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17.03.16

Grösste Herausforderung: Sich selbst vertrauen.

Ich absolviere zur Zeit eine Ausbildung zu einem systemische Coach. Ich mache das aus drei Gründen:
  • weil ich mich assimilieren möchte, dank besserem Verstehen
  • weil ich für den deutschen Markt einen deutschen Ausweis haben möchte.
  • weil es solche Ausbildungen vor 10 Jahren noch nicht wirklich gab

Ich coache aber schon seit 10 Jahren. Insgesamt geht es dabei an die 400 Mandate. Und klar, in zehn Jahren verändert man sich in seiner Arbeit. Ich werde besser, ich werde schlechter, ich werde erkennbarer und ich verliere mich. Da hat die Ausbildung eine massive und sehr geschätzte Wirkung, mich zu konsolidieren, mich noch viel mehr zu stärken und mich noch professioneller werden zu lassen. Es ist ein enormer Gewinn, etwas zu lernen, was man schon so lange lebt, arbeitet und macht. 

Aber warum stelle ich das 'so dar? 

Weil neben mir noch Personen die Ausbildung absolvieren, die Beginner sind. Und weil die sich in der Ausbildung 'zeigen', die also 'sichtbar' für mich werden, wenn die ihre Stufen des Erfahrens begehen. Wir sind aktuell in einer Lernstufe, wo ein Beginnen mit Coachingerfahrungen möglich wird. Was hat sich aber gezeigt?

Bisher wurden wir Schritt für Schritt ans Coachen herangeführt. Zuerst waren es Wissensanteile, Kopfertes. Dann erste Methoden. Später folgten weitergehende Möglichkeiten, sich auf den Coachingprozess einzulassen. Irgendwie wurde spürbar, dass die Teilnehmenden sich an Formen von Rettungsleine klammerten und es wurde schon zum Bestreben, in den Übungen den 'Leit-Fäden' (Methode, Ablauf, Fallvorlage) zu entsprechen. Irgendwie, "als wäre Abweichen nicht gefragt". 

Und nun kam's. Am vergangenen Ausbildungstag ergab sich ein Rollenspiel mit einem Gast-Coachee. Vielleicht die erste echte Coachingsituation. Wir wussten fast nichts von Coachee. Er klärte mit uns das Vorgespräch und in einer zweiten Runde den sozusagen 'ersten Termin / das erste Coaching'. Dauer: je Vorgespräch und Ersttermin ca. 40 min.

Was zeigte sich mir im Umfeld der Klasse / Gruppe / Kollegen?

Es war von höchst nervöser und unangenehmer Wahrnehmung, Herausforderung und Unsicherheit, als sich einige gewahr wurden, in einem Coaching höchstmöglich und in bisher nicht bekanntem bzw. nicht bewusst gemachten Umfang SICH SELBST VERTRAUEN ZU MÜSSEN. 

Es zeigte sich, dass es für ein erstes Mal keine Methode, keine Vorgehens- oder Verfahrensweise gab, die einem eindeutig leitete, trug und an der man sich strukturiert orientieren konnte. Es war, als würde man jemanden bei Nacht auf offener See aussetzen, mit der Aufgabe, einen Fremden kompetent dabei zu unterstützen, nach Hause zu schwimmen. Irgendwie so. Es war aufsmal alles komplett offen. 

Und diese Erfahrung hatte ich vor 10 Jahren gemacht. Ich erinnere mich genau und auch, was mich damals stärkte. Ich hätte nicht mehr daran gedacht noch es mir bewusst gemacht. Ich arbeite ja seither so. Bei jedem neuen Auftrag ist es erst einmal eine Art Blindflug, bei dem Zuhören und Einfühlen meine einzigen Mittel sind, mich für das Coaching des Coachees zu orten, mich reinzufinden und mich so zu finden, dass ich fragend den Coachee zu seinen Reflexionen bringen vermag. 

Nochmal fürs Auge: Ich weiss nichts. Kaum etwas. Besser gar nichts. Und dann beginnt das Gespräch und ich soll in knapper Zeit dann Fragen stellen, welche den Coachee in seiner Selbsthilfe fördern. So muss sich Basejumping anfühlen. Ich springe ab und es bleibt einzig an mir, ob ich nicht zerschelle. Es rettet mich kein Anzug, kein Schönwetter, kein Aufwind oder sonst Berechenbares. Ich lasse mich fallen, lasse los, bin ohne Boden - und: Was ich zur Hand habe, ist einzig mein Vertrauen in mich / in mein Ganzes meines Ichs.

Das schien mir, meine Kolleginnen und Kollegen beobachtend und auch laut vernehmend eine Stelle, wo ausgesprochen wurde: "Also so weit möchte ich da gar nicht hin - so weit möchte ich nicht gehen." 

Diese Aussage ist aber nicht so zu hören, dass man für den Coachee nicht so weit gehen möchte. Diese Selbstangabe meint: "Ich - für mich - möchte mich nicht so weit einlassen."

Warum nicht?
  • Da kenne ich mich nicht aus
  • Das ist mir zu intesiv
  • Das habe ich mit mir selber noch nie geklärt
  • Das bin ich mir selber noch schuldig - Antworten zum Beispiel, wer und wie ich bin
  • Das ist ausserhalb meiner Werte, Konventionen und allenfalls Sozialisationen
  • Vor so viel Loslassen habe ich einfach Schiss - egal, ob ich schon weiss warum
  • In dieser Tiefe / Intensität / Raum habe ich nichts mehr, woran ich mich festhalten kann
  • Ich darf aber nicht versagen / nicht schwächeln / nicht scheitern / nicht nicht-weiterwissen
  • etc.
Doch. Es gibt durchaus ruhige Herangehensweisen. Sie bedeuten viel eigene Reflexion, viel Verstehen vom Ansatz Hilfe zur Selbsthilfe und irgendwie braucht das alles seine Zeit. Das ist so ein Teil, von dem man zu Recht sagen könnte: "Unbezahlbar - ... und damit nicht käuflich." Er muss erfahren werden. Das Wort Selbsterfahrung steht im Raum. Sich selber wagen, um wagen zu lernen.

Und noch dein 'Doch': Man muss an dieser Stelle das Denken und Kognitives wie Methoden, Tools, Rettungsanker vergessen, weil man an dieser Stelle NUR MIT FÜHLEN / SICH SELBER KENNENLERNEN PER FÜHLEN , weiterkommt. Ich-Kompetenz im Bauch und im Herz, in einem 6. Sinn vielleicht.

Der Mensch entwickelt sich durch Krisen. Krisen sind nicht immer Verluste und Probleme. Viele Krisen sind einzig das Gefühl von Unsicherheit / Verlorenheit / Orientierungslosigkeit. Im Aussen ist nichts passiert und nicht verloren gegangen - aber gefühlt ist es eine eigene Zeit der Ohnmacht und Formen von Unsicherheit bis Angst. Die Chancen also, dass sich diese negativ verbundenen Gefühle auflösen, verdunsten und sich als Nebel verziehen, sind gross. Die Zeit hilft oft am meisten. 

Und dann gilt weiter: 

"Dem Traum folgen und nochmals dem Traum folgen
  - und so bis in alle Ewigkeit."
 Joseph Conrad, Engländer, eigentlich Pole 

Es mag eine der grössten Herausforderungen sein, sich als Mensch dahin zu entwickeln, sich selbst zu vertrauen. Wenn das einem schockt und stocken lässt, kann ich das gut nachfühlen. Daran aber werden Sie Ihr Wirken als Coach selber gefühlt ermessen.

  • Vertrauen Sie sich? 
  • Und wenn Ja, wie weit? 
  • Was wissen Sie in der Sache über sich selbst?
  • Schon mal gewagt?



Herzlich

Jona Jakob

consensus-coaching.com
Zürich Bern Frankfurt

Beiträge aus dem Blog, die zum obigen Thema passen könnten bzw. in Verbindung stehen:

1) Coachingausbildung wird zum Loch, in das man fallen kann
http://exhalat.blogspot.de/2013/10/coachingausbildung-wird-zum-loch-in-das.html

2) Eine Coachingausbildung ist keine Kompetenz
http://exhalat.blogspot.de/2013/10/eine-coachingausbildung-ist-keine_15.html 

03.12.15

Sein Leben "auf die Reihe" kriegen kann langweilen

Coachingform: Personal Coaching
Thema: Chaotische Lebensentwürfe oder krisenbelastete Phasen
Ziel: Sein Leben auf die Reihe kriegen

Personal Coachings werden gerne dann gewählt, wenn man den Wunsch hat, sich mit seiner Situation jemandem anzuvertrauen, schnell, kurz, bezahlend. Denn man hat ein ganz "spezielles Leben / oder Jahre" hinter sich und möchte wegen der eigenen Misere ein Zeichen setzen, "endlich etwas zu tun" und sein Leben auf die Reihe kriegen.

Aber was ist die Situation?

Da gibt es unzählige Entwürfe und Situationen, Angestautes und Ungelöstes. Es gibt Schicksale, Krisen, Einbrüche, Unfälle, Rückschläge und Handicaps. Es gibt Verluste, Krankheit, Traurigkeit und Schmerz. Es gibt unzählige Versuche, Neustarts, Beratungen und wiederholte Anläufe. Und meist sind darob 10 - 30 Jahre verflossen. Man ist 35 oder 45 oder 55 ... und nichts klappt mehr. Nun soll ein Coaching es richten.

Erstens: Jedermann und -frau bleibt ob der persönlichen Situation OK! Es geht bei der Betrachtung weder um Gut oder Schlecht, um Richtig oder Falsch, um Schuld oder Unschuld. Um das geht es beim besten Willen nicht. Alles ist OK und es ist unbewertet, wie es ist.

Wer jedoch in einem Coaching eine mögliche Stärkung oder sogar Überbrückung seiner Situation sieht ("ich möchte es endlich schaffen"), für den gibt es eine grundlegende Wahrheit, die ich hier aufzeigen möchte:

Das eigene Leben auf die Reihe bringen, bedeutet: es "auf-die-Reihe-bringen!" 


Was will ich zeigen?

Nicht zu selten haben Menschen mit problembelasteten Lebensläufen ganz spezielle Erfahrungen im Verlauf der Jahre gesammelt. Das will ich hier niemandem unterstellen, wer sich aber doch so etwas eingestehen müsste, der soll nur in ein Coaching kommen, wenn ein Bewusstsein in den folgenden Punkten da ist und wahrgenommen wird.

Normales Leben, also krisenfreies Leben, ist eine ganz normale Sache. Nichts geschieht, Alles läuft. Leben vollzieht sich ohne jeden spektakulären Anteil. Und das kann gegenüber anderen Erfahrung richtig langweilig sein. Es ist vielleicht bünzlig, stupende, unspektakulär, simpel und bescheiden. Das ist nicht negativ bewertet, aber es ist zu fühlen. Zu fühlen gegenüber den Krisenzeiten und der Prügeljahre, in denen man nämlich Expertin und Experte im Überleben wurde.

Man ist ein SURVIVOR, eine GRENZGÄNGERIN oder wie ich es für mich formuliere: er oder sie wurde in seinen/ihren Künsten NEBENHÖHLENEXPERTE/IN.

Man hat, hier genannte Beispiele, seit vielen Jahren  richtig Ahnung in

  • Geldgeschichten, Krediten, Umschuldungen, Privatdarlehen, etc. etc. 
  • Finanzjonglierereien mit dem Arbeitsgeber, Vorschuss, Arbeitslosengeld, Stütze, Krankenkasse
  • Alkoholkonsum, Alkoholtrinkgründen, Alkoholentschuldigungen, Alkoholverstecken, etc. 
  • Medikamenten, Ausreden, Beschwörungen, Krankheitstagen, Abwesenheiten, Quellen
  • Drogen, Dealern, Telefonnummern, Kollegen, Beschaffung, Konsum, Täuschung, etc. 
  • Drama, Jammern, Lüge, Geschichten, Ausreden, Beschwörungen, etc. etc
  • und man hat enorm Ahnung in FLUCHT, nämlich in seine Nebenhöhlen des Lebens

Fluchtpunkte in Krisen, Bereiche an Lebenserfahrung

Man ist dort wirklich Expertin bzw. Experte. Denn in diesen Nebenformen von Leben, den Auswüchsen und Fluchtmöglichkeiten braucht es Fachwissen, Spezialistentum. Man ist darin echt versiert, aufmerksam, agil und raffiniert.

Und es ist spannend, total spannend. Viel spannender als des normale Leben. Es geht stets ein THRILL davon aus, Stoff für Sensation Seeker, Adrenalin für Junkies, Cracks, Freaks und alle, die alles sein wollen, nur nicht "normal".

Schmeisst mich der Vermieter noch nicht raus? Merkt die Krankenkasse nicht, dass ich schwarz arbeite? Sieht mich wer, wenn ich zum Dealer radel? Krieg ich noch keinen Krach, wenn ich das Geld nicht wie versprochen und vereinbart abliefer? Kann ich mich ohne Ärger von der Arbeit drücken? Blau machen?

Überall ist Spannung drin, überall bin ich Spezialist im Wagen, Versuchen, Lavieren und Jonglieren.

Macht das weiter, darüber hat mein Beitrag nicht zu richten. Worin die Binsenwahrheit meines Beitrages aber richtet, ist, ob es einen Sinn macht, in ein Coaching zu investieren, wenn man nicht bereit ist, die Gelassenheit eines normalen Lebens sich zu wünschen. Ruhe. Normalität. Entspannung. Bestimmt, damit ist anfänglich Hygiene und Disziplin verbunden, aber die Freude eines geordneten Lebens und dessen Ausbaupotentiale, dessen Gesundheit und echten Kontakte etc., das können Qualitäten sein, für die es sich lohnt. Und wenn jugendlich nicht, dann doch ab einer gewissen Lebensreife, wenn es nur noch mühsam wird, im Schlamassel zu überleben.

Und ja, was man einst gelernt und antrainiert hat, das kann man viele Jahre später ohne grossen Aufwand reaktivieren. Man kann sofort wieder absaufen, versiffen, verschulden und alles fahren lassen. Das geht blitzschnell und ist ohne jede Rücksprache nur mit sich selber auszumachen. Die Kunst des eigenen Bewusstseins ist es aber, ob man bei Erkennen einer Not sich mit "Mitteln des normalen Lebens" beraten, ja vielleicht sogar helfen lassen will - oder ob man den Crack und die Expertin des Selbstbetrugs weckt und erneut in Nebenhöhlen abhaut.

Mir ist Leben weder fremd noch schamhaft. Deine Wahl soll durch meinen Beitrag nicht moralisiert werden. Mir ist mehr, dass ich es clever finde, was Bewusstmachung schöpft. Ich hatte Lust, das mal zu zeigen.

Herzlich

Jona Jakob ¦ Individuation
Zürich Bern Frankfurt

14.10.13

Coachingausbildung wird zum Loch, in das man fallen kann

Es ist mir als Beobachtung nicht entgangen, dass sich viele Menschen davon angetan fühlen, selber coachen und daher auch 'Coach' werden wollen. Neben diesem Anliegen gibt es eine Reihe angegliederter Formen solcher Bestrebungen, welche wir als Bereiche
  • der Körperarbeit 
  • der psychosozialen Arbeit und 
  • der Arbeitswelt (Skills) ansiedeln können 
  • selbst die beliebte Ausbildung des Heilpraktizierens gehört in dieses Feld 


Die Coachingausbildung als persönliche "Fallgrube"


Ich beobachte dabei seit Jahren ein Geschehen, das in den meisten Fällen "nach" Abschluss der Ausbildung auftritt, aber einem zu Fall bringen kann, jedenfalls für eine längere Weile:

Der ausgebildete Mensch, frisch gekrönt als Coach, fällt in ein Loch! Es zeigen sich mir Sachen wie
  • Unsicherheit 
  • Selbstzweifel 
  • zögerliches Vorangehen 
  • kaum Trittfestheit und 

  • Gewusel im Aussen bezüglich Leistungsbezeichnung 
  • Titel 
  • Zielgruppe 
  • Leistungsrahmen und last but not least 
  • den Honoraren/Preise 


(Bild von Jona Jakob auf Jotter)

Was passiert da?

I - Motivation zur Ausbildung

Die Motive, dass sich jemand für eine Coachingausbildung interessiert, liegen oft nicht einzig beim Fokus für andere Menschen. Vielmehr möchte man aus einem Bedürfnis in Sachen Selbstkenntnis und Ich-Kompetenz eine Ausbildung für Persönlichkeitsentwicklung machen, um sich selbst zu entwickeln bzw. einmal im Zentrum zu stehen.

II- Das Glücksgefühl der Ausbildung

Es ist nicht unbekannt, dass eine begonnene Ausbildung vielerlei gute Gefühle aufkommen lässt und man begeistert bis euphorisch bei der Sache ist, bis hin zur freudig verkündeten Anfrage um Unterstützung von Erhebungen für Abschlussarbeiten. Man ist gut und fleissig und stolz darauf. Gerne.


III - Beendung der Ausbildung

Auf einmal ist alles fertig. Die Zusicherung, man sei nun Coach ist ausgestellt, es gibt ein letztes Hallo und danach geht jede Teilnehmerin und Teilnehmer in seine eigene "Alleingelassenheit" (sag ich mal, um zu veranschaulichen). Danach vergehen die Wochen und es entsteht eine Distanz zur aktiven Lehrzeit, den 3-6 Monaten, wenn es dick kommt, war es ein Jahr. Tschüss, eingebundene Zeiten. Tschüss Gruppe. Ade Spiegelpartner und Feedback von Trainern. Hallo "Ich-alleine" und nun?: Ich falle in die Coach-Ausbildungsfalle!


IV - Die Dreiheit der Destabilisierung im Selbstvertrauen

Jetzt kommen drei Dynamiken zusammen:

  1. Meine "Allein-Sein-Verunsicherung" nimmt zu ...
  2. Der Diplom- bzw. Kundenerwartungsdruck nimmt zu ...
  3. Die Wirkung der Persönlichkeitsentwicklung setzt ein ...


IVa - zu 1 - : Meine "Allein-Sein-Verunsicherung" nimmt zu

Ich spüre mit jeder Woche mehr, dass ich 'niemanden' mehr für meine Fragen, Unsicherheiten, etc. habe, und ich aber von der ersten Sekunde Kontakt tausende von Fragen hätte, die alle zu klären wären. In der Ausbildung noch so klar empfunden, entsteht im Alleinsein ein 'pas-de-deux' (Zweiertanz) der höchsten Verantwortung ... bloss nix falsch machen, aber wie geht das?


IVb - zu 2 - : Der Diplom- und Kundenerwartungsdruck nimmt zu

Jetzt hat man diese Ausbildung. Verwandte, Kunden, Mitarbeiter im eigenen Unternehmen, Vorgesetzte und Kontakte wissen: "Ah, du hast doch jetzt eine Coachingausbildung - na, dann mach mal...!" - Und bitte, mach es richtig bzw. tu mir nix Falsches mehr, ob jetzt als Verwandter, Bekannte, Kollegin oder Trainer ... verletze oder enttäusche mich nie mehr, und vielmehr, bring mich vorwärts, selbst wenn wir nur einen Café trinken. Zeig mir wo es lang geht und überzeuge mich mit deiner Schlauheit, denn DU bist der Coach. Und bestimmt: Es ist mir egal, ob du selber in Nöten bist, auch bedarfst, keinen Auftrag oder Kunden hast und ich dir nicht ausgleichend begegne sondern fordernd und erwartend.

Jetzt kommt der Punkt, wo die "Ich-falle-Falle" einsetzt:


IVb - 3 - : Die Wirkung der Persönlichkeitsentwicklung setzt ein

In den 6-12 Monaten Ausbildung lernte ich mit Lust und Freude und einer hohen Bedürftigkeit unzählige Theorien, die ich alle für MEINE Persönlichkeitsentwicklung, für meine ICH-Kompetenz BENÖTIGTE. Benötigte als Not.

Es war herrlich und wohlig, von

  • Eisbergmodell
  • Transaktionsanalyse
  • Empathie
  • Zielentwicklung
  • Zuhören
  • Einfühlen
  • Verstehen
  • Fragetechniken
  • Programmierungen
  • Sozialisierungen
  • Lebenszyklen
  • etc. etc.
zu hören, zu vernehmen, es auf sich selber zu reflektieren und sich darin - als Auszeit und Tat am Guten - zu sehen. Es war schlicht die Wonne, sich wiederzuerkennen, von anderen gespiegelt, gefeedbacked und empathisch in Ich-Botschaften dargestellt und gesehen zu werden. Endlich wer, dem man sich anvertrauen kann. Endlich ein Ort, wo man sich offen zeigen darf, wo es gewünscht ist, sich zu reflektieren, in sich einzufühlen und hervorzuholen, was in einem seit vielen Jahren angestaut zugeschüttet unterliegt. "Auftun, öffnen, her damit .. Aahhh" - die Gruppe trägt das alles.

Aber da ist die Ausbildung auch schon fertig, alle sind weg und in meinen täglichen Handlungen erkenne ich mich wieder: klein, solo, unsicher, nicht gemittet und bedürftig.
Ich finde es zwar gut, endlich über mich selber reden und mich zeigen zu können. Ich finde es gut, meine Verletztungen und Wunden, Schwächen und Ängste eingestehen und offenlegen zu können ... doch nun liegt alles offen aber kaum etwas davon ist damit schon verarbeitet.

Das Verarbeiten setzt, frisch angefixt, eben erst ein: RRRUMPS ... PLATSCHH ... Beine weg.
Was meine ich mit "Loch, in das man fallen kann"?

Ich meine oft zu beobachten, dass die Anteile, welche die Persönlichkeit eines jeden in hoher Resonanz anklingen lassen, in den allermeisten Fällen nach einem ersten Erkennen und Wahrnehmen (noch in der Ausbildung) dann erst anfangen, als Erkenntnis in mich zu sickern, mich auffordernd, mich damit zu befassen. Ich muss mich - so 'viral' angefixt - auseinandersetzen, hinschauen und es herausarbeiten, ganz nach dem (Stupid-)Klassiker: "Schau bei dir selbst - was hat das mit dir zu tun?", ganz oft ein überfordernder Einsamkeitsschaffer aller erster Güte.

Die jahrelang verhinderte Persönlichkeitsentwicklung wird durch solche Kurzausbildungen wie ein Pickel entzündet, reif gemacht und auch aufgedrückt, damit sich sein Inhalt unschön zeigt ... - doch wenn danach keine Zeit bleibt, die offenen Wunden richtig leer zu machen, sie zu säubern und sorgsam verheilen zu lassen, bleibt was? Eine Narbe, zu oder offen nässend.

Und so kann es sein, dass jemand nach einer zu kurzen Ausbildung mit persönlichkeitsentwickelndem Anteil zwar an vielen Stellen erlöst offen dasteht, jedoch niemanden mehr findet, der nun die Heilung, Verarbeitung und Entwicklung mit einem begeht und liebevoll mitmacht, bis es gut sein kann.

Es steht dann wer da, mit seinem Coach-Titel, und fühlt sich allenfalls unsicherer als je zuvor. Wo hingegen das Umfeld meint, einen ausgebackenen Psychologen vor sich zu haben, der nie mehr eine Schwäche zu zeigen braucht. Ein Konflikt, der zum Verkriechen führen kann.

Wenn Ausbildungen von der Dauer her lange, d.h. zwei und mehr Jahre dauern, wird diese Krise meist durch die Ausbildung getragen. Die Gruppe ist noch da, die Trainer ebenso, man hat mehr Zeit und auch das Ausbildungssetting, an welches man immer und immer wieder vertrauensvoll gelangen darf.

Wenn wer aber in die Situation gerät, dass die frisch geöffneten Erkenntnisse ANFANGEN ZU WIRKEN, dem entsteht keine Möglichkeit, diesem auszuweichen. Der Prozess der Entwicklung, ob zum Guten oder Verunsicherten, schreitet ohne Rücksicht voran und verändert einem, ob per Krise oder Erkenntnis, ob als heilsames Gutwerden oder bleibendes Vernarben.

Man kann sich in dieser Situation nur entscheiden, ob man das Ganze mit sich selber durchsteht, diese 1-2 Jahre Prozess, oder ob man eine Möglichkeit zur Supervision prüft. Damit: Mit dem Diplom fängt sehr oft erst etwas an, was einem selber mehr beschäftigen kann, als dass man verantwortungsvoll in der Lage wäre, für andere Menschen bereits eine Begleitung und ein Vorwärtsbringen zu bewirken, fühlbar als in sich ruhend und mit gereifter Sicherheit, Ich-Kompetenz und Sozial- oder Methodenkompetenz.

Vielmehr kämpft man allenfalls mit zusätzlichen Nebenerscheinungen:

  • Partnerschaftsverlust
  • Jobverlust
  • Selbständigkeit
  • Scheidungsbedürfnis
  • Bruch mit den Eltern
  • Verlust von früheren Kollegen
  • Einsamkeit
  • noch keine neuen Freunde, etc.

Mein Vertrauen, meine Sicherheit, meine Gelassenheit, mein Gesundsein und mein ganz eigenes OK-Sein ist MEINE Mitte. Meine Offenheit ist ein Bild von einer ruhenden Seele und nicht einer offenen Fleischwunde. Nach Ausbildungen - egal welcher - entsteht für die allermeisten Absolventinnen und Absolventen, vom Abiturienten bis zum Fach-Meister eine Art "Vakuum" - dort hineinzufallen hat seine Tücken - aber für einen Coach geht das nicht!

Es lohnt sich mE, solches zu beobachten und allenfalls einzugestehen, nicht als Form von Bezichtigung, sondern als gut verstandenes Zeichen von Verantwortung, welche man dann doch wahrhaben will.

Nachtrag:

Geben Sie nun auf keinen Fall auf. Das Löbliche an Zeit ist, dass sie verrinnt. Und noch viel löblicher ist des Menschen "Reaktualisierungstendenz" (Rogers) ... aus dem Sturmtief segeln Sie dann schon wieder raus - wohlwissend, was ihr Schiff auszuhalten vermag. Danach ... danach ist man 'Captain' - mit oder ohne Diplom.

Warum? Weil Ihre Erprobtheit glaubwürdig geworden ist - was dem Gegenüber spirituell das Gefühl von Vertrauen verschafft. Und eben nicht das schimäre Vertrauen, Ihnen nachzudackeln, als wäre Sie die Obermutter, nein, ich rede von echtem Vertrauen, welches Sie schaffen, in welchem nun andere Menschen ihr ganz eigenes Schiff erproben wollen, erfahrend, ob es selbsttragend und selbstverantwortend schwimmt.

Herzlich

Jona Jakob

consensus-coaching.com

Zürich Bern Frankfurt