19.06.17

Die nicht-direktive Beratung V: Die Freisetzung des Audrucks / Ermutigung / Vertrauen

Neben den ersten Präliminarien des Beratungsprozesses (Grundlagen und Leitplanken) geht es in diesem Beitrag um Betrachtung zentraler Beobachtungen im Prozess, dem zentralen Merkmal:

- die Freisetzung von Gefühl. 


Wichtig ist das Zutagefördern jener Gedanken und Einstellungen, Gefühle und emotionell belasteten Impulse, die sich um Probleme und Konflikte des Individuums konzentrieren. Das zu erreichen wird dadurch erschwert, dass die einfach auszudrückenden Einstellungen nicht immer die wichtigen und motivierenden Einstellungen sind. Folglich muss der Berater wirklich imstande sein, dem Klienten die Freisetzung zu ermöglichen, damit es zu einem angemessenen Ausdruck der grundlegenden Probleme seiner Situation kommt. 

Der Klient ist der beste Führer:
Der sicherste Weg ist es, der Struktur der Gefühle zu folgen, wie sie der Klient frei ausdrückt. Wichtig dabei: der Klient darf nicht in die Situation kommen, sich verteidigen zu müssen. Fragen kann den Prozess fördern. Die besten Interviewtechniken sind jene, die den Klienten dazu ermutigen, sich so frei wie möglich auszudrücken und bei denen der Berater sich gleichzeitig bewusst bemüht, jede Aktivität oder Reaktion zu vermeiden, die die Richtung des Interviews oder den Inhalt des Ausgedrückten beeinflussen würden. 

Rogers: Die Gründe für diesen Ansatz liegen auf der Hand. Nur wenige Probleme sind in ihrem Wesen nach ausschliesslich intellektuell, und wenn sie lediglich intellektueller Natur wären, dann ist Beratung nicht erforderlich. 

Reaktion auf Gefühl versus Reaktion auf Inhalt:
Am schwierigsten ist für den Berater vermutlich die Fähigkeit zu erwerben, das ausgedrückte Gefühl zu anerkennen, statt lediglich dem gedanklichen Inhalt des Gesagten Aufmerksamkeit zu schenken. In unserer Kultur sind die meisten Erwachsenen geschult, auf vorgebrachte Ideen einzugehen und nicht auf Gefühle. Emotionelle Einstellungen begleiten alles, was wir ausdrücken.

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Im Coaching oder spezifischer: für Coaches ist es eine der schwierigsten Aufgaben, sich selbst darin zu vertrauen, für einmal nichts zu wissen. Man hat als beratende Person nicht weniger zu tun, als nur das zu wahren und zu fördern und es präsent zu halten, was dem Klienten seins ist. Den ganzen eigens erlernten 'Krempel' möge man bitte weg lassen.

Das bedeutet transparent gemacht, dass man sich von sich selber lösen können muss. Sich aber von sich selber lösen, also nicht weiter an sich und dem Erlernten, seinen Methoden zu klammern und vermeintliches Expertenwissen vorzutäuschen (besonders sich selbst was vorzumachen) bedeutet, man müsste sich eindeutig von seinen Eltern und auch vom einen oder anderen Vorgesetzten oder Unternehmen emanzipiert haben. Philosophisch hätte man Sterben gelernt, was die Griechen darunter verstanden, als wahre Form zu leben. Es bedarf der Kunst und Grösse, sich unabhängig zu stellen und sich dort zu halten, egal was einem widerfährt.

Das ist eine Position, die mir bei Menschen im Leben höchst selten begegnet ist. Mein Vater aber war ein solcher Mensch - er forderte seine Unabhängigkeit ein bis in den freien, gesunden und willentlichen Tod. Das ist (m)eine 45-jährige Erfahrung in meinem Leben. Ich habe eine Vorstellung davon, was es meint,

  • sich unabhängig zu positionieren
  • das zu können, es zu praktizieren vermögen und last but not least
  • das dann auch tun und leben zu wollen.
Das ist keine leichte noch sehr angenehme Position. Sie hat aber zur Aufgabe, in sich den aufrechten Gang zu wahren, auf dass jemand für sich den Mut finden kann - wenn auch anteilig erst -, es für sich selber zu wagen. Individuation ist eine Art Freimachen von Eierschale. 

Aber jedes Vertrauen des Klienten in seine Katharsis erwächst aus zwei Qualitäten des
In-Kontakt-Seins mit dem Coach:
  • Aus der spürbaren Sicherheit, es zu bestehen und dabei nicht unterzugehen; und
  • Und der spürbaren Sicherheit, der Coach werde einem darin nicht bewerten, weil er seine Anteile getrost und auf sich vertrauend beiseite lassen kann (lethologische Haltung - Foerster)
Die grössten Fragen die sich ein Coach zu stellen hat, sind also all jene, wo sie oder er sich darin reflektiert, wie unabhängig sie oder er unterdessen geworden sei und wie klar und frei man das für sich ins Miteinander trägt, ohne sich einlullen oder kleinreden zu lassen. 

Mein Vater schrieb mir: 'Man muss sehr wach sein, um träumen zu können.' - Hans Willi Klaus Jakob



04.05.17

Die nicht-direktive Beratung IV: Probleme, Lösungen und Ziele - vonseiten Klient oder vonseiten Berater?

Ich wiederhole das Intro je Posting, um deutlich zu machen, dass ich noch in der selben Arbeit bin. 

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.
Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55. Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Hinweis: Dieses Posting ist voll von männlichen Bezeichnungen und Begriffen. Mit Wertschätzung möchte ich hinweisen, in all dem jeden anderen Anteil an Gender zu bedenken und damit gleichauf herzlich miteinzuschliessen. Willkommen.




Eine der grössten Ambivalenzen fürs Coachen, für Coachings und fürs Coach werden ist jene, ich beschreibe das mal so, dass man sich vom aufgabenerfüllenden Beruf alleine stellt und das in einer beratenden Rolle. Beratend waren für uns seit der Kindheit

  • Eltern, Grosseltern, Erwachsene
  • Lehrer
  • Ärzte
  • die Polizei
  • Kirchenwürden
  • Ehren- und Amtsträger
  • alle mit einem akademischen Titel etc. 
Die Oberen, Besseren, Würdigeren, Hehrenen und oft einfach Älteren waren die systemisch übergestellten Orientierungsfiguren. Wenn "die" was sagten, folgen wir zumeist. Das impliziert bei nicht bewusstgemachter Reflexion, dass man beratend irgendwie

  • besser
  • wissender
  • erfahrener
  • vorauseilend
  • tüchtiger
  • schneller
sein müsste. Bisher war das ja so.


Doch die genau zu verstehende Sichtweise,
dass Coaching Hilfe zur Selbsthilfe ist, sagt erkennbar:
Nein, bitte nichts wissen, meinen, angeben. 

Hier nehmen erfahrene Coaches die sogenannt 'lethologische Haltung' ein (von Foerster) - die Haltung des Nichtwissens. An dieser Stelle unterscheiden sich die Angebotsformen.

Sie gelten zuerst alle als 'Beratung'. Aber je nach Haltung, Denkweise, Schule und Methode unterscheidet sich das Marktangebot und das Gebaren der beratenden Figur, ob in der persönlichen Begegnung oder indirekt als Texte, Marketing, Aussagen, als

  • Trainer         Schulung
  • Coach           Nicht-direktive Begleitung
  • Berater         Direktive Begleitung
  • Therapeut     Nicht-direktive Begleitung, analytisch
  • Praktiker       Anwendende Methoden (meist körperlich)


Wie kann ich eine direktive von einer nicht-direktiven Beratung unterscheiden?


Eine Grundlage zur Unterscheidung einer nicht-direktiven gegenüber einer direktiven Beratung besteht darin, einen Blick darauf zu werfen, von wem aus

  • das Thema
  • das Problem
  • das Ziel und
  • die Lösung 
eingebracht wird / ausgeht.


Wer wählt das Ziel des Klienten aus? 


Die direktive Gruppe geht davon aus, dass der Berater das wünschenswerte und anerkannte Ziel, das die Klientschaft erreichen soll, auswählt und seine Bemühungen darauf  richtet, den Kunden bei der Erreichung zu helfen. - Das impliziert, dass die Beraterfigur den Klienten überlegen ist, da davon ausgegangen wird, dass die Klientel ausserstande ist, die volle Verantwortung für das Auswählen des eigenen Zieles zu übernehmen. 

Die nicht-direktive Beratung basiert auf der Haltung, dass die Klientschaft das Recht hat, seine Lebensziele selbst zu wählen, selbst wenn diese im Gegensatz zu den Zielen stehen, die ein Berater allenfalls für die Person ausgewählt hätte. Damit nehmen Beratende der nicht-direktiven Beratung die Haltung ein davon überzeugt zu sein, dass das Individuum wahrscheinlich eine gute Wahl treffen wird, wenn es zu einer gewissen Einsicht in sich selbst und in seine Probleme gelangt ist (Ziele und Themen laufend anpassend / optimierend / erkenntnisorientiert entwickelnd). 

Der direktive Standpunkt legt grossen Wert auf soziale Übereinstimmung und das Recht des Fähigeren, den 'Unfähigeren' zu lenken. 

Der nicht-direktive Ansatz legt grossen Wert auf das Recht des Individuums, psychisch unabhängig zu bleiben und seine psychische Integrität zu erhalten und auszuschöpfen. 

Beide Standpunkte entstanden aus unterschiedlichen Beziehungen zur sozialen und politischen Philosophie, wie zu den Techniken der Therapie. Hier kann unterschieden werden zwischen
  • Persönlicher Erziehung (direktiv) und
  • Persönlicher Entwicklung (nicht-direktiv)


Konzentration auf das Problem (direktiv) vs. auf den Klienten (nicht-direktiv)


Als Folge dieser Unterschiede in den Werturteilen (Menschenbild des Beraters) wird erkennbar, dass die direktive Gruppe dazu tendiert, ihre Denk-, Handlungs- und Angebots- wie Verfahrensweise auf das Problem zu konzentrieren. Wenn das Problem auf eine Weise gelöst ist, der der Berater zustimmen kann, und wenn die Symptome beseitigt sind, wird die Beratung als erfolgreich betrachtet.

Die nicht-direktive Gruppe legt den Fokus auf den Klienten und nicht auf das Problem. Wenn Klienten durch den Begleitungsprozess (z.B. Coaching) zu genügend Einsicht und Erkenntnis gelangten, um die eigenen Verhältnisse zur realen Situation zu verstehen, dann können die Klienten jene Methode zur Optimierung wählen, die für sie im Moment den höchsten Wert hat. Solche Klienten werden später eher imstande sein, mit zukünftigen Problemen fertig zu werden, weil die Erfahrung der eigenen Einsicht und Unabhängigkeit als eigens gemachte Erfahrung dazu beitragen, sich selber zu optimieren.

1. Indiz: Wer bestimmt das Ziel?

  • Direktive Beratungsansätze wissen irgendwie, wer was braucht und "wie Sie da geholfen werden"
  • Nicht-direktive Beratung wartet ab, mit welchem Anliegen Klienten ankommen und darüber sprechen bzw. daran arbeiten möchten, um selber zu Lösungen zu finden. Hier begleiten bedeutet Coaching in seiner Reinform, nämlich nicht gleich die Lösung zu finden, sondern den Menschen so sich selber finden zu lassen, dass dieser sich wagt sich zu wagen und zu entdecken und so zu seiner Klärung und zu seinem Selbst findet. Schritt für Schritt.

2. Indiz: Auf wen oder was wird der Fokus gelegt?

  • direktive Gruppe dazu tendiert, ihre Denk-, Handlungs- und Angebots- wie Verfahrensweise auf das Problem zu konzentrieren.
  • Die nicht-direktive Gruppe legt den Fokus auf den Klienten und nicht auf das Problem.

Was bedeutet das für ein nicht-direktives Coaching-Angebot, wenn man Coach werden möchte?

Das bedeutet, dass man eigentlich nicht "reinfingern" dürfte, weder marktschreierisch, heilsverkündend, missionierend noch moralisierend - egal wie "vernünftig" es sich nach aussen darstellt.

Womit bei nicht-direktiver Haltung Klienten nicht verführt werden dürften:
  • Zu tiefe Honoraransätze
  • Freundschaftliche Angebote / kollegiale Angebote / innerfamiliäre Angebote
  • Keine Appelle (RUF MICH AN!) - auch nicht auf Flyern (AIDA: 'Action')
  • Auf Websites: keine Pop-Ups, kein Fordern von eMailadressen, kein Drängeln mit Newslettern
  • Beim nächsten Termin nicht ins Direktive verfallen, da man ja schon beim letzten Mal davon sprach - neu erkunden, was ist
  • Keine Ratschläge - Angebote sind gut machbar / oder sogar fragen, ob ein Angebot gewünscht sei / wird
  • Oft: zeitlich nicht drängeln - warten und auch in den formellen Vertragsbedingungen klientenorientiert bleiben.
  • Sich dabei selber nicht opfern, wie z.B. keine Coachings nach 22:00 Uhr oder sowas. 

Was kann ich tun, um nicht-direktiv Klienten auf mein Angebot aufmerksam zu machen?

Nicht-direktiv meint vielleicht, nicht einmal jemanden wo abholen. Vielleicht möchte der Klient seinen Berater beauftragt nur bei sich haben. Mehr nicht. Rogers schwieg einmal 1 Sitzung (50 min) mit seinem Klienten. Das war es, was der damals brauchte. 
  • Fragen Sie: Darf ich Sie auf mein Aufgebot aufmerksam machen? Auch in geschriebener Form
  • Enden Sie Ihre Sätze eher mit einem Fragezeichen, statt mit einem Punkt.
  • Notieren Sie keine Appelle oder Imperative, keine Verallgemeinerungen und Pauschales
  • Notieren Sie eher im Konjunktiv, lassen Sie so viel wie möglich offen (q.e.d. :-))
  • Vielleicht 2-4 Websites zu Coaching-Themen ansetzen
  • Die eigene Website als Visitenkarte vertehen und dort schauen, dass Sie in der Region im Internet gefunden werden (lassen Sie sich notfalls beraten)
  • Notieren Sie auf Ihren Trägern von Botschaften: Ich habe als Coach eine nicht-direktive Haltung / ich coache mit einer personenzentrierten Haltung / non-direct
  • Notieren Sie Ihr Haltung, wie Sie Menschen / Klienten sehen und aufnehmen bzw. begleiten
  • Zeigen Sie sich authentisch, vielleicht schreiben Sie mit der Zeit einen Blog, wo Sie ihre eigenen Gedanken transparent machen / werden Sie greifbar / fühlbar
  • Schaffen Sie sich so Resonanz bei den Lesern / Gleichklang / Vertrauen / Lust anzufragen
  • Schenken Sie den Menschen deren Ok-Sein, ihre Annahme (Maslow 3. Ebene), Akzeptanz
  • Erklären Sie Ihre Sichtweise zur Idee der 'Bewertungsfreiheit / Nichtbewertung / Ok-Seins'
  • Bleiben Sie auch im Schriftlichen und allen Kontakten mehr aktiv zuhörend
  • Hören Sie, um zu verstehen - und nicht: hören um zu antworten
  • Lassen Sie allem mehr Zeit als üblich
  • Suchen Sie keine pragmatische Lösungen und auch nicht zu sehr vernunftsorientierte. Damit ist nicht gemeint, unvernünftige Ideen zu finden, sondern den Druck der Vernunftsorientierung im Prozess für einmal aussenvor zu lassen

Als Jona Jakob möchte ich abschliessend erwähnen: Sie merken vielleicht, dass es für jeden Menschen, auch für mich, ein lebenslanger Weg ist bzw. sein wird, in nicht-direktiver Haltung zu Begleiten. Und es ist, genauer und vertiefter erfahren, kaum von der Hand zu weisen, dass die nicht-direktive Haltung eine tägliche Lebensform von einem selbst ist - das geht in einem über und macht einem spürbar aus. Sagen wir mal, zu den Bürozeiten werden Sie als nicht-direktiver Coach eine derart spürbare Präsenz gewinnen - oder Sie bleiben wenig erkennbar. Aber das grösste "Marketing" für den nicht-direktiven Ansatz als Coach liegt in der eigenen Person und ihrer Art und Weise, sich damit anzubieten und verständlich zu machen. 

Wer den Personenzentrierten Ansatz erfahren hat, wer das Dasein und Leben des Nicht-direktiven spüren durfte, ob als Klient, Schüler oder begleitende Person wird vielleicht eines Tages zurückkommen und sagen: Mit jeder Erfahrung mehr musste und mochte ich nicht mehr ins Direktive zurück. 

Willkommen.

www.jonajakob.com
Für persönliche Entwicklung

03.05.17

Die nicht-direktive Beratung III: Die (therapeutische) Beziehung

Ich wiederhole das Intro je Posting, da ich noch in derselben Arbeit bin. 

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.
Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55. Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Hinweis: Dieses Posting ist voll von männlichen Bezeichnungen und Begriffen. Mit Wertschätzung möchte ich hinweisen, in all dem jeden anderen Anteil an Gender zu bedenken und damit gleichauf herzlich miteinzuschliessen. Willkommen.




Als nächsten Aspekt betrachtet Carl R. Rogers in seinem Buch die 'therapeutische Beziehung' zwischen Therapeut und Klient. Das Selbe kennt (oder lernt) man als Coach als 'Klient-Coach-Verhältnis', was man systemisch betrachten kann, um den Coachingprozess für den Klienten zu erfassen, allenfalls zu supervidieren - als Coach auch: Das Verhältnis zu strukturieren, begrenzen und zu regeln.

In dem Buch vergleicht Rogers diese Verhältnisse
a) auf noch ältere Beziehungen, also bis 1940 und
b) als Psychotherapeut, der viel mehr unterschiedlich gelagerte Fälle und Klienten annimmt.




Für vereinbarte Coachings gelten:


Das Verhältnis bei einem Coaching wir von vornherein durch folgende Faktoren bestimmt: 

  • Der Klient kommt aus eigenen Stücken (freiwillig) ins Coaching (Aspekt: Entscheid)
  • Der Klient kommt aus eigenem Antrieb und Initiative ins Coaching (Aspekt: Werbung)
  • Der Klient hat den Coach aus freien Stücken gewählt / aus einigen Vorabklärungen erwählt
  • (Es gibt viele Varianten des beauftragten Coachings im Business - ich gehe hier nicht darauf ein)

Weiter spielen eine Rolle:
  • Die Übernahme der Selbstverantwortung des Klienten für sein Coaching
  • Der Grad an Selbstbestimmungskompetenz des Klienten, die intakt sein muss
  • Die 'Coachbarkeit' des Klienten, die mit der Selbstbestimmungskompetenz verknüpft ist - aber nicht nur (siehe Aspekte der Klienten-Einstellung: Not, Zwang, Abhängigkeiten, Finanzen, etc) Teil II


Was Rogers bezüglich Therapeuten-Klienten-Beziehung betrachtet:


Damit es zwischen Klient und der begleitenden /  beratenden Person zu einem wirksamen Prozess kommt, erwähnt Rogers folgende Aspekte und Kriterien:

(Rogers, S. 83) Nicht selten bleibt wohlgemeinte Beratung ohne Erfolg, weil nie eine befriedigende therapeutische Beziehung zustande gekommen ist. 

(Rogers, S. 83) Was die beratende Beziehung NICHT ist: 
  • Keine Eltern-Kind-Beziehung mit
    • Affektbindungen
    • Abhängigkeiten
    • autoritäre Rollen
    • verantwortliche Rollen
    • Dauerhaftigkeit
    • Vollständige Hingabe
  • Keine Beziehung von Freund zu Freund
    • Vollkommene Gegenseitigkeit
    • Wechselseitiges Verstehen
    • Geben-Nehmen
  • Keine Lehrer-Schüler-Beziehung
    • Top-Down-Beziehung
    • Voraussetzung: einer lehrt, der andere lernt
    • Das Vertrauen in intellektuelle Prozesse
  •  Keine Arzt-Patienten-Beziehung
    • Diagnose und autoritärer Ratschlag seitens des Arztes
    • unterwürfige Hinnahme und Abhängigkeit
Diese Liste liesse sich fortführen. Kurzum, die beratende Beziehung stellt eine Art sozialer Bindung dar, die sich von jedweder anderen Beziehung unterscheidet, die der Klient bis dahin erfahren hat. 

(Rogers, S. 84) Wie die Beziehung mit positiven Begriffen beschreiben?
  1. Das erste ist eine Wärme und Empfänglichkeit  auf seiten des Beraters, der eine Verbindung möglich macht und die sich nach und nach in eine tiefere emotionelle Beziehung verwandelt.
  2. Das zweite Merkmal der beratenden Beziehung ist das Gewährenlassen oder Gestatten in bezug auf den Ausdruck von Gefühlen.
  3. (S. 86) Das dritte Merkmal ist das Fehlen jeder Art von Druck und Zwang. Bei der nicht-direktiven Beratung vermeidet der Therapeut, seine eigenen Wünsche, Reaktionen oder Widersprüchlichkeiten in die therapeutische Situation einfliessen zu lassen. 
Rogers erwähnt nun, dass diese Aufstellung erst einmal dem Therapeuten er'sichtlich wird. Hingegen ist dem Klienten diese Qualität des Im-Kontakt-Seins erst einmal nicht bekannt oder bewusst. Er empfindet das zum ersten Mal. 

(Rogers, S.87) Daher kann der Klient häufig zum ersten Mal in seinem Leben wirklich er/sie selbst sein und jene Abwehrmechanismen und Überkompensationen fallen lassen, die er generell braucht, um dem Leben gegenübertreten zu können. 

Rogers beschreibt, was (mir JJ aus Coachings) oft zum Abschluss von Sitzungen oder dem Coachings geäussert wird: ... dass die Atmosphäre der Beratung eine einmalige Erfahrung für ihn/sie gewesen ist. 

Danach gibt es noch die Aspekte: 
  • Strukturierung der Beziehung in der Praxis
  • Fragen der Grenzen


Was an dieser Stelle fürs Coach-Sein oder Coach-Werden zu betrachten ist: 


Der so leicht 'nachvollziehbare' Gedanke einer nicht-direktiven Beratung, so muss man an dieser Stelle langsam eingestehen, ist eine persönliche 'Revolution' des gesamten Verständnisses und persönlichen Haltung. Natürlich kann man einwenden, die Haltung sei für die Qualitätszeit mit dem Klienten einzunehmen - aber genau betrachtet geht das nicht wirklich, mal so und mal so. 

Der Entscheid, sich beratend und begleitend nicht-direktiv einstellen zu wollen, ist fundamental verändernd. Ich erinnere mich noch, als ich im Vorgespräch zu einem Jahr Ausbildung in 'Fokusing' von der Kursleiterin und praktizierenden Psychotherapeuting in Zürich deren Gedanke vernahm: "Sie wisse selber noch nicht, ob Sie Rogerianerin werden möchte." Diese Äusserung verstehe ich erst heute, 15 Jahre später, so langsam und ich kann ihr nun besser nachfühlen. Damals war ich nur blind beeindruckt. 

Was ich damit aufzeigen möchte: Sie werden mit sich selber über eine lange Zeit in die Reflexion und Selbstreflexion gehen müssen - es kann nicht sein, dass dieser Ansatz "mal so / just so" in das Übergeht, woraus / woher / womit Sie bisher hergekommen sind (come as you are). 

Wenn Ihnen diese Verhältnisse zu Ihren Klienten gelingen, vernehmen Sie dann ...
  • "... konnte noch nie so mit jemandem reden."
  • "... war noch nie so frei und ohne schlechte Gefühle, mich so offen zu zeigen."
  • "... das habe ich noch nie mit jemandem sonst besprochen."
  • "... es war so leicht bei Ihnen, so ohne Druck und unbewertet."
  • "... es ist so schön zu spüren, dass ich auch in meiner Schwäche ok bin und bleibe."
  • "... mich bewegt mein Thema - aber nicht mindestens so bewegt mich, wie Sie (JJ) das machen, dass ich mich derart angenommen und belassen fühle. Alles darf sein. Ich kann frei atmen."
Mein vielleicht bildlichstes Feedback war das eines Schweizer Einkaufsmanager, der mir schrieb: 

"Herr Jakob, es ist, als ob man im Portemonaie (Geldbeutel) in einem vergessenen Fächli  (Fach) ein Hunderter Nötli findet. Und dann gleich noch eins! ..."

(Hundeter Nötli = ein 100-Euro-Schein)





02.05.17

Die nicht-direktive Beratung II - Wann ist Beratung angezeigt?

Ich wiederhole das Intro je Posting, um deutlich zu machen, dass ich noch in der selben Arbeit bin. 

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.
Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55. Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Hinweis: Dieses Posting ist voll von männlichen Bezeichnungen und Begriffen. Mit Wertschätzung möchte ich hinweisen, in all dem jeden anderen Anteil an Gender zu bedenken und damit gleichauf herzlich miteinzuschliessen. Willkommen. 
Für den Anfang lese und betrachte ich ohne viel Erklärungen von Rogers folgende Textstellen:

(Rogers, S. 55) Wann ist Beratung angezeigt?


(Rogers, S. 55) Welche Art von Beratung auch durchgeführt werden mag oder unter welchen Umständen auch immer der Berater seine Arbeit verrichtet - er trifft viele seiner Entscheidungen während des ersten Kontakts.

(Rogers, S. 55) Der Klient kommt
Der enormen Vielfalt von Problemen, Symptomen und Ursachen, denen sich Ärzte und Berater bei den Individuen, die zu ihnen kommen, gegenüberstehen, ist sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. Viel zu wenig Beachtung hat man hingegen der Vielzahl von Einstellungen geschenkt, die das Individuum gegenüber Hilfe haben kann, und viel zu wenig ist bedacht worden, welchen Einfluss diese Einstellungen auf das therapeutische Verfahren haben. 

(Rogers, S. 56) Wenn wir uns vorstellen, dass diese unterschiedlichen Einstellungen in Verbindung mit allen möglichen Arten von Problemen und Individuen auftreten können, dann fangen wir an, die Situation in ihrer Komplexität zu sehen:

  • A mit tief verwurzelt emotionale Konflikte
  • B der verstockte Kriminelle
  • C das Kind und seine Eltern
  • D glaubt, sich für den falschen Beruf entschlossen zu haben
  • E der mit seiner Tätigkeit unzufrieden ist
Sie sind alle Teil des Gesamtbildes (für Rogers Situation als Psychotherapeut in den 50ern)

Genau so müssen wir die unterschiedlichen Kapazitäten und Qualitäten der einzelnen Individuen erkennen - 
  • den Stabilen
  • den Labilen
  • den geistig Behinderten
  • den überragend Intelligenten
Es erhebt sich die Frage, ob es möglich ist, Prinzipien zu finden, die den Berater befähigen, seine ersten und anfänglichen Entscheidungen über einen Fall mit mehr Klarheit zu treffen. 

(Rogers, S. 56) Welche Art von Behandlung ist angezeigt?
Ein Herausschieben des Entscheides wäre für den Berater optimal - aber das geht in der Realität nicht. 

Weitere Fragen

(Rogers, S. 57) Steht der Klient unter Druck?

(Rogers, S. 63) Ist der Klient seiner Situation gewachsen?

(Rogers, S. 66) Kann der Klient Hilfe annehmen?

(Rogers, S. 72) Ist der Klient von familiärer Kontrolle unabhängig?

(Rogers, S. 79) Wie steht es mit der Fallgeschichte?




Was bedeuten diese Gedanken für denjenigen, der sich als Coach ausgibt? 


1. Zuerst einmal ist es, als würde man gegen den Strich gekämmt. Man hat zuvor unzähliges Wissen angeeignet, Berufliche Abschlüsse, Studium, etc. absolviert - und nun soll man die Haltung einnehmen, 

  • "nichts zu wissen"
  • auch nicht genau für diesen Menschen, der den ersten Kontakt sucht
  • obwohl man das Problem erkennen könnte / Lösungen sieht / Wissen hätte
  • bereit sein, die Anfrage abzulehnen
  • nur Coaching anzubieten - da Coaching keine Therapie ersetzt!
  • Worte finden, wie man dem Anfragenden gleich schon sagt: "Nein, geht leider nicht."

2. Was nun als Orientierung und Leitplanke dient, vereinbart sich
  • im Wort 'Coaching'
  • in der Beratungsform 'Coaching'
  • in der Definition von 'Coaching'
  • in der persönlichen Haltung des Coaches
  • in der unmissverständlichen Klarheit des Coaching-Prozesses und last but not least
  • im Klienten-Coach-System
... denn Coaching bleibt Hilfe zur Selbsthilfe. Coaching ersetzt keine Therapie. 

3. Die Frage nach der Beratung ist also für Coaches nur insofern angezeigt, als dass zu klären ist, ob des Menschen Anliegen eines ist, welches per Coaching begleitet werden kann. Passt das Thema / das Problem / das Anliegen / das Bedürfnis / eine Lösung in den engen Rahmen dessen, was ein Coaching-Prozess zu leisten vermag?

4. Damit wird erheblich wichtig, dass sich Coaches selber ein Mass auferlegen, welches sie nicht überschreiten - und wenn doch, da erst mit der Zeit sich zeigend, dann halt noch bereit zu sein, dem Klienten aufzuzeigen, dass damit der Rahmen eines Coaching (mit ihm oder ihr, dem Coach) gesprengt wird und das Coaching daher beendet und allenfalls in andere Hände übergeben werden sollte. 

Mit dem 'Mass' spreche ich den Gedanken an, dass man sich immer und immer wieder überlegen muss (dauernde Selbstrelexion), wie weit die eigenen Erfahrungs- und Kompetenzparameter gediehen sind und wo man im eigenen Leben - in seiner persönlichen Entwicklung - steht: 
  • erste Ausbildungen und Berufserfahrungen
  • Phasen des eigenen Lebenszyklus: jung, erwachsen, elterlich, reif, älter
  • Primärausbildungen fürs Coaching auf Basis der humanistischen Psychologie
  • Lebenserfahrung
  • Managementerfahrungen
  • Führungserfahrungen
  • Kommunikationsvermögen
  • Mental- und Motivationskenntnisse
  • Sozialkompetenz
  • Methodenkompetenz
  • Selbsterfahrungen von Erfolg bis Scheitern, von Freud und Leid
  • Thema Mann / Frau / Paare / Familien / Ältere / Fremde / Jüngere 
  • Lebensthemen: Liebe / Arbeit / Beziehungen / Arbeitsstellen / Scheitern / Krankheit / Tod
  • Gefühle / Bedürfnisse / Blockaden / Traumata
  • Heikle Themen: Geld / Status / Tradition / Sexualität / Ersatzhandlungen / Drogen / Suizid
  • Richtung bzw. Ausrichtung der eigenen Coaching-Ausbildung(en)
  • Wirtschaftliche und geistige Unabhängigkeit
  • etc. 

Die Fragen lauten also: 
  • Was für ein Coach bin ich (schon) / kann ich schon sein?
  • Welches ist mein Weltbild?
  • Welches ist mein Menschenbild?
  • Welches ist mein Kompetenzfeld / sind meine Kompetenzfelder?
  • Bin ich ein positiv ausgerichteter Coach? oder kann und mache ich Defizit-Coaching?
  • Bin ich eher methoden- und lösungsorientiert?
  • Bin ich eher ein Business-Coach? Arbeite ich mehr mit Werten?
  • Oder bin ich mehr ein Personal Coach? Arbeite ich mit Anteilen der Psyche?
  • Bin ich sogar eher ein Trainer? oder ein anwendender (Heil-)Praktizierender?
  • Bin ich ein Drill-Sergeant? Ein direktiver Berater? 
  • Bin ich gar kein Coach? Mag ich das gar nicht sein - sondern will Ziele und Resultate sehen?

Bin ich Coach: Habe ich das Basiswissen intus, welches einem Anfragenden auf unterschiedlichste Weise darlegen kann, was in den Bereich Coaching gehören kann und was aber nicht? Kann ich den Rahmen aufzeigen, erklären, erstellen und einhalten, der aus der 'Beratung' ein  Coaching werden lässt? Ist mir bewusst, welches meine Verantwortung ist und welche die des Coachees? Habe ich hierfür allenfalls strukturierte Schritte, die beide beteiligten Parteien im Prozess behalten?

Bei all den Fragen und Entscheidungen, die Sie vielleicht direkt während eine Telefonats oder Erstgespräches stellen und fällen müssen, muss eine Sache ebenso für Sie beantwortet sein: 
  • berate ich den Klienten eher direktiv? oder
  • begleite ich den Klienten eher nicht-direktiv? 

Abschliessend: Rogers theoretische Frage 'Wann ist Beratung angezeigt' steht weit über der Situation, die wir uns als Coaches oder angehende Coaches zu stellen haben. Aber wenn Coach oder Coaching, dann ist DAS der ausschlaggebende Rahmen, fundiert und strukturiert zu wissen (bzw. zu lernen), was hier hin gehört - und was nicht. 

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Kleine Veranschaulichung - so dass Sie hier Ihr eigenen Augenmass gewinnen können: 

Annahme: 
  • eine Coachingausbildung dauert (mind.) 1 Jahr (bitte nix darunter erwägen, wenn  Sie
    Coach-Coach werden möchten. Wenn Sie coachender Finanzberater werden, ok.
  • ------
  • eine Ausbildung im Bereich Transaktionsanalyse dauert bis 3 Jahre und mehr
  • eine Ausbildung zum Personenzentrierten Gesprächsberater dauert 3 Jahre und mehr
  • Abschlüsse für Supervision dauern danach meist nochmals 2-3 Jahre
  • Ein Abschluss als Heilpraktiker Richtung Psychologie dauert um die 2 Jahre

Das zeigt Ihnen, dass viele Coachingausbildungen einen ersten Werkzeugkasten darstellen, so als würde ich Ihnen für das Thema 'Kochen' ein Messerset schenken. Von Vorbereitungen, Grundzubereitungen, Zutaten, Qualitäten, von Unzähligem mehr ... hätten Sie noch keine Ahnung; eine Kochlehre ist dann immer noch zu mache :-)

Fangen Sie an Coach zu werden - behalten Sie sich aber stets im eigenen Rahmen. Je nach dem wie weit dieser geraten ist, ergibt sich Ihnen die Antwort: Wann ist mit Ihnen welche Tragweite von Coachingprozess angesagt und erfolgreich begleit- bzw. für den Coachee gestaltbar?





01.05.17

Die nicht-direktive Beratung I - Ausgangslage und Hypothese

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.


Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55.

Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Für den Anfang lese und betrachte ich ohne viel Erklärungen von Rogers folgende Textstellen:

(Rogers, S. 11) Der Ansatz zur Beratung besteht heute nicht im Erbringen einer Leistung, mit deren Hilfe bestimmte Probleme gelöst werden können. Er ist vielmehr eine Technik, die das Individuum lehren kann, den geistigen und emotionellen Habitus anzunehmen, der es befähigt, seine eigenen Probleme selbst zu lösen. Das eigentliche Ziel des Beraters ist die Entwicklung einer neuen Einstellung bei dem Individuum, das er berät.
Diese Einstellung sollte dem Klienten selbst wachsende Einsicht in seine Probleme geben und ihm helfen, eine zunehmende Integration seiner eigenen Persönlichkeit zu erreichen. Dann wird er in späteren Perioden seines Lebens imstande sein, neu auftauchende Probleme zu lösen. 

(Rogers, S. 28) Die grundlegende Hypothese
Die Hypothese lautet: 



Wirksame Beratung besteht aus einer eindeutig strukturierten, gewährenden Beziehung, die es dem Klienten ermöglicht, zu einem Verständnis seiner selbst in einem Ausmass zu gelangen, das ihn befähigt, aufgrund dieser neuen Orientierung positive Schritte zu unternehmen.

Carl R. Rogers 


Dann folgen Kapitel, in denen Beratungsformen abgegrenzt werden:

  • Die Verwendung von Ratschlägen
  • Die intellektualisierte Interaktion
  • Eine neuere Psychotherapie

(Rogers, S. 38) Charakteristische Schritte im therapeutischen Prozess
  1. Der Klient will Hilfe
  2. Die Situation ist definiert
  3. Die Ermutigung zum freien Ausdruck
  4. Der Berater akzeptiert und klärt
  5. Der stufenweise fortschreitende Ausdruck positiver Gefühle
  6. Das Erkennen positiver Impulse
  7. Die Entwicklung von Einsicht
  8. Die Klärung der zur Wahl stehenden Möglichkeiten
  9. Positive Handlungen
  10. Wachsende Einsicht
  11. Gesteigerte Unabhängigkeit
  12. Das nachlassende Hilfsbedürfnis


Was bedeutet diese Hypothese für meine Einstellung?


1. Ich muss Menschen annehmen können. 
Zuerst einmal muss ich damit einen Menschen annehmen wie er daher kommt. Meine Vorbehalte müssen in hohem Mass gering sein. Ich muss Mut haben und befreit sein von Vorurteilen, Ängsten, Betroffenheiten, etc. Das Menschliche sollte mir nicht fremd sein. Auch das Unangenehme, das Belastende bis hin zum Stinkenden, ich muss es einfach da sein lassen können. 

2. Ich muss meine Bewertungen, Werte und Orientierungen haben - und draussen lassen
Im Coaching überlasse ich es dem Klienten, vor dem ersten Termin seine Lebensgeschichte zu verfassen. Dann erhalte ich diese. Und dann lese ich sie nicht - oder nur partiell. Ich selber möchte leer bleiben, unbetupft, ohne schon grosse Ideen, was mit dem Menschen sein könnte, was sein Problem abzeichnet und wo die Lösung läge. 

Um zu coachen erlebe ich es als enorm unterstützende, wenn ich mich selber geklärt habe. Ich habe meine Werte, Haltungen und Orientierungen. Ich weiss dank langer Reflexionen, was mich ausmacht, wie ich ticke und was mir wichtig ist - oder was für mich nicht geht. Das ist in mir bewusst gemacht, mit Vermögen und Limiten, mit Stärken und Schwächen, mit Tempi, Nähe und Distanz. Aber: das lasse ich so weit als irgend möglich draussen / aussen vor / weg. Selbst wenn ich mich authentisch zeige, mich transparent mache, behalte ich das Meine bei mir. 

3. Ich muss Menschen für "voll" annehmen mögen: würdig, selbstaktualisierend, sich emanzipierend
Mich sollte möglichst kein Vorurteil in meiner Sicht auf jemanden einschränken. Auch sonst sollte mich keine Eigenschaft an dem Menschen der Art beeinflussen, dass ich ihn an dieser Stelle aufgebe oder sonst innerlich ausschliesse. - Sonst sollte ich diesen Menschen nicht als Klient annehmen. 

4. Ich muss vertrauen
Weit mehr als ich mir selber vertrauen sollte, muss ich in die Klienten vertrauen. In jeden in seiner Art. Er oder sie werden Dinge tun, dich ich selber vielleicht nicht täte oder tun muss. Darin muss aber meine Annahme beständig bleiben. 

5. Ich muss mein Wissen als Nicht-Wissen bewahren
Im Sinne einer 'Lethologischen Haltung' (von Foerster) ist für Rogers Hypothese mein Wissen und meine Lösungsfähigkeit als ein Nicht-Wissen bereit zu halten. Ich kann Angebote machen, aber das ist auch das Höchste - als gelieferter Input, als Ich-Botschaft und ohne Ansätze von Ratschlägen. Die Klienten wählen, was davon für sie Sinn macht und weiterhilft. 

6. Der Klient emanzipiert sich von mir - idealerweise
Ich kann für mich annehmen, dass sich wer wieder von mir abwendet, da er frei kam, frei blieb und frei bleibt. Hierfür mag ich mich ethisch clean halten. 

7. Ich muss Farbe bekennen, wenn ich meine, den Kontakt zu jemandem zu verlieren, weil ich ihn nicht verstehe oder verstehen kann!
Wenn meine Vorbehaltlosigkeit mir Grenzen spürbar macht, jemanden anzunehmen, weil der "so oder so" tickt / lebt / sich orientiert, dann bin ich ethisch fairer, wenn ich ihm das transparent mache und mich als Coach daher nicht anbiete. Ich kann vielleicht dafür jemanden vermitteln, der das kann. 

8. Ich glaube nicht, alles verstehen zu können
Ich werde vielleicht nie wirklich jemanden verstehen. Das muss uns offen bleiben. Jedenfalls werde ich nicht so tun wollen, als würde ich auf "jeden Fall" verstehen. 

9. Ich sollte mich nicht kaufen lassen.

10. Ich sollte mich vielmehr dem anderen zumuten, das aber selber verantworten. 

11. Wenn ich meine vielen "Müssen" nicht 'mag', sollte ich es sein lassen. 


___________


Machen Sie sich immer wieder Gedanken, wer Sie als Coach sind oder sein möchten und warum Sie diese oder jene Lehre, Schule, Buch bewegt 
  • Wie weit geht Ihre Vorbehaltlosigkeit? 
  • Welches Format haben Sie? 
  • Welche Erfahrungen machten Sie? 
  • Wie nackt können Sie sein? 
  • Wohinter verstecken Sie sich am meisten?
  • Was sind Ihre Nöte und Ängste?

www.jonajakob.com

15.04.17

Auszug: 'Zur nicht-direktiven Beratung'

Dies ist ein beispielhafter Auszug zur nicht-direktiven Beratung.

Es handelt sich als Vergleich um Regeln, die für die Berater der Western Electric Company aufgestellt waren und die folgendermassen lauten: 

  1. Der Interviewer soll dem Sprechenden geduldig und freundlich aber auch in verständnisvoll kritischer Weise zuhören.
  2. Der Interviewer soll keinerlei Autorität demonstrieren.
  3. Der Interviewer soll weder Ratschläge noch moralische Verweise erteilen.
  4. Der Interviewer soll nicht mit dem Sprechenden diskutieren.
Der Interviewer soll nur unter bestimmten Voraussetzungen reden oder Fragen stellen:
  • Um der Person das Reden zu erleichtern.
  • Um Befürchtungen oder Ängste beim Sprechenden zu zerstreuen, die seine Beziehung zu dem Interviewer beeinflussen könnten.
  • Um den Sprechenden für die genaue Darstellung seiner Gedanken und Gefühle zu loben.
  • Um die Diskussion auf ein Thema zu bringen, das übergangen oder vernachlässigt worden ist. 
  • Um implizierte Voraussetzungen zu diskutieren, falls dies ratsam erscheint. 

Diese Regeln, die ausdrücklich die Verwendung von Ratschlägen, Überredung und Disput ausschliessen und eindeutig betonen, dass das Interview dem Klienten gehört und ihm die Gelegenheit zur freiem Sprechen bieten soll, stimmen voll und ganz mit dem nicht-direktiven Ansatz überein und stehen im Gegensatz zu den meisten charakteristischen Techniken des direktiven Ansatzes.

Carl R. Rogers / Die nicht-direktive Beratung

Ideal hierfür ist die Einstellung und Präsenz einer lethologischen Haltung - einer Haltung des Nichtwissens. (von Foerster)

Der Beitrag handelt von der Nicht-direktiven Beratung. Diese ist ein Teil einer Haltung, neben Kongruenz, Empathie und Wert-freiheit, die den Personenzentrierten Ansatz - PZA oder person centered approach - pca ausmacht und für die Klientin bzw. den Klienten erkenntnisorientiert wirksam und nachhaltig werden lässt. 

In einem solchen Fall wird eine Erkenntnis oder auch Lösung nicht "gewonnen", als wäre es ein Zufall oder könnte auch von fremder Seite her kommen - vielmehr sind die neuen Gedanken und veränderten Sichtweisen und Gefühle errungen - das ist eine ganz eigene Leistung aus einem selbst heraus. 






05.04.17

Rezension zur Neuerscheinung: 'Ich will Coach werden' - Buch von Frau Dr. Brigitte Wolter (Budrich Verlag / amazon.de)

Man hält einen exzellenten Reiseführer in der Hand und meint dann, die Reise werde eine leichte.

Ich las das Buch mit mehr als 10 Jahren Praxiserfahrung in Zürich und acht Jahren Coaching in Frankfurt am Main. Ich erwischte mich mehrfach bei einem „Pahh!“ oder einem „Ffttt…!“, ganz einfach, weil das kritisch erfasste Thema, Coach werden zu wollen, von Frau Brigitte Wolter jene Erfahrungen in mir anklingen liess, an denen ich über die vielen Jahre am meisten zu leiden hatte und auch am schwersten mit mir rang. Coach zu werden hat mehr von mir abverlangt, als ich das vermitteln könnte.


Das Buch enthält mE alles. Vielmehr enthält es so viel Essenz der Essenz, dass man als Einsteigerin oder Anfänger vielleicht nicht zu erkennen vermag, wie weit die Tragweite einzelner Kapitel, Informationen, Sätze bis hin zu einzelnen Worten gehen mag. Wenn ich aber das Gelesene mit meiner Selbsterfahrungen zum Coach vergleiche, kann ich getrost bestätigen: „Jammer nicht, in dem Buch stand / steht alles drin.“

Meine mir wichtigsten Stellen sind:
  • Hinweise auf das Nicht-Direktive im Coachingverständnis
  • Auszüge mit Bezug zu Carl R. Rogers wertfreien Annahme und Personenzentrierung
  • Dass profunde Coaches nicht nur über eine Coachingausbildung verfügen (Sekundärausbildung), sondern meist über viele Jahre länger dauernde Grundausbildungen der humanistischen Psychologie (PCA / TA / GT / HPP / etc), bezeichnet als Primärausbildungen.

Obwohl die Geschäftswelt und nicht zuletzt der Mensch selbst gerne Scheu vor reflektiven Berührungen in Sachen der eigenen Psyche hat („Ich will hier keinen Seelenstriptease veranstalten!“), ist ein ‚Coach‘ ohne eine humanistisch geprägten Grundschule der Psychologie irgendwie ohne Fundament. Im Aussen mag das weit von sich gewiesen werden – aber alleine das millionenfach vermittelte ‚Eisberg-Modell‘ stellt eindrücklich dar, dass mit jedem Menschen eine Untiefe an Seelischem mit einher geht. Es wäre ein arger Witz so zu tun, als könnte man den psychologischen Anteil aus Coachingprozessen ausschliessen. Es gibt für erfolgreiche Coaches mE kein Drumherum, Coaching basiert auf einer psychodynamischen Kombination von Mensch, Sache, Erkenntnis und Lösung. Und darauf weist das Buch hin, ob von Frau Dr. Brigitte Wolter beschrieben, als auch in Form zitierter Zeilen des DBVC.

Und achten Sie sich – das Buch sagt deutlich:
  • Ich verdiene sehr lange nichts – und wenn doch mal, reicht das nicht.
  • Eine Coachingausbildung garantiert nichts.
  • Woher Sie Kunden gewinnen, ist eine zweite aber ganz andere Kunst.
Ich könnte hier hinschreiben, dass ich niemandem empfehle, Coach zu werden. Doch lieber schreibe ich, von welch fantastischer Freude und grossem Erleben es ist, jemandem nach Jahren zu begegnen, die bzw. der „damals noch“ davon sprach und heute spürbar jener Mensch wurde, die bzw. den ich für einen Coach halte. Man steht vor der Person und fühlt sich wohlig als auch gesehen, angenommen und bestätigt.

Coaching ist keine Wirtschaftstheorie, die man beratend in den Markt drückt. Coaching ist die Kunst einer persönlicher Haltung,
die von Menschen am Mensch selbst nachgefragt wird.

Jona Jakob


 Die Aufgabe und das Gelingen liegen also ganz bei Ihnen. Im Werk von Frau Wolter – lieben Dank dafür – steht alles drin. Die Frage ist nun nicht, ob Sie es verstehen, sondern ob Sie das alles in sich zu erkennen vermögen. Wenn Ja, ... 


Go ahead!


Link zur Homepage von Frau Wolter: brandinvest.com

07.03.17

Als Coach werben mit 'Mitteln / Methoden / Strategien' - Erweist die Coachingbranche damit ALLEN einen Bärendienst?

Kann man mit Methoden, mit Mitteln, 10-Punkte-Plänen oder Apps für Coaching werben? Oder tun wir der Klientel und last but not least der Coachinggilde einen Bärendienst damit?

Ich schreibe gegen Windmühlen an, wenn ich erkläre, gerade Coaches sollten nicht mit 'Mitteln und Methoden' werben. Es gibt andere Wege, auf sich aufmerksam zu machen, aber was wir nicht tun sollten, ist mit Aussagen werben wie
  • Ihr 10-Punkte-Leistungsprogramm mit Erfolg
  • Lernen Sie danke XY-Methode ihr persönliches Potential kennen
  • Dank der ABC-App glücklicher und zufriedener
  • etc. 
Solche Werbebeiträge sollten tunlichst gelassen werden - denn sie sprechen gegen zwei Grundsätze von Coaching: 

a) Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe - der Coach sollte ohne eigene Absichten oder Strategien bei den Anliegen des Klienten bleiben und

b) Es sind keine Versprechungen zu machen, weder für Erfolg, Glück, Leichtigkeit oder sonst etwas.

Doch täglich und zuhauf wird so geworben. Was erzeugt das bei genauer Betrachtung? 

1. Es erzeugt ein nie gewolltes Top-Down, der Klient wird dem Experten unterstellt. Der Coach weiss schon, "was für dich und deine Problemchen gut ist". 

2. Es geht damit einher, dass sich die Klientel von Anbeginn unterstellt, folgt und sich damit nicht wirklich in authentischer Eigenheit emanzipiert, sprich: entwickelt. Die Klienten ändern sich, aber nicht im humanistischen Sinn. Sie werden vielleicht sogar "besser" - aber wozu genau? Für mehr Geld, Karriere, Materiellen Gewinn, Leistung? Aber wird die Klientel auch Mensch im Sinne der Individuation? 

Man könnte genau so gut zum Arzt gehen - dem Gott in Weiss, ein eingefleischt anerzogenes Verhältnis seit der kindlich/elterlichen Erziehung, seit der Schüler-Lehrer-Erfahrung, dem Lehrmeister, den Offizieren im militärischen Dienst, dem Arzt, dem Rechtsanwalt, den Behörden, schier allen. Was bekannt ist, wird weiter gepflegt, nämlich folgendes gebürtiges Verständnis als Ordnung eines nicht bewusst gemachten Weltbildes:

Ich bin nicht ok - Du bist ok!

Dieses immer wieder sich einschleichende Verhältnis nährt sich parasitär von zwei Seiten gleichzeitig und verschlingt eine unvorstellbare Quantität und Qualität an eigentlich möglich lebbarem Leben:

c) Das meist unbewusste aber lebenserfahrene (Selbst-)Verständnis, ich bin die unerfahrene Person und du bist die/der Experte, alleine in den ersten 20 Lebensjahren zur genüge verankert, scheint zwar auf den wachen Blick hin "nicht so schön" - doch der guten Ordnung halber und auch wegen der bequemen Einfachheit wegen, stellt dieses Unterstellungsverhältnis eine enorme Komfortzone für Unselbständige dar. Du bist die Lokomotive und ich bin der Wagen - bitte zieh mich. 

d) Aus nicht zu knapp eigener Unsicherheit, wie man emanzipiert lebt  (und es als gebackener Coach tunlichst tun sollte - so das Gebot) übernimmt man, eitel oder selbstgefällig wie man ist - also irgendwie nicht wirklich fähig, wenn man ums Goldene Kalb Coachingmethoden tanzt -, den "Expertenstatus". Man/Frau "stellt sich über" - das ist nicht nur ein Fauxpas, das ist der Verrat an der Sache 'Coaching' selbst. Da folgt das missbrauchte Prinzip den Gedanken Julien Bendas und dem Verrat der Intellektuellen. Man scheppert laut mit seinen "heilsamen Mittelchen", getüncht im Anstrich des positiven Denkens sowieso - und verdreht einfach mal die Verhältnisse, verkennt dabei jede Realität des Lebens per se. 

Man scheppert laut mit seinen "heilsamen Mittelchen", getüncht im Anstrich des positiven Denkens sowieso - und verdreht einfach mal die Verhältnisse,
verkennt dabei jede Realität des Lebens und 
damit den gegenübersitzenden Menschen per se. 


Nicht zuletzt erzeugt das jene Sekunde betroffenen Schweigens, wenn mich jemand fragt, was ich arbeite und ich sage, ich sei Coach! Gleich zuckt die Person gegenüber zusammen und versucht mit einer Strategie der Ablehnung nur EINES: Sich in der gerade noch geruhten Position mir gegenüber bewahren zu können. Sage ich 'Coach', vermittelt das sofort das Gefühl von "Ich Experte - Du niemand". Damit ist die Sache kaputt. Richtig kaputt. Bin ich als Coach wach genug, lehne ich so jemanden ab, weil der, (siehe unter c) oben), gerne "in ein Coaching kommen würde" als läge er/sie sich dabei gemütlich auf den Massagetisch eines Wellnesstempels. Coach, mach mal. 

Das, liebe Berufskolleginnen und -kollegen, ist in sich sein Untergang. Und wenn nicht, laufen doch Millionen von Euros über die Tische und der Markt brummt, erzeugen wir anstelle von Menschen, die sich selbst verantworten und tragen, die unabhängig und emanzipiert bewusst leben wollen und dank selbstkompetenter Entscheide ihr Leben formen und gestalten, erzeugen wir optimierte Lämmer - aber weiterhin nur Lämmer. Der Methodenkasten als Elternersatz für Erwachsene, eine Art neue Bevormundung per se - denn gibt es diese gute Methode, sollte man sie schon nutzen.

Aber das ist das Gegenteil von Coaching. Basta. 

Coaching ist eine wunderbare Chance


Coaching ist eine wunderbare Chance - aber für die Menschen als Klientel, nicht für die Methoden, Mittel, Theorien und Wissenschaften. Diese haben sich zurückzuhalten, bis der Coachee äussert, an dieser oder jener Stelle Bedarf zu haben und ein Angebot zu wünschen. Erst dann sollte ich als Coach Möglichkeiten aufzeigen, Zugänge als Input anbieten (nicht intentiös auf Erfolg bedacht aufdrängen - auch nicht als "gut gemeint für die Klientschaft") allenfalls Brücken bauen. Coaching bleibt aber: die Klientin bzw. der Klient baut sich seine Brücke selber. 

Wie also kann ich ein Werbeposting in Fachblättern, Foren, Netzwerken und der digitalen Welt hervorstellen, welches ungefragt mit Gedanken und Verführungen wirbt, welche noch nicht eine Silbe nach den Anliegen des Kunden gefragt haben und was der braucht? Weiss ich als werbender Coach nun schon im Voraus, "was Du brauchst"? Oder soll ich im Sinne des 80er-Jahre-Marketings einfach "mal" ein paar Bedürfnisse wecken, die in dir schlummern? Werde ich fahrender Heilwasserverkäufer, wie damals im Wilden Westen? Heil'Praktiker?


Liebe Leserin und Leser

Wenn Sie selber ein Coaching als Begleitung für sich in Betracht ziehen, können Sie sich in allen Punkten stets fragen: 
  • "folge" ich den Angaben, Aussagen und Angaben, die mir zu einem Coach vorliegen? oder
  • "entscheide" ich aus eigenem Antrieb, wonach mir ist und was ich gerade brauche?

Liebe Coachingkolleginnen und -kollegen

Sind wir uns noch im Klaren? Sind wir allenfalls einfach nur pragmatisch für den finanziellen Erfolg? Oder kann es sein, dass wir uns einen massiven Bärendienst erweisen? Denn was genau waren die (nicht zu leicht nachvollziehbaren und komplexen) Gründe, warum Ärzte, Rechtsanwälte und Therapeuten nicht für sich werben durften? Hatte es da nicht sein Gutes dabei? 

Und stünde es uns selbst nicht an, bedacht und mit hohem Bewusstsein für ein humanistisch würdiges Menschenbild so zu werben - was durchaus möglich ist, zum Beispiel mit Ihrer Authentizität oder Transparenz, Greifbarkeit, etc - dass die Möglichkeiten des Menschen vor vorausgehenden Einflüssen bewahrt werden - wenigstens so weit, dass die eigene Entscheidungen fällen? 

Und last but not least: Wie sehr verstecken Sie sich als "Expertin bzw. Experte" hinter Ihren Methoden / Mitteln / Strategien und Plänen? Wie viel 'Pseudo' ensteht damit sogleich? Fehlt Ihnen das Format, sich zurückzuhalten, bis der Klient in den Ring tritt? Muss das Top-Down aufrecht gehalten und manifestiert werden? Stresst ein Sein im Gleichstand auf Augenhöhe? Haben Sie innere Panik falsch interpretiert zu werden, wenn Sie in lethologischer Haltung verbleiben? Sind Sie es eigentlich, der/die die Methode "braucht"?

Wenn Sie, was ich nicht bezweifel, Expertin und Experte sind - das ist in den meisten Fällen der Branche solide vorhanden - dann würde es Sie als solche doch eher auszeichnen, mit den notwendigen Werbebotschaften so umzugehen, wie es unser aller zugrunde liegende Gedanke, was Coaching per definition ist - und WOZU! - nämlich dann so zu werben, dass Klienten in eine eigens erweckte Reflexion geraten und dabei aus freien Stücken auf den Gedanken kommen, wo und mit wem Kontakt aufzunehmen. Es würde aus dem Sollen ein Wollen. 

Das Goldene Kalb 'Coachingmethode' - Echtes Expertentum nimmt sich da weg und unterlässt das so ideal wie möglich. Echtes Coach-Expertentum fordert seine Klientel heraus, kritisch zu bleiben, Abstand zu wahren, sich bei der Investition selber zu verantworten. Echtes Coach-Expertentum nimmt die Hand vom Rockzipfel, an den man sich so gerne klammern würde, ob als Coachee klammernd am Coach, ob als Coach klammernd an seinen Methoden. 

Wissen Sie, ich möchte wo sitzen und gefragt werden: "Was arbeiten Sie?" und dann mit "Coach" antworten, so dass ein gutes Verständnis und eine entspannte Akzeptanz im Raum steht. 

Oh ja, andere Wege sind anstrengender, bestimmt, da gebe ich Ihnen Recht. Nur: Wozu sollte der Klient aus seiner Komfortzone aufbrechen, wenn Sie als Coach nicht mehr tun, als gerade mal den einfachsten Weg wählen und hierfür die fachlich notwendigen Verhältnisse verdrehen? Der Klient merkt den Beschiss, kauft, zahlt, ändert nix und gibt der "unfähigen Branche" die Schuld. Hat er Recht. 

Mit besten Grüssen

Jona Jakob
Zürich Bern Frankfurt Aschaffenburg



21.02.17

Vorsicht Auftragsannahme: "Ein Coaching soll es zum Schluss noch richten."

Dieses Posting befasst sich mit Gedanken, ob ein Mensch in sich selber stabil sein kann oder nicht. Gibt es ein Fundament, auf dem die 'Coachbarkeit' gewährt wird - oder verdrängt der potentielle Coachee, dass er/sie sich da etwas vormacht?

Nicht jede Lebenssituation, in der ein Mensch sich erlebt, ist 'coachbar'. Das ist nicht meine Meinung, sondern das misst sich an ethischen Grundsätzen, die einen Coach und Coaching vom Zweck von Therapien und Therapeuten unterscheidet.

Coachbar ist, wer eine intakte Selbstbestimmungskompetenz mitbringt, eine Form von Unabhängigkeit, ganz besonders von einer inneren Stabilität, die vorhanden sein muss und die jeder Mensch nur mit sich alleine ausmachen kann.

Dieser Beitrag beleuchtet die Thematik hinsichtlich der / (meiner) Situation, Coachings anzubieten. Nicht für jeden Menschen ist dieses Angebot nutzbar - spätestens ich als Coach habe die Verantwortung, momentan nicht coachbare Menschen darauf hinzuweisen, was als Coaching ethisch korrekt angeboten werden darf und was ich abzulehnen habe. Und ja, diese Menschen haben in dem Moment noch keine neue Lösung, falls abgelehnt.

Man meint, sie fährt noch. doch ihr Rumpf ist weg. 

Erkennungsmerkmal I: 
"Ich bin meine Baustelle. Schon seit eh ..." - und ich habe keinen Gedanken daran, nicht mehr mein Thema zu sein, weder für andere noch für mich selbst.
  • Das geht nicht.
  • Das wird nie von Erfolg gekrönt sein.
  • Das täuscht und belügt einem selbst
  • Kein Coach sollte hierfür die Hand reichen, sonst wäre das ethisch nicht haltbar 

Erkennungsmerkmal II: 
"Ich bringe (als Problemorientierung / allenfalls als Komfortzone) gleich meine ganze Krankengeschichte mit." Gleich werden alle Therapien, Ärzte, Medikamente, Behandlungen und Selbsterfahrungen aufgezählt. Eben: was man schon alles gemacht hat - nun soll das Coaching die letzte Rettung werden. Ist menschlich verständlich, geht aber nicht und gehört sich auch nicht. Spätestens hier sagt ein professioneller Coach STOPP.


Erkennungsmerkmal III: 
"Ich bin sooo schlau, ich kann alles hinterfragen, besonders mich selber - und auch Sie, Herr Coach, vermutlich schaffe ich es auch, sie zu zermalmen und so neu zu bestätigen, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin." Ja, klar. Dann brauchen Sie sich nämlich mit fremder "Schuld"-Zuweisung nicht zu bemühen, aus Ihrer Unfassbarkeit / Unbrauchbarkeit / Instabilität herauszukommen.
Hinweis: Es entsteht dabei das Karpmansche Opfer-Täter-Dreieck.

Aber das sind die Ziele eines Coachings
  • Brauchbarkeit
  • Verwendbarkeit
  • Einsatzfähigkeit
  • Selbsterhalt
  • Berufstätigkeit
  • Einkommensfähigkeit
  • Stabilität
  • Kontinuität
  • Wachstum
  • Realisierung
  • Selbstkompetenz
  • Sozialkompetenz
  • Selbststeuerungskompetenz
 ... last but not least eine höhere Form von "Problemlosigkeit / Funktionieren". 

Mit der Drama-konzipierten Krankengeschichte erklärt jemand der Welt, dass es mit mit seiner Person "nicht geht".

Das lässt sich auch nicht coachen oder weg'coachen. Es geht nicht. Bleibt ok. Ist menschlich. Kann echt so sein, was mir auf jeden Fall leid tut. Und das muss vielleicht sonst wie betreut, geholfen, gestützt und begleitet werden. Aber nicht per Coaching. Coaching bleibt Hilfe zur Selbsthilfe, wo jemand seine Selbstverantwortung in die eigenen Hände nimmt. Bildlich gesprochen: 

Das Schiff muss schon schwimmen, 
wenn jemand neue Segel setzen will. 

Was kann erkannt werden? 


Ob für Coaches oder besonders für Coachees die Betroffen sind:

Wenn der Mensch zur Welt kommt trägt er im Normalfall ein Grundvertrauen in sich. Es ist klein und fein, aber es ruht dort wie im Babyschlaf. Dieses Urvertrauen wächst normalerweise mit dem Menschen sein Leben lang mit. Aber: es kann jederzeit aus der Ruhe geraten oder so schwer gestört werden, dass es aus seiner Verankerung ausbricht.

Das Urvertrauen ist unser inneres Fundament. Ein Fundament ist ein schwerer, passiver Sockel, auf dem gebaut werden kann. Man baut darauf Häuser, Türme, Windräder oder Maschinen. Viele Fundamente sind nicht nur Betonsockel, sondern innerlich durch Armierungseisen verwoben und elastisch eingegossen. 

Jetzt kann es sein, dass dieses Fundament bei einem Menschen in einen Zustand gerät, den ich mal 'Pudding' nenne. Das Ding ist darin nicht 'funktionstüchtig', als dass es 'weich' wurde. Es könnte auch gebrochen sein, gerissen, abgebröckelt. Aber nein, unser Fundament eines Coaching-Suchenden ist weich geworden. Es wackelt und rubbelt, schubbert.  Es gerät in ein Schwingen. Alles, was darauf gebaut wurde oder gebaut werden soll, erzeugt ein Unvertrauen in sich selbst, weil unten der Boden schwimmt. So beschreibe ich das mal. Selbst wenn das Fundament oben und im Aussen den Menschen noch zu tragen vermag, wirkt dieser auf einem:
  • fahrig
  • nervös
  • umtriebig
  • sprunghaft
  • provozierend bei gleichzeitigem Rückzug
  • im Ja-aber-Modus
  • im Ich-weiss-ich-weiss-aber-es-ändert-sich-nichts-Modus
  • etc. 
Der Grund hierfür ist aber nicht, dass man einen schlechten Tag hat. Der Grund liegt darin, dass von den aufgezählten Eigenschaften 4-6 gleichzeitig auftreten, weil diese meist gedanklich hinterlegten Reaktionen alles, aber auch wirklich alles hinterfragen und anzweifeln. Und so zweifelt ein solcher Mensch sich selber an, bis das Fundament weich wird und die Bestätigung einer Form von 'Defekt' sich ganz besonders darin bestätigt, dass nun "auch noch" das Fundament anfängt zu wackeln. 

Ich verurteile das nicht und bewerte es auch nicht. Aber ich schreibe den Beitrag, weil das von der Idee 'Coaching als Chance' nicht getragen werden kann. Nochmals: es geht nicht - kein Coaching kann in dieser Situation irgendwas "richten".

Wenn also das seelische Fundament, das Selbst- oder Urvertrauen eines Menschen durch diesen nicht stabil gehalten werden kann, ist ein Coaching - egal in welchem Themenbereich / Situation / Kontext - zwar realisier- und bezahlbar, aber es wird nicht wirken. Man kann mit dem Geld auch was Essen oder Shoppen gehen.

Denn nicht zu selten, werden a) die Inputs und b) besonders gerne die Selbsterkenntnisse - also die eigenen Gedanken - erneut in Zweifel gestellt, hinterfragt, für nicht haltbar erklärt und so dreht sich die Pudding-Wubbel-Spirale weiter. Der Absturz und Frust ist vorprogrammiert.


Wo ist eine Umkehr? Was kann ein Coach aufzeigen?:


Der Gedanke ist, den Wunsch in sich zu finden, nicht mehr sein eigenes Thema sein zu mögen. 

Jedenfalls nicht mehr das bisher 'alte' Thema. Der potentielle Coachee müsste in sich wollen, von der Baustelle abzulassen, sie nicht mehr zu thematisieren und auch aus der Baustelle keine weiteren Schlüsse mehr zu ziehen. Ein Coachee müsste sich wünschen, endlich in sich Ruhe zu haben, was mit einer Stille und irgendwie "Lahmheit" vonstatten geht. Alles wird normal. Damit wird es auch irgendwie unscheinbar, unaufgeregt und allenfalls etwas langweilig. Fertig Nervenbündel - Fertig Selbstzweifel. 

Wenn also jemand für eine Krankengeschichte "hätte", müsste dieser Mensch Kontakt aufnehmen und nur sagen: "Ich will wieder arbeiten und eine Beziehung leben können." Basta. 

Die Vorgeschichte dürfte nicht wirklich in seine neue Zukunft mit rein - die müsste, wie ein Hund, draussen bleiben - und das muss der Coachee in sich klar so halten wollen. Weil er sich sagt: Basta, ich bin stabil, ich frage mich nicht zugrunde, ich bewahre in mir Werte und Qualitäten und ich bin nicht labil sondern stabil. Auf dieser Basis will ich mit einem Coaching die Eigenschaften und Einflüsse meiner Situation und Entwicklung kennen lernen und mich noch besser aufstellen und selbst bestimmen können. Ich nehme mir meine Zeit, ich bezahle den Aufwand selber und ich baue jetzt auf. Ohne die alten Geschichten. 

Als Autor brauche ich nicht von Dingen zu schreiben, die betroffene Menschen dennoch gefangen halten. Und das will ich auch nicht. Als Fachmann bin und will ich aber davon schreiben, was in der Anlage, im Setting des Coaching bzw. des Coach-Klienten-Verhältnisses und last but not least dem Coaching-Vertrag nicht geht. Fehlt das stabile innere Fundament des Klienten, fängt das Fundament des Coachings an zu Pudding zu werden ... und das alleine schon gefährdet auch mich. Als professioneller Coach will ich das nicht. Für Sie nicht. Für mich nicht.


Was Sie mich als Coach im Vorgespräch zumindest fragen können: 


a) Bringe ich die Voraussetzungen für ein Coaching mit? 

b) Und wenn nein oder vielleicht nicht, wer oder was kann mir dann eine Begleitung, Massnahme oder Hilfe sein?

Solche Fragen und Bescheide gehören ins kostenfreie Vorgespräch. Daher: Weiterhin gerne den Kontakt aufnehmen und nach Klärung suchen. Aber sobald etwas in Ihnen den Coach als "Retter oder letzte Rettung" sieht, läuft etwas falsch ab - sie verklären dann die Situation. Nur wenn Sie sich da aussen vor behalten können, sich also nichts vormachen, sondern auf die Veränderungsfähigkeit Ihrer Selbst vertrauen können, dann können Sie auch Coachee werden. Achten Sie sich auf Ihren Modus ... 

Seien Sie herzlich willkommen

Jona Jakob

10.01.17

Was hilft zu unterscheiden, wenn man sich mit seinem Angebot als Coach deutlicher positionieren möchte?

Es gab eine kleine Anzahl von Anstössen, so dass ich mich mit der folgenden Betrachtung beschäftigte:

Es gibt Coaches, die nicht genau sagen können / die es nicht auf den Punkt bringen, was genau sie anbieten. Und selbst wenn auf deren Website Angebote stehen, bleibt mir doch der Eindruck, sie selber würden nicht wirklich hinter den Sachen stehen, die dort aufgezählt sind.

Ich meine, begleiten kann ich jeden, auch ganz ohne Ahnung. Doch wenn ich einen Coach beauftrage und bezahle, dann soll der zwar mich machen lassen (Hilfe zur Selbsthilfe), aber dennoch möchte ich lieber eine erfahrenen Coach als einen unerfahrenen. Sie verstehen mich nicht? - Hier ein Bild:

Sie buchen einen Bergführer für Ihr Besteigungsziel. Natürlich kann Sie wer begleiten, der vom Gehen Ahnung hat. Doch selbst wenn dieser Bergführer/Coach nur hinter Ihnen geht und Sie wirklich coacht, möchten Sie vermutlich doch jemanden, der selber mehr als Sie klettern und besteigen vermag. Sie möchten also neben der coachenden Methode DOCH einen Experten in der Sache selbst - und zwar keinen Theoretiker, sondern einen erfahrenen Praktiker bzw. einen praktisch Erfahrenen, einen 'in der Sache Bewanderten'. 

Jetzt haben Sie eine Coachingausbildung abgeschlossen und haben das Problem (Annahme), bei der nächsten Begegnung nicht genau antworten zu können, wen oder wobei Sie coachen. Sie finden die Worte nicht, Sie finden die Angaben nicht, Sie haben keinen Durchblick, wie man das alles unterscheiden könnte und was davon genau auf Sie zutrifft, damit es authentisch wirken würde.

Hier möchte ich in diesem Beitrag mit einer Einteilung in zwei Dimensionen die Betrachtungen unterstützen und eine Möglichkeit bieten, eine Transparenz herstellen zu können:

Die zwei Dimensionen meiner Coaching-Positionierung


Sie finden im Markt der Coaches und Trainer zwei Typen, die sich wirklich unterscheiden:

a) jener Typ, der in der Tiefe von Methoden Experte ist; oder

b) den Typ, der in einem oder mehreren Feldern Experte ist

Zu c): Hier ist der Bereich, wo jemand allenfalls undefiniert und damit nicht erkennbar erfolglos verbleibt - es ist die Schnittmenge von Coaching, Methoden und Feldern. Und bedenken Sie: Wenn Sie das schon kaum auseinanderhalten können, wie soll der wenig kundige aber potentielle Coachee oder ein Unternehmen erkennen können, was Sie anbieten?

Alle Aussagen in dem Beitrag gelten für alle Geschlechter. 



Jetzt denken Sie allenfalls zuerst an andere, erfolgreiche Coaches, die Sie kennen - welcher Dimension würden Sie deren Angebote, die sie gut nachgefragt anbieten und bezahlt erhalten, zuordnen?

Wenn Sie diese Profile erkennen und nachfühlen können, dann beginnen Sie, Ihre eigenen Bereiche, Erfahrungen, Kompetenzbereiche zu sammen (Zettel: notieren und aufhängen, dann ordnen und weniger relevante wegnehmen).

Oft ist es eine Laune des eigenen Wesens und der persönlichen Bedürfnisse, in welche Richtung man sich als Coach mit seinem Geschäft aufstellen und weiter entwickeln mag. Auch bestimmen alte Erfahrungsbereiche sehr oft, was einem schon ausmacht. Es ist nicht so, dass da nichts vorhanden ist.

Aber nicht ganz einfach geht es meist jenen Coaches, welche von allem viel haben. Die möchten dann vielleicht alles einsetzen - keine ideale Idee. Zumal: bedenken Sie auch, was Sie als Einzelkämpferin und Einzelanbieter für einen Auftraggeber zu leisten vermögen, ob quantitativ oder qualitativ: Es ist nicht wirklich ideal, dann als Beginner das überfordernde Thema 'Unternehmensnachfolge' anzugeben. -

Diese Vorgehensweise erlaubt Ihnen mit der Zeit doch noch, sowohl in die Tiefe wie auch in die Breite anzubieten, also zum Beispiel: Habe viel Erfahrung in erfolgreichen World-Cafés und demokratischen Dialogprozessen, auch bei 200 bis 600 Anwesenden (in die Tiefe). Damit einher geht meine Kompetenz im Vertrag, der Aufstellung und der Realisierung, also dem Umgang mit Organisationen, Parteien, Kirchen, Vereinen, Schulen, Unternehmen. (Feldkompetenz: Gruppen - in die Breite).

Woran Sie sich zusätzlich orientieren können, was Feldkompetenzen angeht:

  • In den meisten Fällen liegen hierfür Primärausbildungen vor: Studium, Fachausbildung
  • In vielen Fällen liegen Berufserfahrungen vor: Jahre im Management, Projekten, Teams
  • In vielen Fällen zeigt sich, dass man sich darin selber weiterbildete: z.B. Heilpraktiker
  • Last but not least tragen eigene, aber verarbeitete, Schicksalsschläge zu Kompetenzen
  • Prägend: Aus welchem Haus komme ich? Bildungsbürgertum? Kirchliches Zuhause?..
  • Referenzen: Neben Namen und Unternehmen die konkreten Leistungen und Projekte nennen
  • Erfahrungen: 100-Km-Lauf, Atlantiküberquerung, Gipfelbesteigung, Brücke gebaut, etc.
  • Bewerten: Jeder Erfolg, aber auch jedes Scheitern stellen eine brauchbare Kompetenz dar
  • Auf alle Fälle: Alles was Sie je lehrend / unterrichtend vermittelt haben

Welche Theorie kann mir zusätzlich helfen, mich profilierter aufzustellen?


Die EKS-Theorie (siehe Wiki: Engpasskonzentrierte Strategie - EKS). Sich als Coach zu 'profilieren' bedeutet, KLARER am Markt erkennbar zu werden, worin man bewandert ist. Es bedeutet nicht, grossspuriger aufzutreten. Es geht also nicht darum, was Sie von sich alles herzeigen möchten, sondern darum, wie klar für einen positiven Entscheid .. oder wie falsch einem die Zuhörenden eintüten.

Ich hoffe, mit den beiden Dimensionen eine Möglichkeit anzubieten, die erlaubt, sich selber zu reflektieren und aufzustellen. 

Herzlich
Jona Jakob
Zürich, Bern Frankfurt

Vorangegangene Blogbeiträge, welche diesen Beitrag ergänzen: 

Eine Coachingausbildung ist keine Kompetenz
http://exhalat.blogspot.de/2013/10/eine-coachingausbildung-ist-keine_15.html

Warum meine angebliche Zielgruppe nicht meine Kundschaft wird - oder wie doch -
http://exhalat.blogspot.de/2014/02/coach-sein-warum-meine-angebliche.html