19.06.17

Die nicht-direktive Beratung V: Die Freisetzung des Audrucks / Ermutigung / Vertrauen

Neben den ersten Präliminarien des Beratungsprozesses (Grundlagen und Leitplanken) geht es in diesem Beitrag um Betrachtung zentraler Beobachtungen im Prozess, dem zentralen Merkmal:

- die Freisetzung von Gefühl. 


Wichtig ist das Zutagefördern jener Gedanken und Einstellungen, Gefühle und emotionell belasteten Impulse, die sich um Probleme und Konflikte des Individuums konzentrieren. Das zu erreichen wird dadurch erschwert, dass die einfach auszudrückenden Einstellungen nicht immer die wichtigen und motivierenden Einstellungen sind. Folglich muss der Berater wirklich imstande sein, dem Klienten die Freisetzung zu ermöglichen, damit es zu einem angemessenen Ausdruck der grundlegenden Probleme seiner Situation kommt. 

Der Klient ist der beste Führer:
Der sicherste Weg ist es, der Struktur der Gefühle zu folgen, wie sie der Klient frei ausdrückt. Wichtig dabei: der Klient darf nicht in die Situation kommen, sich verteidigen zu müssen. Fragen kann den Prozess fördern. Die besten Interviewtechniken sind jene, die den Klienten dazu ermutigen, sich so frei wie möglich auszudrücken und bei denen der Berater sich gleichzeitig bewusst bemüht, jede Aktivität oder Reaktion zu vermeiden, die die Richtung des Interviews oder den Inhalt des Ausgedrückten beeinflussen würden. 

Rogers: Die Gründe für diesen Ansatz liegen auf der Hand. Nur wenige Probleme sind in ihrem Wesen nach ausschliesslich intellektuell, und wenn sie lediglich intellektueller Natur wären, dann ist Beratung nicht erforderlich. 

Reaktion auf Gefühl versus Reaktion auf Inhalt:
Am schwierigsten ist für den Berater vermutlich die Fähigkeit zu erwerben, das ausgedrückte Gefühl zu anerkennen, statt lediglich dem gedanklichen Inhalt des Gesagten Aufmerksamkeit zu schenken. In unserer Kultur sind die meisten Erwachsenen geschult, auf vorgebrachte Ideen einzugehen und nicht auf Gefühle. Emotionelle Einstellungen begleiten alles, was wir ausdrücken.

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Im Coaching oder spezifischer: für Coaches ist es eine der schwierigsten Aufgaben, sich selbst darin zu vertrauen, für einmal nichts zu wissen. Man hat als beratende Person nicht weniger zu tun, als nur das zu wahren und zu fördern und es präsent zu halten, was dem Klienten seins ist. Den ganzen eigens erlernten 'Krempel' möge man bitte weg lassen.

Das bedeutet transparent gemacht, dass man sich von sich selber lösen können muss. Sich aber von sich selber lösen, also nicht weiter an sich und dem Erlernten, seinen Methoden zu klammern und vermeintliches Expertenwissen vorzutäuschen (besonders sich selbst was vorzumachen) bedeutet, man müsste sich eindeutig von seinen Eltern und auch vom einen oder anderen Vorgesetzten oder Unternehmen emanzipiert haben. Philosophisch hätte man Sterben gelernt, was die Griechen darunter verstanden, als wahre Form zu leben. Es bedarf der Kunst und Grösse, sich unabhängig zu stellen und sich dort zu halten, egal was einem widerfährt.

Das ist eine Position, die mir bei Menschen im Leben höchst selten begegnet ist. Mein Vater aber war ein solcher Mensch - er forderte seine Unabhängigkeit ein bis in den freien, gesunden und willentlichen Tod. Das ist (m)eine 45-jährige Erfahrung in meinem Leben. Ich habe eine Vorstellung davon, was es meint,

  • sich unabhängig zu positionieren
  • das zu können, es zu praktizieren vermögen und last but not least
  • das dann auch tun und leben zu wollen.
Das ist keine leichte noch sehr angenehme Position. Sie hat aber zur Aufgabe, in sich den aufrechten Gang zu wahren, auf dass jemand für sich den Mut finden kann - wenn auch anteilig erst -, es für sich selber zu wagen. Individuation ist eine Art Freimachen von Eierschale. 

Aber jedes Vertrauen des Klienten in seine Katharsis erwächst aus zwei Qualitäten des
In-Kontakt-Seins mit dem Coach:
  • Aus der spürbaren Sicherheit, es zu bestehen und dabei nicht unterzugehen; und
  • Und der spürbaren Sicherheit, der Coach werde einem darin nicht bewerten, weil er seine Anteile getrost und auf sich vertrauend beiseite lassen kann (lethologische Haltung - Foerster)
Die grössten Fragen die sich ein Coach zu stellen hat, sind also all jene, wo sie oder er sich darin reflektiert, wie unabhängig sie oder er unterdessen geworden sei und wie klar und frei man das für sich ins Miteinander trägt, ohne sich einlullen oder kleinreden zu lassen. 

Mein Vater schrieb mir: 'Man muss sehr wach sein, um träumen zu können.' - Hans Willi Klaus Jakob