - und verdreht einfach mal die Verhältnisse,
verkennt dabei jede Realität des Lebens und 
damit den gegenübersitzenden Menschen per se. 


Nicht zuletzt erzeugt das jene Sekunde betroffenen Schweigens, wenn mich jemand fragt, was ich arbeite und ich sage, ich sei Coach! Gleich zuckt die Person gegenüber zusammen und versucht mit einer Strategie der Ablehnung nur EINES: Sich in der gerade noch geruhten Position mir gegenüber bewahren zu können. Sage ich 'Coach', vermittelt das sofort das Gefühl von "Ich Experte - Du niemand". Damit ist die Sache kaputt. Richtig kaputt. Bin ich als Coach wach genug, lehne ich so jemanden ab, weil der, (siehe unter c) oben), gerne "in ein Coaching kommen würde" als läge er/sie sich dabei gemütlich auf den Massagetisch eines Wellnesstempels. Coach, mach mal. 

Das, liebe Berufskolleginnen und -kollegen, ist in sich sein Untergang. Und wenn nicht, laufen doch Millionen von Euros über die Tische und der Markt brummt, erzeugen wir anstelle von Menschen, die sich selbst verantworten und tragen, die unabhängig und emanzipiert bewusst leben wollen und dank selbstkompetenter Entscheide ihr Leben formen und gestalten, erzeugen wir optimierte Lämmer - aber weiterhin nur Lämmer. Der Methodenkasten als Elternersatz für Erwachsene, eine Art neue Bevormundung per se - denn gibt es diese gute Methode, sollte man sie schon nutzen.

Aber das ist das Gegenteil von Coaching. Basta. 

Coaching ist eine wunderbare Chance


Coaching ist eine wunderbare Chance - aber für die Menschen als Klientel, nicht für die Methoden, Mittel, Theorien und Wissenschaften. Diese haben sich zurückzuhalten, bis der Coachee äussert, an dieser oder jener Stelle Bedarf zu haben und ein Angebot zu wünschen. Erst dann sollte ich als Coach Möglichkeiten aufzeigen, Zugänge als Input anbieten (nicht intentiös auf Erfolg bedacht aufdrängen - auch nicht als "gut gemeint für die Klientschaft") allenfalls Brücken bauen. Coaching bleibt aber: die Klientin bzw. der Klient baut sich seine Brücke selber. 

Wie also kann ich ein Werbeposting in Fachblättern, Foren, Netzwerken und der digitalen Welt hervorstellen, welches ungefragt mit Gedanken und Verführungen wirbt, welche noch nicht eine Silbe nach den Anliegen des Kunden gefragt haben und was der braucht? Weiss ich als werbender Coach nun schon im Voraus, "was Du brauchst"? Oder soll ich im Sinne des 80er-Jahre-Marketings einfach "mal" ein paar Bedürfnisse wecken, die in dir schlummern? Werde ich fahrender Heilwasserverkäufer, wie damals im Wilden Westen? Heil'Praktiker?


Liebe Leserin und Leser

Wenn Sie selber ein Coaching als Begleitung für sich in Betracht ziehen, können Sie sich in allen Punkten stets fragen: 
  • "folge" ich den Angaben, Aussagen und Angaben, die mir zu einem Coach vorliegen? oder
  • "entscheide" ich aus eigenem Antrieb, wonach mir ist und was ich gerade brauche?

Liebe Coachingkolleginnen und -kollegen

Sind wir uns noch im Klaren? Sind wir allenfalls einfach nur pragmatisch für den finanziellen Erfolg? Oder kann es sein, dass wir uns einen massiven Bärendienst erweisen? Denn was genau waren die (nicht zu leicht nachvollziehbaren und komplexen) Gründe, warum Ärzte, Rechtsanwälte und Therapeuten nicht für sich werben durften? Hatte es da nicht sein Gutes dabei? 

Und stünde es uns selbst nicht an, bedacht und mit hohem Bewusstsein für ein humanistisch würdiges Menschenbild so zu werben - was durchaus möglich ist, zum Beispiel mit Ihrer Authentizität oder Transparenz, Greifbarkeit, etc - dass die Möglichkeiten des Menschen vor vorausgehenden Einflüssen bewahrt werden - wenigstens so weit, dass die eigene Entscheidungen fällen? 

Und last but not least: Wie sehr verstecken Sie sich als "Expertin bzw. Experte" hinter Ihren Methoden / Mitteln / Strategien und Plänen? Wie viel 'Pseudo' ensteht damit sogleich? Fehlt Ihnen das Format, sich zurückzuhalten, bis der Klient in den Ring tritt? Muss das Top-Down aufrecht gehalten und manifestiert werden? Stresst ein Sein im Gleichstand auf Augenhöhe? Haben Sie innere Panik falsch interpretiert zu werden, wenn Sie in lethologischer Haltung verbleiben? Sind Sie es eigentlich, der/die die Methode "braucht"?

Wenn Sie, was ich nicht bezweifel, Expertin und Experte sind - das ist in den meisten Fällen der Branche solide vorhanden - dann würde es Sie als solche doch eher auszeichnen, mit den notwendigen Werbebotschaften so umzugehen, wie es unser aller zugrunde liegende Gedanke, was Coaching per definition ist - und WOZU! - nämlich dann so zu werben, dass Klienten in eine eigens erweckte Reflexion geraten und dabei aus freien Stücken auf den Gedanken kommen, wo und mit wem Kontakt aufzunehmen. Es würde aus dem Sollen ein Wollen. 

Das Goldene Kalb 'Coachingmethode' - Echtes Expertentum nimmt sich da weg und unterlässt das so ideal wie möglich. Echtes Coach-Expertentum fordert seine Klientel heraus, kritisch zu bleiben, Abstand zu wahren, sich bei der Investition selber zu verantworten. Echtes Coach-Expertentum nimmt die Hand vom Rockzipfel, an den man sich so gerne klammern würde, ob als Coachee klammernd am Coach, ob als Coach klammernd an seinen Methoden. 

Wissen Sie, ich möchte wo sitzen und gefragt werden: "Was arbeiten Sie?" und dann mit "Coach" antworten, so dass ein gutes Verständnis und eine entspannte Akzeptanz im Raum steht. 

Oh ja, andere Wege sind anstrengender, bestimmt, da gebe ich Ihnen Recht. Nur: Wozu sollte der Klient aus seiner Komfortzone aufbrechen, wenn Sie als Coach nicht mehr tun, als gerade mal den einfachsten Weg wählen und hierfür die fachlich notwendigen Verhältnisse verdrehen? Der Klient merkt den Beschiss, kauft, zahlt, ändert nix und gibt der "unfähigen Branche" die Schuld. Hat er Recht. 

Mit besten Grüssen

Jona Jakob
Zürich Bern Frankfurt Aschaffenburg