04.05.17

Die nicht-direktive Beratung IV: Probleme, Lösungen und Ziele - vonseiten Klient oder vonseiten Berater?

Ich wiederhole das Intro je Posting, um deutlich zu machen, dass ich noch in der selben Arbeit bin. 

Ich lese und verarbeite aktuell ein Buch, welches 75 Jahre "alt" ist. Es wurde 1942 von Carl R. Rogers verfasst und trägt den Titel 'Die nicht-direktive Beratung'.
Ich muss das Buch für mich selbst "übersetzen", also aus jener Zeit in die heutige und aus Rogers Arbeit mit der Psychotherapie, wo ich als Coach personenzentriert möglichst nicht-direktiv arbeite. Mir scheint, dazwischen liegt ein grosser Canyon, eine Art Graben oder vielleicht auch Gebirge, insofern dazwischen 75 Jahre neue Forschung und neue Bücher bzw. Theorien liegen. Und eine Menschheit, die sich ebenfalls 75 Jahre weitereintwickelt hat, sich also heute anders versteht. Ich selber bin nächstens 55. Aber gerade weil ich im Jahr 2017 so lange und weit "weg" in "heutigen eigenen und klientenbezogenen" Kontexten stehe, lese ich diese Ursprungsquelle. Verstehe ich die Anfänge, kann ich mich im entfernten Heute besser selber kontrollieren - so meine These.

Hinweis: Dieses Posting ist voll von männlichen Bezeichnungen und Begriffen. Mit Wertschätzung möchte ich hinweisen, in all dem jeden anderen Anteil an Gender zu bedenken und damit gleichauf herzlich miteinzuschliessen. Willkommen.




Eine der grössten Ambivalenzen fürs Coachen, für Coachings und fürs Coach werden ist jene, ich beschreibe das mal so, dass man sich vom aufgabenerfüllenden Beruf alleine stellt und das in einer beratenden Rolle. Beratend waren für uns seit der Kindheit

  • Eltern, Grosseltern, Erwachsene
  • Lehrer
  • Ärzte
  • die Polizei
  • Kirchenwürden
  • Ehren- und Amtsträger
  • alle mit einem akademischen Titel etc. 
Die Oberen, Besseren, Würdigeren, Hehrenen und oft einfach Älteren waren die systemisch übergestellten Orientierungsfiguren. Wenn "die" was sagten, folgen wir zumeist. Das impliziert bei nicht bewusstgemachter Reflexion, dass man beratend irgendwie

  • besser
  • wissender
  • erfahrener
  • vorauseilend
  • tüchtiger
  • schneller
sein müsste. Bisher war das ja so.


Doch die genau zu verstehende Sichtweise,
dass Coaching Hilfe zur Selbsthilfe ist, sagt erkennbar:
Nein, bitte nichts wissen, meinen, angeben. 

Hier nehmen erfahrene Coaches die sogenannt 'lethologische Haltung' ein (von Foerster) - die Haltung des Nichtwissens. An dieser Stelle unterscheiden sich die Angebotsformen.

Sie gelten zuerst alle als 'Beratung'. Aber je nach Haltung, Denkweise, Schule und Methode unterscheidet sich das Marktangebot und das Gebaren der beratenden Figur, ob in der persönlichen Begegnung oder indirekt als Texte, Marketing, Aussagen, als

  • Trainer         Schulung
  • Coach           Nicht-direktive Begleitung
  • Berater         Direktive Begleitung
  • Therapeut     Nicht-direktive Begleitung, analytisch
  • Praktiker       Anwendende Methoden (meist körperlich)


Wie kann ich eine direktive von einer nicht-direktiven Beratung unterscheiden?


Eine Grundlage zur Unterscheidung einer nicht-direktiven gegenüber einer direktiven Beratung besteht darin, einen Blick darauf zu werfen, von wem aus

  • das Thema
  • das Problem
  • das Ziel und
  • die Lösung 
eingebracht wird / ausgeht.


Wer wählt das Ziel des Klienten aus? 


Die direktive Gruppe geht davon aus, dass der Berater das wünschenswerte und anerkannte Ziel, das die Klientschaft erreichen soll, auswählt und seine Bemühungen darauf  richtet, den Kunden bei der Erreichung zu helfen. - Das impliziert, dass die Beraterfigur den Klienten überlegen ist, da davon ausgegangen wird, dass die Klientel ausserstande ist, die volle Verantwortung für das Auswählen des eigenen Zieles zu übernehmen. 

Die nicht-direktive Beratung basiert auf der Haltung, dass die Klientschaft das Recht hat, seine Lebensziele selbst zu wählen, selbst wenn diese im Gegensatz zu den Zielen stehen, die ein Berater allenfalls für die Person ausgewählt hätte. Damit nehmen Beratende der nicht-direktiven Beratung die Haltung ein davon überzeugt zu sein, dass das Individuum wahrscheinlich eine gute Wahl treffen wird, wenn es zu einer gewissen Einsicht in sich selbst und in seine Probleme gelangt ist (Ziele und Themen laufend anpassend / optimierend / erkenntnisorientiert entwickelnd). 

Der direktive Standpunkt legt grossen Wert auf soziale Übereinstimmung und das Recht des Fähigeren, den 'Unfähigeren' zu lenken. 

Der nicht-direktive Ansatz legt grossen Wert auf das Recht des Individuums, psychisch unabhängig zu bleiben und seine psychische Integrität zu erhalten und auszuschöpfen. 

Beide Standpunkte entstanden aus unterschiedlichen Beziehungen zur sozialen und politischen Philosophie, wie zu den Techniken der Therapie. Hier kann unterschieden werden zwischen
  • Persönlicher Erziehung (direktiv) und
  • Persönlicher Entwicklung (nicht-direktiv)


Konzentration auf das Problem (direktiv) vs. auf den Klienten (nicht-direktiv)


Als Folge dieser Unterschiede in den Werturteilen (Menschenbild des Beraters) wird erkennbar, dass die direktive Gruppe dazu tendiert, ihre Denk-, Handlungs- und Angebots- wie Verfahrensweise auf das Problem zu konzentrieren. Wenn das Problem auf eine Weise gelöst ist, der der Berater zustimmen kann, und wenn die Symptome beseitigt sind, wird die Beratung als erfolgreich betrachtet.

Die nicht-direktive Gruppe legt den Fokus auf den Klienten und nicht auf das Problem. Wenn Klienten durch den Begleitungsprozess (z.B. Coaching) zu genügend Einsicht und Erkenntnis gelangten, um die eigenen Verhältnisse zur realen Situation zu verstehen, dann können die Klienten jene Methode zur Optimierung wählen, die für sie im Moment den höchsten Wert hat. Solche Klienten werden später eher imstande sein, mit zukünftigen Problemen fertig zu werden, weil die Erfahrung der eigenen Einsicht und Unabhängigkeit als eigens gemachte Erfahrung dazu beitragen, sich selber zu optimieren.

1. Indiz: Wer bestimmt das Ziel?

  • Direktive Beratungsansätze wissen irgendwie, wer was braucht und "wie Sie da geholfen werden"
  • Nicht-direktive Beratung wartet ab, mit welchem Anliegen Klienten ankommen und darüber sprechen bzw. daran arbeiten möchten, um selber zu Lösungen zu finden. Hier begleiten bedeutet Coaching in seiner Reinform, nämlich nicht gleich die Lösung zu finden, sondern den Menschen so sich selber finden zu lassen, dass dieser sich wagt sich zu wagen und zu entdecken und so zu seiner Klärung und zu seinem Selbst findet. Schritt für Schritt.

2. Indiz: Auf wen oder was wird der Fokus gelegt?

  • direktive Gruppe dazu tendiert, ihre Denk-, Handlungs- und Angebots- wie Verfahrensweise auf das Problem zu konzentrieren.
  • Die nicht-direktive Gruppe legt den Fokus auf den Klienten und nicht auf das Problem.

Was bedeutet das für ein nicht-direktives Coaching-Angebot, wenn man Coach werden möchte?

Das bedeutet, dass man eigentlich nicht "reinfingern" dürfte, weder marktschreierisch, heilsverkündend, missionierend noch moralisierend - egal wie "vernünftig" es sich nach aussen darstellt.

Womit bei nicht-direktiver Haltung Klienten nicht verführt werden dürften:
  • Zu tiefe Honoraransätze
  • Freundschaftliche Angebote / kollegiale Angebote / innerfamiliäre Angebote
  • Keine Appelle (RUF MICH AN!) - auch nicht auf Flyern (AIDA: 'Action')
  • Auf Websites: keine Pop-Ups, kein Fordern von eMailadressen, kein Drängeln mit Newslettern
  • Beim nächsten Termin nicht ins Direktive verfallen, da man ja schon beim letzten Mal davon sprach - neu erkunden, was ist
  • Keine Ratschläge - Angebote sind gut machbar / oder sogar fragen, ob ein Angebot gewünscht sei / wird
  • Oft: zeitlich nicht drängeln - warten und auch in den formellen Vertragsbedingungen klientenorientiert bleiben.
  • Sich dabei selber nicht opfern, wie z.B. keine Coachings nach 22:00 Uhr oder sowas. 

Was kann ich tun, um nicht-direktiv Klienten auf mein Angebot aufmerksam zu machen?

Nicht-direktiv meint vielleicht, nicht einmal jemanden wo abholen. Vielleicht möchte der Klient seinen Berater beauftragt nur bei sich haben. Mehr nicht. Rogers schwieg einmal 1 Sitzung (50 min) mit seinem Klienten. Das war es, was der damals brauchte. 
  • Fragen Sie: Darf ich Sie auf mein Aufgebot aufmerksam machen? Auch in geschriebener Form
  • Enden Sie Ihre Sätze eher mit einem Fragezeichen, statt mit einem Punkt.
  • Notieren Sie keine Appelle oder Imperative, keine Verallgemeinerungen und Pauschales
  • Notieren Sie eher im Konjunktiv, lassen Sie so viel wie möglich offen (q.e.d. :-))
  • Vielleicht 2-4 Websites zu Coaching-Themen ansetzen
  • Die eigene Website als Visitenkarte vertehen und dort schauen, dass Sie in der Region im Internet gefunden werden (lassen Sie sich notfalls beraten)
  • Notieren Sie auf Ihren Trägern von Botschaften: Ich habe als Coach eine nicht-direktive Haltung / ich coache mit einer personenzentrierten Haltung / non-direct
  • Notieren Sie Ihr Haltung, wie Sie Menschen / Klienten sehen und aufnehmen bzw. begleiten
  • Zeigen Sie sich authentisch, vielleicht schreiben Sie mit der Zeit einen Blog, wo Sie ihre eigenen Gedanken transparent machen / werden Sie greifbar / fühlbar
  • Schaffen Sie sich so Resonanz bei den Lesern / Gleichklang / Vertrauen / Lust anzufragen
  • Schenken Sie den Menschen deren Ok-Sein, ihre Annahme (Maslow 3. Ebene), Akzeptanz
  • Erklären Sie Ihre Sichtweise zur Idee der 'Bewertungsfreiheit / Nichtbewertung / Ok-Seins'
  • Bleiben Sie auch im Schriftlichen und allen Kontakten mehr aktiv zuhörend
  • Hören Sie, um zu verstehen - und nicht: hören um zu antworten
  • Lassen Sie allem mehr Zeit als üblich
  • Suchen Sie keine pragmatische Lösungen und auch nicht zu sehr vernunftsorientierte. Damit ist nicht gemeint, unvernünftige Ideen zu finden, sondern den Druck der Vernunftsorientierung im Prozess für einmal aussenvor zu lassen

Als Jona Jakob möchte ich abschliessend erwähnen: Sie merken vielleicht, dass es für jeden Menschen, auch für mich, ein lebenslanger Weg ist bzw. sein wird, in nicht-direktiver Haltung zu Begleiten. Und es ist, genauer und vertiefter erfahren, kaum von der Hand zu weisen, dass die nicht-direktive Haltung eine tägliche Lebensform von einem selbst ist - das geht in einem über und macht einem spürbar aus. Sagen wir mal, zu den Bürozeiten werden Sie als nicht-direktiver Coach eine derart spürbare Präsenz gewinnen - oder Sie bleiben wenig erkennbar. Aber das grösste "Marketing" für den nicht-direktiven Ansatz als Coach liegt in der eigenen Person und ihrer Art und Weise, sich damit anzubieten und verständlich zu machen. 

Wer den Personenzentrierten Ansatz erfahren hat, wer das Dasein und Leben des Nicht-direktiven spüren durfte, ob als Klient, Schüler oder begleitende Person wird vielleicht eines Tages zurückkommen und sagen: Mit jeder Erfahrung mehr musste und mochte ich nicht mehr ins Direktive zurück. 

Willkommen.

www.jonajakob.com
Für persönliche Entwicklung