26.11.18

Idealerweise ist 'Coaching' nur da.

So oft: "Mir ist die Sache mit dem Coaching ein Buch mit sieben Siegeln." / "Ich kapiere es nicht." / "Was ist das eigentlich, Coaching?" / "Und was machen Sie da genau?"

Da Coaching eine Methode ist und diese einen beratenden Effekt herstellt, aber wenn immer möglich so, dass man sich selber die idealste Beraterin / der beste Berater ist, sollte sich Coaching von Beginn weg keiner Situation oder Person überstellen. Coaching hat nicht voranzugehen, zu führen, zu überstellen noch irgendwie ein "Experte-sein" darzustellen.




Wenn Coaching nur 'da' ist, stellt es sich mE am idealsten dar. Niemand hat einen Anlass, es zu nutzen. Niemand hat ein Diktat oder einen (werbenden) Ruf, es zu nutzen. Es steht einem einfach zur Verfügung. Dafür, sich selber zu ordnen, sich selber zu klären, sich selber zu finden und sich selber so aufzustellen, dass man seinen Weg wieder gehen mag und seine Ziele erreicht.

Man kann als Coach nichts tun. Sollte man auch nicht. Ausser eben da zu sein - als Präsenz für den Fall, dass jemand für seine Sache diesen Prozess der begleitenden Hilfe zur Selbsthilfe haben möchte.

Also ist im Idealfall Coaching "nur" da.

Jona Jakob, Aschaffenburg
raumfuergespraeche.de

03.11.18

Selbstdarstellung als "Coach" - man muss sich das schon genau anschauen.

Einleitend: Der Beitrag ist ein  Facebook-Beitrag, den ich aufgrund gemachter Beobachtungen in Facebook verfasste. Ich erlebe diese Selbstdarstellung noch bei LinkedIn, wo sie sich aber in quantitativer Hinsicht wesentlich bescheidener gibt. Und in XING ist davon noch weniger zu vernehmen. Es ist also nicht so, dass gleich überall Missstände herrschen. Zu betonen ist auch die grosse Zahl an Coaches, welche ganz und gar nicht in Internetmedien präsent ist, sich also zurückhält.


- bei Facebook verfasst, J. Jakob, 3.11.2018

Eine der übelsten Meta-Beobachtungen bei Facebook ist die massenhafte Selbstdarstellung von Dienstleisterinnen und Dienstleistern, Coaches, TrainerInnen, etc. WELCHE GERADE IRGENDWO VOR PUBLIKUM AUF DER BÜHNE STEHEN. Noch aufgeilender dann: TV-Kameras und ein Fernsehstudio.

Es scheint ein Bild zu sein, welches für Erfolg steht. Vielmehr aber empfinde ich dabei eine Selbstdarstellung, welche die Person auf der Bühne "zur Führerin / zum Führer" macht. DER oder DIE Ansager, Speaker, Tätschmeister, Zampanos, Coaches, etc. - wichtig möglichst: ein angetackertes Backen-Mikrofon und große, am liebsten drei davon, Leinwände im Rücken.

Ich verbinde mit dem Bild von Leuten der eigenen Gilde Schlimmes. Sehr Schlimmes. Die Selbstdarstellung in den Beiträgen trieft von "Führerschaft". Dabei sitzen wirklich gute Coaches im Publikum, reden Redner bei und mit den Leuten, statt vor denen. Die inhärente Perversion der Überzeugung, man sei wer, wenn man erhöht vor Publikum spreche, besteht nicht in fälschlichem Tun der vortragenden Person - man könnte das bis dahin irgendwie stehen lassen. Nein, das jeder Menschwerdung Ferne oder sich Widersetzende ist das aufs Neue bediente und/oder sich bedienen lassende Publikum. Es FOLGT.

Warum Publikum folgt, kann vielfach sein. Es hat sich frei entschieden, zu folgen. Oder ist einem Werberuf gefolgt. Oder gar anderen Gästen. Es dackelte dahin, um zu konsumieren, sich distanziert und anonym zu halten, versteckt und hinter vielerlei Masken. Fassaden über all dem, was man selber unvermögend nicht hervorzuzeigen vermag. Aus einem Gefühl des Ungenügens (und dabei sind die meisten Menschen durchaus gänzlich in der Lage, zu genügen), ergibt man sich FOLGEND der oder dem RednerIn, welche/r von irgendwas mehr Bescheid wissen soll. Ok.

Was aber bei Selbstdarstellungen als Speakerin und Speaker, als Meisterin und Meister, als Coach IMMER mit von der Partie der Darstellung ist: DIE DA FOLGEN MIR. Man zeigt Abhängige, man führt seine Herde vor, je grösser, desto stolzer. Das ist bei einer/m KünstlerIn, Musikern, Theaterleuten, etc. ganz anders, da die Kunst frei bleibt. Aber bei Wissen, Lehren, Theorien, Methoden, Inhalten oder gar Politik verhält sich das anders. Es entsteht aus einem Vorsprung, einem Mehrwissen, einem Bessersein sofort eine Art Top-->Down des Wissenden gegenüber den vermeintlich Unwissenden. Es vollzieht sich noch vor Beginn der Rede die Subordination - das ALLERLETZE, was in einem sauberen Coachingprozess hervortreten sollte.

Und das sollte mE nicht zu sehr als Selbstdarstellung hervorgekehrt werden. Besonders nicht von Coaches, die damit jeden vertrauensvollen Grundsatz der "Hilfe zur Selbsthilfe" verraten.


Privates Foto von Jona Jakob / iPhone, 2016


Man könnte, so betrachtet auch dem Publikum einen Vorwurf machen, aber es stellt sich seltener "so" dar, stolz darauf, als Teilnehmende wo dabei zu sein (ok, das gibt es auch).

Ein Coach sitzt hinter, unter, bei seinen Leuten, die er auf die Bühne stellt. Er lässt sie reden, zeigen, vorzeigen und auch alle Fragen stellen, die zum Thema zu fragen sind. Und er lässt die Menschen / die Gruppe versuchen, die Fragen und Reflexionen zu beantworten. Sich selber hervortun ist nicht. Es müssten also Fotos als Dokumentation entstehen, welche jene darstellen, die in ihrem Prozess sind, dort oben im Scheinwerferlicht und auf der Bühne. Und Applaus, auch so ein betörendes Gift, sollte bestenfalls für die eigens errungene Erkenntnis und Zielerreichung erschallen, und zwar möglichst von jenen, die das Erreichte dann anerkennen. Das wären dann allenfalls Menschen, die gerade nicht im Saal sitzen, wie z.B. Beziehungspartner, Teammitglieder, ja sogar KundInnen, Mitarbeitende, etc.).

Ganz blöd dann, wenn man als FB-User den Eindruck gewinnt, eine Gruppe von Coaches würde gerade nicht selber merken, bei was für eine Spirale an Übertreffungen sie teilnehmen, immer einen Tacken mehr drauflegend, was man alles und schon gleich wieder "FÜR | WEN | WIEDER | MEISTERN" durfte. Das macht nicht nur die daran Teilnehmenden bis zur Peinlichkeit fragwürdig, nein, das VERRÄT jeden hehren Gedanken an das, was Coaching ist und an sich bleibend wäre.

Coaching ist eine gute Sache. Eine sehr gute Sache. Doch wenn sie von Speakern, Managern, Leiterinnen und Leiter, TrainerInnen ausgenutzt wird, um Reden, Auftritte, Management, Leadership, Zielzwänge, Optimierungen und sonst verführerische Handlungen vom Prinzip FÜHREN FÜR FOLGENDE, missbraucht wird, verrät man mit der Methode und Haltung des Coachings jedes und alles, was ALS Coaching benannt wird.

Dann muss man sich nicht wundern, als Rattenfänger interpretiert und distanziert gehalten zu werden.

Und man sollte sich mE damit ganz und gar nicht hervorkehren.

Jona Jakob
Senior Coach, Aschaffenburg


www.humanness-coaching.de
www.humanness-coaching.ch

21.08.18

Warum man beruflich loslassen, gehen und dann zurückkommen sollte.

Normalerweise streben wir in unserer beruflichen Entwicklung ein stetes Vorwärts an. Höher, weiter, schneller, irgendwie "besser". Das erschließt sich als Handlungsweise erst einmal: der nächst höhere Job, die wichtigere Aufgabe, der grössere Titel, alles gepaart mit Einkommen, Status, Rang und Optionen. Eigentlich ganz normal.

Doch wenn ich auf meine Berufslaufbahn blicke, 10 - 15 Jahre vor einer Beendigung, ich werde nächstens 56, dann würde ich aus Überzeugung und guten Gefühlen heraus darlegen können, warum ich nicht unwesentlich "stets im Heute der Besser meines Gestern bin".

Der "Bessere" ist nun nicht der Gesetztere, Höhere, Verdienendere oder Karrierist. Der Bessere bezieht sich auf eine bestimmte Souveränität über meine Kompetenzen. Ich bin nicht quantitativ der "Bessere meines Gesterns". Aber ich bin qualitativ der Bessere.

In nicht zu wenigen Kinofilmen sieht man Szenen, wo ein Schüler, ein Junior und Anfänger seine Schule, sein Dojo, sein Kloster sozusagen als Novize oder Mönch verlassen muss. Man verwehrt ihm die Heimkehr, sendet ihn raus, schickt ihn auf Wanderjahre. Man zwingt ihn förmlich, den Hort zu verlassen, einzig auf sein Können und seine Person sich stützend.

Es ist aber kein Rauswurf aus negativen Gründen. Es ist ein Entlassen, ein Stoßen aus dem Nest, damit man eines Tages zurückkehrt, als reife Persönlichkeit und Erfahrene/r. Nicht zu selten wird so eine zurückgekehrte Person zum Meister, Lehrer, Vorbild und neuer Trainer der Jungmannschaften.

Man ist dann - zurückkehrend - im Heute 

der Bessere seines losgelassenen Gestern.




So alle 10 Jahre haben sich meine beruflichen Kernaufgaben verändert. Dazu gehören auch mitten im Leben 10 Jahre Lebenskrise, die ebenso einen persönlichen Reifungsprozess und eine Erfahrung darstellen. Sie gehören zu meiner Karriere dazu. Aber es waren auch 12 Jahre als Dozent, 20 Jahre als Berufsprüfungsexperte, 12 Jahre als Coach. Und jetzt fragt man mich, ob ich die Entwicklung für ein Unternehmergruppe mit 10 bis >100 Leuten gestalten mag. Das entwickelt sich aktuell zur neuen Kernaufgabe.

In dieser Aufgabe ist alles wiedervereint, worauf ich "zurückkommen kann". Ich verstehe Berufsfachpersonen des Gewerbes, Handwerker, Hilfskräfte, Lehrlinge. Mir sind aber auch Juniors nicht unbekannt. Junge Meister, die ihre ersten Führungserfahrungen machen müssen, um Bauleiter oder Projektleiter werden. Und ich bin in Gruppen, wo Gründerinnen und Gründer ihre Anliegen vorbringen. Unterdessen stelle ich Leute an oder begleite den Prozess von Arbeitgebern und Arbeitssuchenden. Und letztendlich stehen Menschen im Zentrum, ob als Einzelperson oder als Gruppe, ob als junge Berufsleute oder reife Unternehmerinnen und Unternehmer. Ich bin in dieser Aufgabe als Entwickler einer Unternehmensgruppe nicht minder wieder Coach, ob Face-to-Face oder in Fragen der Executive. Nicht weniger bin ich Manager, taktisch, operativ und nicht zuletzt strategisch. Und auf alle Fälle bin ich wieder Unternehmer.

Ich mag es sehr, wenn ich die souveräne Qualität von jemandem spüre, die/der es lassen könnte, da plus ultra - darüber hinaus.


Alles was ich vereinbare ist von meinen einst zurückgelassenen 'Gestern' getragen. Gehe ich heute in ein Coaching, ich bin der bessere Coach. Verlangen die Dinge Ertrag, Wirtschaftlichkeit und Gewinn, bin ich der bessere Manager und Unternehmer. Backe ich abends Schnitzel - habe ich doch als Schweizer Koch angefangen - backe ich bessere Schnitzel.

So mag jeder äußerliche Schritt nach vorn für jemanden wichtig sein und auch gut aussehen. Aber 'gut werden' und 'von Güte sein' sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich mag es gefühlt sehr, wenn ich die souveräne Qualität von jemandem spüre, die/der es lassen könnte, da plus ultra - darüber hinaus. 

Jona Jakob, Aschaffenburg
Senior Coach & "Beauftragter" :-)


P.S. Dieser Beitrag ist Daniel Steim aus Horgen gewidmet, unserem Präsident des Yacht Club Horgen. Als ich 2006 von ersten Coachingaufträgen sprach, sagte er: "Du weißt, das Wichtigste, wenn du Coach wirst ist, dass du es sein lassen kannst." Ich verstand ihn zwar, aber ich hätte viele Jahre lang niemandem erklären können, wie das gehen soll. - Danke, Dani.

05.05.18

Anstand hat man - oder man hat keinen.

Kann man in der Rolle als Global Player und Automobil-Weltkonzern entscheiden " ... ehrlicher, offener und anständiger ..." (VW Chef Herbert Diess) sein zu wollen?

Sein Wort in Gottes Ohr, würde der Volksmund sagen. Mir aber blieb die BILD-Schlagzeile im Hals stecken. - Nach Matthias Winterkorn folgt in der Konzernleitung  von VW, ausgesprochen VOLKSwagen, Matthias Müller und nach diesem seit wenigen Tagen Herbert Diess. Die BILD zitiert Herr Diess mit den Worten:

"VW muss anständiger werden." (VW / Herbert Diess)

Die Frage lautet:

Kann man das? Kann man "willentlich anständiger" werden?

Mein Gedanke ist, dass man den Wert 'Anstand / Anständigkeit' nicht wirklich willentlich und damit pragmatisch höher oder weniger hoch praktizieren bzw. leben und damit vorleben kann, gerade nicht als Weltautomobilkonzern. Was Herr Diess ausgesprochen hat, ist die Schimäre an sich. Im Ungesagten äussert Herr Diess, "wir werden aber schon Anteile praktizieren, welche unehrlich, intransparent und nicht anständig sind - vielleicht etwas weniger als bisher, aber doch schon" . So lässt sich das in seine Worte hineininterpretieren.

Wer mir sagt, dass er sich bewusst entscheidet, mehr oder weniger "... ehrlicher, offener und anständiger" sein zu wollen, der sagt mir damit unausgesprochen: Alles, was weniger als das Höchstmögliche in der Sache ist, ist bewusst unehrlich, verheimlicht und intransparent gehalten.

Jetzt könnten Sie mir per Johari-Fenster-Methode erklären, dass es menschlich sei, Anteile des Ichs (ob als Person oder Organisation) a) nicht sehen zu können (Blinder Fleck), b) nicht zeigen zu wollen (Fassade), c) sich nicht bewusst zu sein (Unterbewusstsein). Und das werden meine Fragen und Darstellungen auch nicht widerlegen. Das bleibt so.

Aber im Bewussten, jenem vierten Teil, der aus Fremd- und Selbstwahrnehmung beiden Seiten bekannt ist, kann Herr Diess oder sonst wer eine Äusserung in Sachen Anstand machen, die den Wert Anstand pragmatisch verkommen lässt?

Denn wenn ich als Konzernchef mit dem Wert Anstand willentlich umgehe wie ich will, mal anständiger, mal unanständiger, je nach Bedarf, habe ich in schier unerträglicher Weise mehr schlechte Haltung erlangt, als es einer Vorbildlichkeit zuträglich würde - vielmehr drücken Herrn Diess Worte aus, wie unsäglich macht- und "massregelungsbetont" diese sich von Oben herab in einer unterschwellig verlogenen Demut beugen. Wenn VW sich herablässt, "anständiger" werden zu wollen, wie noch soll man seine Kinder erziehen? Wie sitzt so jemand Sonntags betend in der Kirche?

Bild: Jona Jakob, Mai 2018 / (c) humanness Coaching, Aschaffenburg

Ich schiesse hier nicht auf Hrn. Diess oder VW, die sind gerade aktuell die Beispiele für ein verzerrtes Werte- und Haltungsmanagement, einem Fundament, auf dem wir uns weltliches Miteinander in Vertrauen bauen können sollten. Doch wer damit jongliert, verspielt damit die Sockelwirkung eines jeden Fundamentes, alles fängt an zu wackeln.

Und an dieser Stelle, ob ich (JJ) als Coach, ob als Gedankengerüst (Philosophie) fürs Werte- und Haltungsmanagement, ob als Konzern für globale Verantwortung oder ob als Leader in der Rolle des Konzernvorstandes (Verantwortung) ... mir scheint es nicht möglich, Anstand mal mehr oder weniger haben zu wollen.

Anstand hat man - oder man hat keinen. 

Dies sei nicht zur (vor)verurteilung von Hrn. Diess oder VW geschrieben. Dies sei geschrieben, um sich zu fragen, wie man es für sich selber halten will. Will ich damit je nach Situation umgehen, "wie viel anständig" ich mich verhalte? Oder will ich mein Leben, unser Miteinander und die Arbeit mit Anstand verrichten, bei dem ich mich nach bestem Wissen und Gewissen daran halte, auch wenn es mir mal zum Nachteil gereicht?

Ich danke Ihnen, wenn Sie sich für sich selber mit der Frage beschäftigen mögen.




Nachtrag zu Deon - Pflicht: 

Wenn man anstelle des (neoliberal unterwanderten) Pragmatismus in seiner Haltung verbleibt, also in sich eine Art Pflicht sieht, sich in Fragen zu Anstand nicht jeden Tag neu zu fragen, sondern den Wert Anstand unhinterfragt aufrecht HÄLT (Haltung), kann sich im Feld der 'Deontologischen Ethik' wiedererkennen. Für eine konsequent anständige Haltung gibt es durchaus einen wohl vertretbaren gedanklichen wie bewusst wählbaren Boden und der laviert nicht, auch nicht bei eigenem Nachteil.


03.04.18

Als Coach: Über das Nachdenken nachdenken ...

Vor zwei Tagen stehe ich im zugewandten nachbarschaftlichen Gespräch mit einer Frau, die vermutlich mein Alter hat, so um 55 rum. Es geht mir dabei um unsere Jahrgänge und die Zeit, welche wir beide in der Weltzeit erlebten:

  • Nachkriegseltern
  • 68er Revolte in Deutschland
  • Hippiezeit, Aufbruch
  • Sexuelle Befreiung
  • Emanzipation
  • Intellektuell getriebener, deutscher Terrorismus
  • Mondlandung, Autobahnen, Farbfernsehen, Muhamed Ali ...
  • DER SPIEGEL mit Augstein
  • etc. 

Erst in den 90ern - dreissig Jahre später - das Internet, die Bildschirme drängen sich vor, Börsenhype, Ego nach Schirrmacher - die ganze Selbstoptimierung.

In unserem Alter stehen zwei Generationen am Start oder im Gedränge des arbeitsamen Alltages, welche mit deren 'Zeit der Weltentwicklung' leben. Das bedeutet aber auch, dass sie allenfalls Dinge nie, nicht oder so nicht wirklich erfahren haben.

Und dann stellt im Gespräch die Frau folgende Frage - die mich seither beschäftigt:


"Ich habe mich immer gefragt, ob die (diese beiden Generationen) je gelernt haben, nachzudenken?"

Die Frage ist mE ein Hammer. Gab es für diese Generationen Anlass, nachzudenken? Und wenn ja, von welcher Natur? Wie wurde, wie wird gedacht? Nachdenken, wie notwendig ist das noch? Und wie gelenkt wird es?

Denn wenn uns Algorithmen aus den Berechnungen, mit Ursprung aus dem Kalten Krieg (Schirrmacher), immer nur die 'Optimierte Variante' errechnen und "erkennen" lassen, das Mehr, das Meins, das Haben und Wollen, dann denken wir nicht mehr wirklich, sondern verschaffen uns nur noch den Vorteil (ohne das inhaltlich hier zu bewerten).

Wenn wir aber nur noch das Positive, das Bessere, das Gewinnende und Habende bzw. Besitzende, den Erfolg, den Gewinn und die Optionen im Blickfeld haben, gibt es

a) wirtschaftlich wie politisch keinen Anlass noch nachzudenken und
b) keine Idee, keine Vorstellung für sich oder fürs Gemeinwohl in einer Weise zu denken, welche eine Gesamtschau betrachten würde: Man sucht keine Kritik, kein Negatives, keinen Zweifel, keine Selbstkritik, Moral, Ethik, etc. etc.

Im Not'bedingten Aufbruch der 60er- und 70er-Jahre waren die Zersetzung, die Dekonstruktion, das Nein und die Ablehnung das Mittel, sich aus seiner Lage zu befreien - ja das Denken an sich war der Sprengstoff seiner Zeit. Man erteilt der Lage eine intellektuelle, also erdachte Absage und hatte hierfür entlarvende wie transparent machende Argument bis hin zur philosophischen Schule, Lehre und Sprache. Man war damals "hellwach".

Das könnte mit der Frage der Nachbarin nun in Frage gestellt sein, für 20-, 30- und 40-Jährige, welche im Schutz von Konsum, Marketing, Arbeitsmarkt und der Gesellschaft, last but not least per Smartphone, Internet, Apps und all der Algorithmen, nur den Anteil suchen, der fürs Leben die Optimierung darstellt.

Bild: iPhone von Jona Jakob, 2017, Ägypten Tolle Stühle, in denen ich mich wohl fühlte.

Als Coach, der fast ausschliesslich mit der Reflexion der Klienten arbeitet, sah ich es für selbstverständlich an, dass man als Mensch das Bedürfnis verspürt, mindestens im Coaching nachzudenken - aber vielleicht nun nicht? Oder jemand "kann das nicht", weil einfach nie vorgelebt, gefunden, gesucht, erlernt. Das wäre ja möglich.

Klar, man denkt an all das, was man noch zu tun hat und versucht, ein möglichst geachteter Mensch für andere zu werden, ob in Job, Liebe, Geldsachen oder heute auch in Fragen der Gesundheit, Natur, Gesellschaft. Aber eben, man optimiert "nur" seine Lage, getreu dem neoliberalen Grundsatz: Schaut jeder für sich, geht es allen besser.

Aber Nachdenken ist das noch lange nicht! (JJ)

Und so meine ich, die Frage schuf in mir als Coach ein Bewusstsein ob meine Klienten

- nachdenken mögen
- nachdenken können
- Nachdenken kennen
- auf welche Weise sie nachdenken
- in welcher Zeit die Weise des persönlichen Nachdenkens entstand
- ob es Ängste gibt, nachzudenken
- ob es Sinnlosigkeit gibt, nachzudenken
- ob einfach alles "klar" ist - es kein Bedürfnis gibt, nachzudenken

Das Denken bzw. die Reflexion ist eine Art Kunst und Können, wie ein Instrument spielen, Dinge aus mehreren Perspektiven, Betrachtungsweisen, Werten und Orientierungen und mit der Kenntnis unterschiedlicher Schulen betrachten und für sich selber einordnen zu können. Man muss das nachher nicht für sich annehmen - aber unterscheiden sollte man es können, um etwas freier entscheiden zu können. Denn sonst folgen Sie unbewusst nur dem Algorithmus, der in uns allen bloss rechnet.

Die Frage, zumindest für den Coachingansatz steht also zuerst:

Mögen Sie überhaupt nachdenken? Und können Sie das?
Und angenommen Nein, was schafft das für eine Situation?

Dass ich annehme, was ist, ist schon richtig. Aber neben den Klienten und Klientinnen, die so sind, wie sie sind, ist das Nachdenken ebenso ein Vorhandenes - und ebenso sein zeitlich ganz Eigenes. Danach sind wir dann schon bei der Philosophie - dem schier Ewigen.

Man muss die Frage annehmen und sich ihr stellen, denke ich: Hat jemand nachdenken gelernt - in seinem Leben schon erfahren?

Das ist keine Vermessenheit, das ist wertfrei und damit bedenkbar.  Oder möchten Sie mit falschen Vor-Gaben als Klient - da falsch "angenommen" - ver'kannt werden?



09.02.18

Coach werden - Zwischen "Schein" und Sein

In den letzten Jahren wollten viele Coach werden und haben Ausbildungen absolviert. Nun sind viele als Coach zertifiziert. Sonst passiert nicht viel.

Ich schreibe meine folgenden Gedanken aufs Coach-Werden und Coach-Sein hin, aber natürlich kann ich das für viele andere Menschen, die der Selbständigkeit ihr UnternehmerInnentum schulden aufzeigen und beschreiben:

... der Selbständigkeit das UnternehmerInnentum schulden ... 


1: Man/Frau möchte Coach werden
Okay. Sie wählen eine Ausbildung und absolvieren diese. Nun sind Sie zertifiziert, haben aber einen Teil des Rückhaltes von Lehrcoach, Trainern, der Lehrgruppe verloren. Vielmehr stehen Sie Erwartungen Fremder gegenüber, die Sie meist nicht wirklich zu erfüllen vermögen. In Begegnungen steht eher noch eine Hypothek mehr in Ihrem Leben. Das beschreibe ich mal so, um zu dramatisieren. Ich nenne es den Gap zwischen "Schein" und Sein. Wie Sie das Wort 'Schein' lesen, muss nur Sie beschäftigen.


2: Sie schulden Ihrer Selbständigkeit das UnternehmerInnen'tum
Damit aus dem fachlichen Coachingpaket von Haltung, Verständnis, Werten, Profil und Methoden nun Geld wird, wird Ihnen gewahr, dass neben dem wohlfühligen Zuwenden als Coaching UnternehmerInnentum eine ganz andere Kondition darstellt. Ein massives Paket an  Format, Wissen, Rechten, Pflichten, Belegen, Dokumentationen, Dokumenten, Digitalem, Geistigem Eigentum, Marken, Brands, Webadressen, Impressi, Programmen, Social Networks, Kontakten, Abgrenzungen, etc. etc. etc. - Das meiste davon frisst erst einmal Geld. Gut, das hat die Ausbildung auch getan. Was sich aber noch nicht bewahrheitet hat:
- Sie haben noch Euro 0.-- als Umsatz erarbeitet, Sie haben damit null Erfahrung
- Oder Sie haben doch 300.-- bis 2000.-- Euro erwirtschaftet, was ja kein Gewinn ist
- Und selbst wenn der Betrag höher liegt, die investierten 10'000.-- bis 20'000.-- haben Sie nicht rekapitalisiert. Kein Return-on-Invest, auch keiner in Sicht.
- Und schweigen möchte ich von den Opportunitätskosten, welche Sie in den letzen sechs Monaten an verpassten Einkommen in Ihrer Lage erzeugten. Rechnen Sie einfach, Sie hätten die letzten sechs Monate netto € 3000.-- auf dem Konto gehabt, plus Ihre Steuern bezahlt, die Krankenkasse wäre gedeckt, etc. etc. Hier fehlen innerhalb von nur sechs Monaten nochmals 25'000.-- Euros. So teuer war Ihr UnternehmerInnentum schon.

Sie MÜSSEN (es gibt hier kein SOLLTE, und schon gar kein ENDLICH). Sie müssen UnternehmerIn sein. Sie müssen ein Unzahl neuer Gefühle und Ängste übergehen, Dinge, vor denen man sich sehr oft sein Leben lang bewahrt hat. Ein Beispiel: Sie möchten Ihre privaten Angaben nicht publizieren, sich etwas bedeckt halten. Ja, aber in jedem Impressum hat Ihr Name, Ihre Adresse, haben Ihre persönlichen Kontaktdaten, Telefonnummer und eMailadresse zu stehen. Sie müssen sich rechtlich nackt und greifbar machen. Das tun die Telekom-Vorstände auf Ihrer Handyrechnung auch, sonst schauen Sie ganz unten auf der Rechnung.



Und damit sind wir beim dritten und mE wesentlichen Punkt:

3: Sie müssen Farbe bekennen - oder: Welche Hemmungen verhindern Sie?

  • Ich kann nicht aussprechen, wie meine Firma heißt ...
  • Ich mag niemandem sagen, ich sei Coach
  • Ich getraue mich nicht, den Preis für die Stunden zu sagen ... 
  • Ich wage mich nicht, die Person in diese Räume einzuladen ...
  • Mir fehlen Methoden, Kenntnisse, ich bin nicht gut genug ...
  • Nee, ins Internet mag ich nicht ...
  • Facebook, bloss nicht ...
  • Jaaa, ich bin bei XING, aber ehrlich, ich mag da nichts schreiben ...
  • Ich finde es ja soo schwierig, etwas über mich selber zu sagen / texten
  • Ich kann doch diese nicht / doch das nicht / doch jenes nicht / ...
  • Das würde ich mich erst recht nicht getrauen ....
  • Du meinst, ich sollte zu dem Thema einen Vortrag halten? Nie im Leben! ...
  • Ich kann doch nicht 150.-- Euro die Stunde nehmen ...
  • Von Internet / eMail / Website / Domains etc. habe ich keine Ahnung
  • Die Bilder vom Smartphone hat immer mein Mann am Computer bearbeitet
  • Ich will meine eMailadresse bei web.de oder gmx.de nicht wechseln, dann verliere ich ja meine Kontakte
  • Ich will gar nicht felixmuster@beispiel.de als eMailadresse notieren, dann wissen ja alle, dass ich eine Webadresse habe. 
  • Ich bräuchte ja dann eine Website - und was schreib ich da hin?
  • Wie, ich soll die Kundin mahnen? Das kann ich nicht. 
  • Es ist mir immer schon schwer gefallen,  'Nein' zu sagen ...
  • Ich habe ja soo Angst ...
  • Ich schäme mich, ob diesem / ob anderem / ob jenem / ...
  • Ich kenne ja niemanden ... 
  • usw. usf.


Das sind HEMMUNGEN. 


Das ist kein Nichtwissen!
Das ist nicht unüberwindbar!
Das sind keine Argumente etwas nicht zu tun!

Aber es sind menschliche Hemmungen. Banale Hemmungen, alleine den Mund schon nur aufzutun. Oder jemandem in die Augen zu schauen.

Man muss für die Punkte 2 und 3 Verständnis haben. Jedenfalls für den Menschen, der darin steckt, obwohl dieser sich als 'Zert. Coach' ausweist. Und ob man selber davon betroffen ist, also genau in dieser Situation steckt oder ob man jemanden kennt, dem es so oder ähnlich gehen könnte, es ist ok.

Aber damit zwischen der Dienstleistung der coachenden Zuwendung und dem abzurechnenden Geschäft so langsam Euro für Euro der Geldfluss wächst, müssen viel mehr als jede Coachingkompetenz Standhaftigkeit und konsequente Handlungsbereitschaft (über sich und seine Gefühle hinweg) in Selbständigkeit erfolgen.

Sie MÜSSEN. Sie müssen sich einstellen und bereit sein, sich für die Rolle der Unternehmerin, des Unternehmers herzugeben, mit allen Schweissausbrüchen und Zitterpartien. Es wird sich dann schon einspielen, Sie werden erfahrener. Aber Coach werden heißt, Unternehmerin, Unternehmer zu werden. Selb'Ständige eben.
Und das ist hier keine Predigt oder ein Jakobscher Imperativ. Das ist viel grösser und von allgemein geistiger Gesetzmässigkeit:

Das ist Gesetz - Systemisch inhärentes Naturgesetz! BWL!


Was ist mir wichtig: Ihre Hemmungen
Hemmungen stellt man nicht einfach ab. Hemmungen sind ein allzumenschliches Thema, von der Selbstdarstellung, über Intimes, bis hin zum Geld, die Familie und Krankheit wie Tod. Hemmungen sind schützende Konditionierungen.

Wenn diese Sie verhindern, fragen Sie einen Coach.

Wenn Hemmungen Sie als Unternehmerin, als Unternehmer, als StartUpper, als Franchisenehmerin, als Selbständige und Geschäftende oder verantwortliche Führungsperson verhindern, behindern, verzögern, beklemmen, verunmöglichen - fragen Sie einen Coach.

Ist der unabhängig und sicher genug, weiss dieser, was er mit Ihnen schaffen kann - und wann es allenfalls auch etwas Therapie braucht (nicht mehr sein Kompetenzbereich - also ab zum Therapeuten: für Ängste / Phobien zum Beispiel). Aber wenn Sie Hemmungen wie Richard Gere haben, zu tanzen, dann gehen Sie zu einem Menschen, der Sie in seinem Vermögen einfach annimmt. Aber ändern Sie sich. Sonst fragen Sie Stars nach Lampenfieber ... - die haben noch nach 30 Jahren Lampenfieber. Dann wird man eben professionell.

Hemmungen machen UnternehmerInnenhandeln nicht zu selten so kaputt, dass nichts wird, oder das Ergatterte doch untergeht.

Und bei allen Coaches, die von Erfolg, vom Glück, vom Leistung und Optimierung Ahnung und Kompetenzen haben - für Hemmungen suchen Sie sich besser einen Coach, der vom Menschlichen, von Schwächen Ahnung hat, allein weil er sich selber hierfür nicht schämt.

Danke.






26.12.17

Für Ihr Coach-Jahr 2018 alles Gute

Den Blog, den Sie gerade lesen, den widme ich dem Coach-Da'Sein bzw. dem Coach-Werden. Mir bleibt, wie Ihnen, keine Wahrheit noch ein Rechthaben. Was mir bleibt, ist meine Subjektivität und irgendwoher Wahrgenommenes. Dennoch wage ich eine Aussage in die nahe Zukunft:


Die Figur des 'Coach' korrigiert sich als Angebot im Markt massiv 
und wird in 2018 spürbar seltener, auch teurer, werden. 



Warum meine ich, dass dies so kommen wird?
Mein erster vager Eindruck ist es, dass seit bald einem Jahr die Angebote für "Neurolinguistische Programmierung - NLP" stark rückläufig sind. Ich mag mich nicht erinnern, wann ich letzte Angebote wahrgenommen habe, wo es in 2016 davon nur so hagelte. NLP-Coaching an einem Wochenende oder in wenig Zeit an sich. Es scheint mir, vorbei zu sein. 

Zweite Beobachtung: Der Coachingbegriff wird aktuell zur Hauptsache mit Führungsaufgaben verwendet, also mit unternehmens'verfremdeten Zielen und Mehrleistung. Mit dem Coachee haben diese Ziele meist sehr wenig zu tun. Es geht um noch mehr Leistung, Motivation, Resultat und Gewinn. Es mag vielleicht noch um einfühlsameres Führen gehen, aber wozu dieses genau gut sein soll, steht noch nicht exakt auf einem Blatt, kann auch dieses missbräuchlich verwendet werden. Schelm, wer böses denkt. Coaching als Führungs- und Kommunikationsfähigkeit ist mE der aktuelle Stand der Dinge. 

Warum war bzw. ist beides so erfolgreich in den Unternehmen verbreitet, ob NLP oder Führung? Weil es dem reinen Coachinggedanken entwichen ist. Es hat sich beides auf mehrfach pragmatische Weise verselbständigt und bedient sich auch gegenseitig: Die Unternehmen wollen die Ziele bestimmen, die Trainer wissen methodisch, wie diese (direktiv) zu erreichen sind. Spüren Sie, wie Sie als Mensch dabei erneut nicht gefragt werden? Okay, vielleicht im Coaching, da wurde Ihnen und Ihren Scrum- oder VUCA-Problemen mehr empathische Aufmerksamkeit geschenkt und Sie fühlten sich ein Stück bereiter, Ihre Knotenpunkte mitzuteilen, sie in die Teamarbeit einzugeben, Ihren Beitrag damit zu leisten, Agilität zu schaffen. - Aber wurden wirklich Sie gefragt? 


Das Verschwinden vom Markt, welches ich prophezeie ist durch eine alte Erfahrung bedingt: 

Was "man lernen kann" geht vergessen! Oder man müsste es, wie seit bald 100 Jahren Verkaufsschulungen in unzählig sich wiederholenden Sales-Trainings wiederholt und wiederholt und wiederholt auffrischen. Egal, ob als frisch gecoachte Team-, Projekt- oder Abteilungsmitglieder oder als deren Führerschaft. 

Erlernbares ist zu simpel und nie wirklich emanzipierend - es ist einem fremd und nur Mitttel zum (unternehmerischen und damit fremden) Zweck: 
  • Es lässt sich in Lehrbüchern niederschreiben
  • Es lässt sich als Ratgeber verkaufen
  • Es lässt sich in Checklisten fassen
  • Es lässt sich in Methoden binden
  • Es lässt sich in Vorträge und Präsentationen zeigen
  • Es lässt sich kaufen
  • Es lässt sich auf aktuelle Unternehmensziele hin anpassen und zusammenstellen
  • Es lässt sich coachen
  • Es lässt sich trainieren
  • Es lässt sich lernen
  • Es lässt sich prüfen
  • Es lässt sich führen
  • Und damit lässt es sich auch gleich wieder gerne vergessen
Das Meiste von dem, was aktuell im Zusammenhang mit dem Begriff Coaching verkauft und angewendet wird, ist für die Beteiligten auf "Lernstufe" kleingemacht, folienformatig und in Einheitshappen zu verarbeiten. Man kann darin richtig fleissig sein. Man kann es auch gewichtig printen und aushändigen (in sogenannten 'Showordnern', wie mich mal einer aufklärte). Hat man mit 'Coaching' einen Aktenordner voll verarbeitet, muss es das Richtige sein. Du meine Güte - denn Erlerntes ist in der Regel zu mehr als 90% Vergessenes. Alleine wie unsere Gehirne arbeiten, ist es nicht abwendbar, dass all das Methodenfutter ins Brackwasser schwemmt, uns abhanden kommt und uns bei neuen Problemen nicht mehr einfällt - weder als Betroffene noch als Führungskraft. Es mag Ausnahmen geben. 


Was bedeutet das für den Begriff Coaching und was bedeutet es für Menschen, die gerne Coach werden möchten?

Bild: Shutterstock, lizensiert / Text: J. Jakob
Es bedeutet, dass etwas ganz anderes geschehen muss, damit jemand Coach wird und Coach ist, und das, was dieser Mensch dann praktiziert, auch Coaching ist, wie es die Lehre vorsieht.

Coaching ist keine Ausbildung oder deren Zertifikat. 

Coaching ist eine Haltung, also eine bestimmt erarbeitet
Sicht- und Denkweise, die man als verinnerlichte
Haltung und Lebensweise lebt.

Jona Jakob, 2017 



Der Unterschied, der 2018 weiter sich auswachsen wird, ist, dass Coaching eine Haltung ist. Eine Haltung ist eine lebensbestimmende Einstellung. Da kann man nicht mal eben duschen und sich dabei möglichst nicht nass machen. Wer ein Coach werden will (m/w), wird sich mit Haut und Haaren und seiner restlichen Lebenszeit engagieren müssen - oder er/sie wird nicht wirklich Coach. Das macht den meisten gerade nach Ausbildungen und Zertifikaten Angst

Angst, sich lösen zu müssen, mit Eltern brechen, mit Anerzogenem, mit Konventionen. Man muss irgendwie dauernd vorbildlich wirken, muss selbständig denken können, man muss schon in einer Vorschusshaltung und ständigen Bereitschaft aufstehen. Nichts ist mehr selbstverständlich und schon gar nicht tragend. Die Wege sind selber zu beschreiten, die Worte selber zu formulieren, das Zuhören über die eigenen Gedanken zu stellen. Und ist man am Tag fertig, ist ein von-der-Seele-Plaudern auch nicht drin. Man darf sich nicht mehr kaufen lassen, selbst eine reiche Zahl an alten Identifikationen sind abzulegen, um neutral sich anzubieten und über Allem ist beständig eine Art Hygiene, Authentizität und Klarheit zu wahren. 

Es eröffnet sich dahinter eine verlockende Freiheit und Lebensqualität, es ist aber auch eine hohe Zahl an Ängsten und Unsicherheiten der Ablehnung und der Missverständnisse zu überstehen, Dinge, vor denen man sich nicht zu selten ein Leben lang verschont und verstohlen hat, von einem monetären unabschätzbaren Darben mal ganz abgesehen. Warum sollte man das nun ändern möge? Ich kann Ihnen keine Antwort geben: Sie werden Coach mit Haut und Haaren oder halt nicht, was auch ok ist. 

Was aber im Markt von Angebot und Nachfrage dieses Sein-oder-Nichtsein klären und bereinigen wird, ist der Umstand, dass eine verinnerlichte Haltung - ob als Coach oder im eigenen Prozess als Coachee - nicht vergessen werden kann

Eine Haltung ist nichts Gelerntes. Eine Haltung ist eine Einstellung, ein gewaltiges Willens- und Gefühlsding, eine Kraft und Unabdingbarkeit - es geht einem einfach nicht anders, als in dieser Haltung, man wäre ohne diese Haltung nicht sich selbst. Sowas geht nicht mehr weg. Im Gegenteil, das festigt und vertieft sich. Und es ist mehr und mehr in keinem Moment mehr zu verhandeln. Diese Haltung wird es sein, welche Coachs zu Coachs macht und sie auszeichnet. Diese Haltung wird es sein, welche Coachees spüren lässt, sich verändert zu haben, mehr sich selbst werdend, eben als Mensch, als eigene Person - und selbst wenn für das Unternehmen, dann doch nicht dessen wegen, sondern weiter einzig aus einem selbst heraus. Auch das: Das kann nicht in die Vergessenheit der schnellen Politur geraten, es geht in die Gene, die DNA und macht einem. Das ist dann da. Und das Geld wert. 

Und das macht für alle dann den Unterschied in 2018. Sage ich mal so. 

Sie segeln dann auch - und wissen ohne mit der Wimper zu zucken, wie das ganz vorne genau geht. Sie kennen sich dann und wissen daher dann, was genau Sie brauchen. 

Für dieses und die kommenden Jahre Ihrer Wege wünsche ich das Beste - werden Sie Coach.

Mit herzlichen Grüssen

Jona Jakob

P.S. Meine Liebste und ich schauen zu gerne Castingshows, DSDS oder TVOG. Und dann treten junge Menschen auf, die ganz toll singen. Okay. Aber wenn eine Musikerin oder ein Musiker auf die Bühne tritt, merken wir das immer sofort. Singen und in seiner Haltung ein/e MusikerIn sein, das sind zwei gänzlich andere Dinge. Der Satz: "Ich liebe Musik - ich möchte davon leben können," reicht nicht. 

P.P.S. Wenige Meter meinem Büro gegenüber arbeitet ein junger Mann in einem Cafe. Er ist ein sogenannter "Barista". Sie mögen vielleicht denken, kann sich ja gleich "Kaffee-Coach" nennen oder so. Ich liess mir ein paar Wochen Zeit und beobachtete, dass der Kerl in seinen jungen Jahren nicht einen einzigen unkonzentrierten Handgriff macht, vom Wischlappen, bis zu Hebeln und Knöpfen, Tassen, Gläsern, Kännchen, Milch, Wasser, Bohnen, Dampf und weiß der Herrgott noch was alles. Er komponiert, er spricht mit dem Kaffee, er dirigiert den feinen Milchschaumstrahl aus dem Kännchen in den Schaum des Espressos. Und er weiß einfach alles über Kaffee, Milch, Wärmegrade und Wasserhärte. ALLES. Trinke ich dann meinen Cappucino, war das schier eine kleine Mahlzeit, so fett und mundig, wie hier Kaffee und Milchschaum eine Symbiose bilden. Der Mann hat das niemals nur gelernt - der Mann hat in der Sache eine übernommene, also verinnerlichte Haltung, das ganze Team inklusive. Diese Haltung wird der junge Mensch nie wieder ablegen können, auch wenn er später mal wo Musikplatten auflegt oder ein Boot steuert. Nie wird er die Sorgfalt vermissen lassen, die hervortritt, wenn man mit Haut und Haaren und mit seiner ganzen Seele sein Werk verrichtet, einer demütigen Pflicht gleich. Haltung. (Cafe Karacho, Aschaffenburg)





19.10.17

Ich plädiere für eine Sprachregelung in Sachen 'Reifegrad als Coach'

Mein Bedürfnis: 
Nach zehn Jahren als Coach möchte ich Workshops, Weiterbildungen, Netzwerkaktivitäten und persönliche Kontakte, welche meinem beruflichen Reifegrad entsprechen. Nur so kann ich mich weiterentwickeln, kann ich zu professionellem Input gelangen.

Oder anders gesagt: Es lässt mich unbefriedigt zurück, an Anlässe zu gehen, Zeit und Geld aufzuwenden, wenn dort Lehrcoaches, Junior-Coaches, Beginner  und die grosse Zahl der "Noch-nicht-EinsteigerInnen" die Gruppe der Anwesenden ausmachen. Das mache ich gerne mit der Bereitschaft, für andere da zu sein. Sympathisch und menschlich nah ist es allemal. Aber es gibt durchaus einen grösseren beruflichen Bereich, in dem ich ungefragt und unbesprochen mit mir zu alleine zurückbleibe. Und ich finde es ok, für diese qualitativen Anliegen die Situation zu beschreiben, die Differenz von Soll und Ist auszudrücken und nach Lösungen zu suchen, den Gap wenigstens teilweise und ab und zu zu schliessen.

Aber irgendwann möchte ich auch etwas durch andere erfahren, gewinnen, quergedacht oder anders gezeigt bekommen. Das mag auf den ersten Moment arrogant klingen, ist aber ein ganz natürliches Bedürfnis und hat als Anspruch und Forderung nicht nur seine Berechtigung, sondern ist von Verbänden als "Weiter- und Fortbildung" gefordert. Also möchte ich diese haben - ganz konkret.

Situation:
Müsste für diese Situation im Berufsleben eines Senior Coaches eine Pyramide gezeichnet werden, würde diese wohl massiv breit, also mit weit offenem Winkel im unteren Bereich gezeichnet werden müssen, da die Zahl jener, die selbst ausgebildet, nie Coach werden oder den Anfang noch lange oder nicht schaffen, so massiv grösser ist, als die Zahl jener,

  • die über 10 Jahre,
  • ca. 500 Mandate bzw. ca.1500 Gespräche 
  • und damit Geld im Umfang von ca. 500'000 - 700'000.-- honoriert bekamen 
  • idealerweise auf eigene Kasse - sonst per Netzwerkagentur

.. und die sich damit über die Dauer von Jahren durchgebissen und etabliert haben. 

Unterteilungen wirken bewertend und allenfalls deklassierend. Aber wir haben auch Ausbildungsgrade, Lehrstufen, Entwicklungsgrade bei ganz üblichen Ausbildungsabschlüssen, wie z.B. FH > Bachelor > Master > Akademische universitäre Abschlüsse ... und die werden je nach Anlass und Fortsetzung für die Anmeldung gefordert. 

Wenn ich also dafür plädiere, für Coaches eine Sprachregelung zu etablieren, wo in vier Stufen der Erfahrungshintergrund erkennbar, unterscheidbar und deklarierbar wird, dann aus immanenten Gründen. 


Vorschlag für eine gestufte Deklarierung


1 - Senior Coaches m/w:
  • Mindestens 5 - 7 Jahre Berufspraxis Coaching als Schwerpunkt
  • 200 - 300 Mandate bzw. 500 - 1000 Gespräche
  • 200'000.-- und mehr Umsatz in diesen Jahren 
  • Unabhängigkeit: Selbständigkeit, Räumlichkeiten, Dokumentation, Website
  • Allenfalls entsprechende Verbandsmitgliedschaft ausgewiesen

2 - Professional Coaches m/w: 
  • Mindestens 3 -5 Jahre Berufspraxis Coaching als Schwerpunkt
  • ca. 100 Mandate bzw. 200 - 300 Gespräche
  • Gegen 100'000.-- Umsatz in diesen Jahren
  • Website, Dokumentation
  • Allenfalls entsprechende Verbandsmitgliedschaft ausgewiesen

3 - Junior Coaches m/w: 
  • 1 Jahr Berufspraxis mit ersten Mandaten / Auftragsabwicklungen
  • 10 und mehr erste Mandate bzw. 10 - 50 Gesprächstermine
  • Hierfür aus eigener Verhandlung honoriert sein 
  • Allenfalls Website oder Dokumentation oder Konzept


                              - Ich tat es!
                            - Ich will es tun
                          - Ich kann es tun
                        - Ich will es versuchen zu tun
                      - Wie mache ich es nur?
                    - Ich möchte es tun
                  - Ich kann es nicht
               - Ich würde es nicht tun wollen


4. Lehr-Coaches: 
  • Noch keine Mandate / Coachingaufträge abgewickelt
  • Keine oder kaum Mandate bzw. Gesprächstermine abgehalten, die honoriert wurden
  • Nicht-honorierte Gespräche zählen noch nicht für höhere Einstufung
  • Noch in der Ausbildung zum Coach
  • Nach der Ausbildung zum Coach, aber mit beauftragten Coachings noch unerfahren

Mir ist durchaus bekannt und geläufig, dass die grossen Berufsverbände zertifizierte Coaches längst in Stufen einteilen. Die Idee ist nicht auf meinem Misthaufen gewachsen. Wofür ich plädiere ist, dass diese Stufungen auch angewendet werden, wenn Coach-Events, Fortbildungslehrgänge, etc. angeboten werden. Dort sollte genau gleich angegeben sein, für welche Stufe Coaches der Anlass erstellt wird - oder wer an dem Anlass in erster Linie zu erwarten ist. Ich möchte aus lauter Höflichkeit und Nettigkeit keine oder eine verwässerte Transparenz haben, wer genau sich dort trifft.

Wer sich seit Jahren in der fortgeschrittenen Situation bewegt wird vermutlich mit mir einig gehen, dass einen Senior Coach ganz andere Berufsaspekte bewegen, als die Beginner. Mögen sich Lehr-Coaches und Juniors sich noch mit Methoden, eigener Profilierung, Kundengewinnung und Ängsten aller Art beschäftigen, so dass man sich übers "fleissige Lernen mehrheitlich theoretischer Inhalte" versucht zu festigen, beschäftigen Senior Coaches nicht zu selten ganz andere Themen. 

Um bei mir zu bleiben - ich würde gerne mal mit Bewanderten über Dinge reden, wie
  • das ganz persönlich gereifte Profil und seine Entwicklung in den Jahren (Häutungen)
  • Erfahrungen mit Verhandlungen / Aufträgen / Honorierungen / Preisen / etc 
  • Erfahrungen mit Haltung, Werte, Unabhängigkeit versus Marktgeschehnisse und Wandel
  • Internationale Erfahrungen aus anderen Ländern
  • Räume, Praxen, Co-Work, Hotels, etc 
  • Anflug / Abflug, Anfahrt, hin zum Kunden, der Kunde soll kommen, etc. 
  • Style, Level, Status, Anzug und Krawatte versus Polo und Pulli, etc. 
  • Gesellschaft, Entwicklungen, Veränderungen, etc.
  • Eigene Veränderungen, früher, heute, morgen, etc. 
  • Erfahrungen mit spezifischen Zielgruppen: Vorständen, Exekutives, Brainies, Cracks, etc. 
  • Erfahrungen im Bereich Defizit Coaching, etc. 
  • Erfahrungen im Bereich Erfolgs-Coaching, etc.
  • Wie geht es einem als Mann in dieser Rolle?
  • Wie geht es einem als Frau in dieser Rolle?
  • Wie geht es einem als Coach mit allen anderen Bezugsgruppen in seiner Rolle?
  • Erzieht man anders? Spricht man anders? Was prägt? Was strebt man an?
  • Wie weit mag jemand in Richtung "Körperliches" gehen, schauspielernd, theaternd, filmisch?
  • Was alles prägt die Klientel heute? Regionen, Religionen, Traditionen, Usanzen, Sprachen, ...
  • Was spielt das Akademische für eine Rolle? Hat es Gewicht? Nicht?
  • Was ist mit psychologischen Primärausbildungen?
  • Persönliche Krisen, Resilienzfaktoren, Prägungen, 
  • Konsistenz, Striktes, Härte, Klarheit, Konsequenz: Firmness
  • etc. etc.  
Und da will ich nicht nur Vorträge und aktuelle Ratgeber wie Fachbücher lesen - ich will den Kontakt, das ganz Persönliche, Erfahrene und Bewanderte wie Durchlittene anderer, gereifter und erfahrener Profis. 


Was mag ich ändern?

Ich kann etwas ändern. Ich werde zukünftig Anbieter und Eventveranstalter darauf hin ansprechen. Kriege ich keine bewusste Antwort, werde ich mich selber entscheiden, ob es mir den Besuch des Anlasses wert ist und auch mal "Nein, danke" sagen. 

Was ich ebenso ändere: Ich werde Anlässe nach dieser Klassifizierung gestalten und anbieten - und dann jemandem erklären, warum eine Teilnahme zur Zeit nicht möglich ist, wenn die Reife nicht erarbeitet ist.

Sie meinen, ich werde für die fortgeschrittenen Angebote keine Buchungen haben? Wissen Sie, wenn Sie einen einzigen Pro einladen können, ist das Gespräch zu zweit so gewinnbringend, dass ein zweiter Pro die Sache allenfalls schon verdünnen würde bzw. alle drei kämen leicht zu kurz. However, der Gewinn wäre vermutlich höher, als es ein Honorar dafür notwendig machen würde. 

Arrogant? Nein. Berechtigt und mE notwendig! Es ist bitter notwendig, zu unterscheiden und entsprechend der Grösse sich Schuhe auszusuchen, um an der eigenen Selle fortschreiten zu können. 


Und etwas im Nachtrag:
Ich bin mir in der Kunst des Coachens nicht sicher, ob Akademiker besser coachen, als vielleicht ein Autodidakt, wenn beide zehn Jahre Mandate hinter sich haben, wie ich sie für Senior Coaches oben beschreibe. Senior Coach ist Senior Coach, das ist kein Bildungs- sondern ein Entwicklungsgrad, der sich im Markt und durch das Honorar bewiesen hat und beweist. Es muss, wenn bestehend, seine Qualitäten haben. Da bleibe ich für den Formellen so offen, wie für den Freigeist. Das nährt sich dann gegenseitig. 

Und ich glaube auch nicht, dass wenn ich in der Sache offen bin, mir jemand etwas stehlen könnte. Im Gegenteil: Kann ich mich verständlich machen, mich darlegen, mich zeigen, gewinne ich. 

Damit hätte ich das für mich etabliert - die vier Stufen oben. Erzählen Sie mir also nicht, Sie wären Coach, wenn Sie zwar eine Ausbildung aber keine Mandate hatten. Und erzählen Sie mir auch nichts von Mandaten, wenn Sie nicht selber für deren Vergütung des Honorars verantwortlich waren, sondern das wer für Sie abgewickelt hat, oder Sie in Anstellung sind. Das ist, sorry, wie Duschen aber nicht nass machen. Wenn wer für Sie die Aufträge generiert, verhandelt und abwickelt, verkontakten Sie mich mit dieser Person. Danke.




22.09.17

Feedback von Klienten

Wenn man ein Feedback für andere sichtbar macht, zum Beispiel veröffentlicht, wird daraus eine Bewertung.

Die Bewertung an sich vollzieht sich so lange nicht, als die FeedbackgeberInnen ihr Feedback an den Feedbackgeber kommunizieren. Erstens sollte Feedback (FB) nicht ungefragt erteilt werden, und wenn doch, dann gelten weiter zwei Regeln, welche eine Bewertung nicht wirklich bewirken:

  • Die FB-Geber sollten sich in Ich-Botschaften ausdrücken, so dass keine Verurteilung kommuniziert wird (4-Ohren); und
  • Es gilt durchwegs die FB-Regel, dass die oder der FB-Empfänger mit dem FB machen kann, was man mag: nichts, gar nichts, vielleicht etwas davon - allenfalls sagen: "Danke fürs FB."
So auf jeden Fall bleibt die Bewertung von Coachees an den Coach geregelt und bewertungsfrei. Wird das Feedback - mit Einwilligung der AutorInnen - nun aber veröffentlicht, wird aus den meist originären Worten ein Werten und Bewerten. Es sagt die Kundschaft, was sie von der Dienstleistung hält im Rahmen einer Beurteilung von Leistung.

Dabei nehmen Leserinnen und Leser diese Botschaften meist 'wie üblich' über, als würde ein Essen, ein Produkt oder zwei Wochen Urlaub bewertet. Und das ist nun mal falsch. Daher sind auch Bewertungsportale, Sterne, etc. fragwürdig, weil wir gewohnt sind, erst einmal auf den Bewertungsgegenstand zu schauen - aber wir ist das in einem Coaching denn wirklich?

Bleiben wir dabei, dass ein Coaching Hilfe zur Selbsthilfe ist und auch, dass die selbststeuerungskompetente Klientschaft den Coachingprozess eigens verantwortet, gäbe es sozusagen keine Situation, wo Klienten den Coach bewerten. Und doch ... :-)

Bei sich bleiben als Königsweg. / Bild: (c) bei Jona Jakob, privat.
Man kann dem Coach ein Feedback ausstellen, wie ideal und wie wirksam dessen Erstellung des Klienten-Coach-Systems war und seine Begleitung den des Klienten eigenen Prozess gefördert hat. Dazu lässt sich etwas zurückgeben.

Aber sonst müsste ein Feedback viel mehr aussagen, was genau der bzw. die KlientIn für sich selber schaffte - das Feedback müsste an sich selbst gerichtet sein, so dass wenn man es liest, man lesen kann, wie mehr oder weniger der/die KlientIn sich ordnete, klärte, verstand, fühlte, erkannte, löste und entwickelte. DAS wäre eine adäquate und dem Coaching-Prozess gerechte Mitteilung, was man damit gewann, was man gut für sich erlebte, was man optimieren möchte und worin der Dank gerichtet ist.

Denn auch nur so würden Worte für die Wirksamkeit im Coaching gerecht, was das Setting, den Vertrag, die Präsenz des Coaches und dessen Interventionen betrifft. Und bitte, kein Feedback an Methoden oder sonstige Mittel. Dass Sicherheitsleinen und Steigleitern, Brücken und Beiträge super sind, na ja, dafür hat man sie gewählt. Aber die haben weder etwas mit dem Coach noch mit der Klientel zu tun. Das ist niemandes Leistung.

Wenn Sie also Kundin oder Kunde in einem Coaching sind oder waren, schreiben Sie nicht zu sehr, was alles auf Seiten des Coachings oder Coaches so wunderbar war, bis hin zu netten Räumen und gutem Kaffee - das ist aussagelos.

Schreiben Sie, ob Sie sich

  • darlegen vermochten
  • öffnen konnten
  • verstanden gefühlt haben
  • was Sie empfanden, von schwer ertragbar bis wunderschön
  • was Sie in sich finden konnten
  • worin Sie sich erkannt haben
  •  was Sie neu oder wiederfanden
  • was Sie abgestossen, hinter sich gelassen haben
  • was Sie als Ziele angehen mögen
  • was Sie erreicht haben und es jetzt für sich implementieren
  • etc.
Schreiben Sie von Ihrem Gewinn, Ihrem Wandel, Ihren Werten und neuen Ausrichtungen. Schreiben Sie von Ihrer Veränderung. Was konkret ging? Was wurde? Was ist heute?

Und danken Sie sich selber. Ja. Danke Sie sich selber, dass Sie ein Coaching begonnen haben. Danken Sie sich, dass Sie den Aufwand an Geld, Zeit und Kräften aufgebracht haben. Dass Sie sich mit sich auseinandergesetzt haben. Finden Sie sich gut, besser, grossartig - oder auf dem Weg. 


All solches wird dann zu einer Aussage, ob der Coach, der diese Zeilen veröffentlichen darf, für Sie wirksam war und Menschen zu sich zu bringen vermag. Ob ich ein Netter, ein Lieber oder sonstwas bin, sagt, mit spezieller Hinsicht auf die persönliche Entwicklung, nicht viel. Denn es ist nicht wichtig, ob ich lieb oder nicht so lieb bin - wichtig ist, ob Sie Ihren Shift, Ihre Veränderung machen konnten. Ob Sie nun einen Weg haben oder bereits Ziele erreichen konnten. Und wie es sich damit lebt und anfühlt. 

Da gibt es aus meinem Nähkästchen die Erfahrung dazu, dass ich gleichzeitig eine Abend- und eine Samstagsklasse mit jeweils ca. 16 Teilnehmenden im 'Leadership-Zertifikaten' unterrichtete bzw. entwickelte. Die Abendklasse hatte am Institut einen sehr negativen Beginn, alles lief falsch. Die Samstagsklasse hingegen startete optimal. Und so wurden es intensive sechs Monate, denn die Abendklasse war bis zuletzt kaum noch zufriedenzustellen, es war abends richtig mühsam, ärgerlich, ein Kampf und beständiges Ringen, Thema für Thema durch. Nicht so samstags: da flutschte es in Empathie, Zuhören, Verstehen - ein Genuss immer. Beim Abschluss hingegen zeigte sich, dass in beiden Klassen die Erfolgsquote bei über 90% lag, auch bei denen, die ständig quängelten und die mich oft nicht sympathisch oder angenehm fanden. Aber so, wie die positiv Eingestellten motiviert mitmachten, rangen sich die Widerspenstigen den Stoff mit viel Reibung ab. Sie hatten sich nicht weniger auseinandergesetzt, sich wütend reingeschmissen, kritisiert und in Frage gestellt. Sie waren anstrengend - ja. Ich für die ja auch. Aber was dennoch erfolgte: wir prozessierten die nötige Entwicklung hin. 

Ich muss also gar nicht immer so ein Feiner sein, das sagt nichts aus. Was zählt ist Ihr Schub, den Sie anfänglich signierend (Coaching-Vertrag) zum Punkt Selbstverantwortung gezeichnet haben - Sie also, ganz besonder SIE sind daher auszuzeichnen. Daher. 

Alles andere ist entweder Schmus oder Folgen. Ich bin kein Fan von 'Folgen', weder mir noch der Konvention, wenn Sie das nicht aus freier Position formuliert haben, sondern bloss, weil Sie erneut nett sein möchten. Mir ist lieber, Sie zeigen sich frank und in Fragen zu sich selber firm. 




14.07.17

Coaching - humanistisch oder neoliberal?

Aufmerksam geworden durch einen FAZ-Beitrag der Autorin und Volontärin, Frau Hannah Bethke, mit dem Titel 'Die Trauer der Universitäten' zum Thema 'Ökonomisierung der Bildung' möchte ich folgenden Beitrag verfassen. Der Beitrag ist als eine Frage, eine Prüfung der Prämisse im Sinn von 'Tun wir die richtigen Dinge?' zu verstehen.

Die Frage lautet: Humanistisch oder neoliberal?


Kann es sein, dass wir zu 'Coaching' immer erst die Frage stellen müssen, ob wir von einem humanistisch geprägten oder von einem neoliberal-orientierten Coaching sprechen?

  1. Diese Frage ist eine Frage an die Coaches, die Lehrcoaches, die Unternehmen oder zweck- und nutzenorientierten Auftraggeber.
  2. Es ist aber auch eine Frage an die Coachees und deren Anliegen wie Erwartungen - und nicht zuletzt an deren eigene Antwortbildung, die Katharsis, die Erkenntnis, die Lösungsfindung.

Humanismus


Gemeinsam ist dem Begriff eine optimistische Einschätzung der Fähigkeit der Menschheit, zu einer besseren Existenzform zu finden. Es wird ein Gesellschafts- und insbesondere Bildungsideal entworfen, dessen Verwirklichung jedem Menschen die bestmögliche Persönlichkeitsentfaltung ermöglichen soll. (Quelle: Teilweise Wiki)


Neoliberalismus


Dem gegenüber steht die gesellschaftliche Entwicklung und Ideologie des Neoliberalismus. Der Neoliberalismus ist mehr als eine Wirtschaftspolitik, eine Ideologie oder eine Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft. Vielmehr handelt es sich um eine Neuordnung des gesamten Denkens, die alle Bereiche des Lebens sowie den Menschen selbst einem ökonomischen Bild entsprechend verändert – mit Folgen für die Demokratie. (Quelle: Teilweise Wiki)

Wenn ich nun die Idee des Begriffes 'Vernunft' überprüfe, wird nur noch jenes alles als 'vernünftig' erachtet, was sich rechnet - was sich positiv rechnet, mit Gewinn und Rendite. Was sich nicht rechnet, gilt sofort als 'notgedrungen'. Was nicht rechenbar ist, wie z.B. Liebe, Gefühle, Philosophie, Kunst, Erfahrung, wird zum Teil bereits verteufelt oder einfach aus den Studienfächern entfernt - Lehrstuhl geschlossen, wegen nicht erheblich (im Sinne von nicht'erheb'bar = zählbar).

Diese bewertende Unterscheidung (bringt was - bringt nix - bringt mehr - bringt weniger) macht der Humanismus nicht - gerade nicht! Dies, um Menschen werden zu lassen, auch jene, die in der aktuellen Situation eher in einer nicht-gewinnbringenden Situation stecken, z.B. jemand mit einer Depression oder jemand, der Insolvent wurde und daher nicht nur keine Mittel hat, sondern darüber hinaus noch Schulden. Im Humanismus bleibt jeder Mensch ok. Nochmals anders würde es, wenn man religiös nach dem Menschsein fragt.

Am Start sind gemäss dem Neoliberalen nur jene, die sozusagen 'positiv etwas abgeworfen' haben, allein indem, dass sie weder wo scheiterten (Abiturprüfung, Noten, Ausweise, Abschlüsse), noch sonst wie das neoliberale System schädigten (keine Krankheiten, kein Verschleppen, keine Pausen, kein Müssiggang, keine juristischen Verfehlungen, keine Drogen, keine Abstürze, keine Exzesse). Wenn sich jemand für sein Studium zusätzlich verschuldet, ist dieser Mensch doppelt gefangen und gefügig: dieser Mensch ist ein gerne gesehener Student, insofern sie oder er erfolgreich abschliesst und aber auch seine Schulden abbezahlt. Das zieht sich fort mit einem Darlehen für seine Arztpraxis, Zahnarztpraxis, sein Unternehmen oder den privaten Hauskauf - doppelt gemoppelt: leiste erfolgreich, dann ist alles ok. Versage nicht - optimiere dich!

Mit der Idee einer "vernunftsorientierten Ökonomisierung des Lebenswandels" ist das Wandeln gänzlich vergiftet und abgetötet worden. Das Leben ist dann kein Ponyhof, sondern Arena und Wettbewerb.

Man macht vorwärts: 
Noch früher Fremdsprachen lernen, Chinesisch im Kindergarten. G8 statt G9, allein, weil die Eltern genervt sind, die Kinder so viele Jahre noch in der Schule halten zu müssen. Schliesse früher ab, auch dein Studium. Bleib jung. Keine schlechten Noten - egal wie verklausuliert begründet. 

Noch jünger zum Schönheitschirurgen: 
Zuerst waren es nur Zahnspangen. Heute sind es Nasen, Lippen, Brüste, Fettzonen, etc. Bleib schlank, fit. Tanze! Bleib im Wettbewerb oder absolviere zumindest Volksläufe, um dein eigenes Resultat zu belegen.

Zeige Vermögen:
Erbe! Und beziehe bereits Vorerbschaftsanteile! Trage mit 14 Jahren einen Geldbeutel, der dem eines Kellner in nichts nachsteht. Habe Karten. Sei kreditwürdig. Und zeig dein Vermögen mit allen Formen und Farben von Labels. Zeige deine Gewähltheit, deinen Chic, deinen Frisör und die Maniküre. Lauf rum wie ein Tannenbaum, ein Hipster, ein It-Girl, eine Fashionbloggerin. Pimp my attitudes!

Und dann stell dich bei uns vor!:
Das 'Uns' ist aber nun der neue Liebe Gott - the new religion: Das Unternehmen - Dein Unternehmen. Und es bestimmt dich. Nach dem ersten Fehler im digitalen Lebenslauf fliegst du raus. Absage. Und es ist auch ein massiver Kampf, deine fragwürdige Position im Unternehmen zu erhalten und auf Dauer halten zu können. Tanze!

Und wirf Rendite ab - sonst möchten wir dich nicht um uns haben!:
Last but not least führt alles und jedes, ein jedes Projekt und jede Team- wie Unternehmensleistung zu der einen Frage, die landläufig von einer Postkarte aus einem Kunstmuseum bekannt ist, auf der Steht: "Ist das Kunst? Oder kann das weg?" Und so wird die Quintessenz für neoliberal-orientierte Menschen von Arbeitslebensweg her lauten: 

"Wirft die/der noch etwas ab? Oder kann die/der weg?"


Wir müssen arbeiten. Auch in einem solch orientierten Arbeitsmarkt. Man kann getrost Verständnis dafür haben, wenn man erklärt bekommt, "das muss heute so sein, das wird so gemacht und bestimmt". 

Aber damit entwickelt sich kein Mensch. Vielmehr fügt sich dieser, einzig sich angepasst zu 'genügen'. Wenn von 1000 Menschen 950 "erfolgreich" diesen Weg beschreiten und bewältigen können, werde diese im Gross der Gruppe deutlich betonen, dass alles beim Besten sei, alleine schon der Vernunft wegen, dass es super sei, wenn sich alle so orientieren. 

Darüber will dieser Beitrag nicht richten. Es gibt tolle Früchte, tolle Sieger, tolle Gewinner und viel Fortschritt. 

Aber für alle, die ein humanistisches Weltbild in sich tragen, angenommen in Ausbildungen, Studentenjahren, durch elterliche Werte und eigenständigem Denken, in der Tangentiale zum System (vielleicht unterdessen schon als Trabanten {slaw.: Begleiter}, wie der Mond zur Erde) , sie stellen eine eigene und eigenste Position dar: 
  • Sie nehmen den Menschen an als Gewinner und Verlierer an
  • Sie nehmen den Menschen als Gesunden und Kranken an
  • Sie nehmen den Menschen an der Stelle, wo er gerade zu sein vermag an
  • Und sie nehmen den Menschen als ein Wesen, das sich zu reaktualisieren vermag
  • Sie anerkennen des Menschen Entwicklung als etwas Freies und Befreiendes, Freimachendes
Die humanistisch-orientierten Fachpersonen aus Coaching, Therapie, Medizin und Bildungswesen bilden gegenüber dem Heer der neoliberal-wirtschaftlich Orientierten einen wichtigen Punkt oder eine wichtige Position der Unabhängigkeit und Freiheit ein. Vielleicht eine nicht zu unterschätzende Insel an Restdasein, welche immer einen Platz für 'momentan Gestrandete' anbieten wird, da jeder ok bleibt.

Wenn Sie also ein Coaching beauftragen, beantworten Sie sich vorher die Frage, ob Sie für Ihr Anliegen eine neoliberal-orientierte Lösung suchen, um weiter Gewinne zu erzeugen, egal für wen?

Oder wünschen Sie ein Coaching auf humanistischem Fechtboden, welches Sie als Mensch sieht, sie annimmt, sie lässt und sich sicher ist, Sie werden sich entwickeln, ganz aus Ihnen heraus, auf dass Sie die Erfahrung machen, dass es in dieser Welt noch eine Art 'Ort' oder 'Zustand' gibt, der sich im Getriebe des Wirtschaftsorientieren unabhängig behält und sich eine persönliche wie gesellschaftliche Freiheit zu bewahren vermag? Dort auch die Freiheit die es braucht, um demokratisch leben zu können. 

Das ist die Frage. 

Und das ist es - ohne dass ich richten werde - was vorab zu klären ist, ansonsten die Erwartungen und das Vertrauen im Coaching bricht.  

Sie werden vielleicht nun fragen: "Was soll bitte daran falsch sein?" 

Die Antwort lautet: Nichts. So lange Sie sich dessen bewusst sind, was Sie tun. Wenn es für Sie das Richtige ist, tun Sie es. Wenn es für Sie nicht mehr das Richtige ist, gibt es anderes: ein humanistisches Weltbild, es mag Religion geben, Spiritualität, sonst geistig-spirituelle Haltungen. Sie werden aber alle davon abweichen, dem Siegen und Früchtetragen als Credo und Prämisse zu folgen. Sie nehmen einem auch dann an, wenn man mal einen Sommer lang keine Früchte trägt - das beruhigt massgeblich. Da ist ein möglicher Hort. Seien Sie darin immer willkommen. 

Getrost sein und Mensch. - Jona Jakob

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Welche Orientierungen könnten einer neoliberale Orientierung entsprechen?

  • Ausrichtungen zum Wettbewerbsvorteil: höher, weiter, schneller
  • Erfolgsorientierung im Sinne des Wettbewerbes: Stelle erhalten, Partner finden, Häusle bauen
  • Alles, was die persönliche Erscheinung über Status-Bedürfnisse etabliert: Golf, Auto, etc.
  • Alles, was unter Optimierung läuft: gesünder, mentaler, "eingestellt-sein", positivistisch
  • Meist alles, was einem aktuellen Trend entspricht: leichtes Gepäck, kein Fleisch, Bahn vs. Car
  • Alles, womit man gerne rumplaudert, weil es einem gut oder sicher oder beides darstellt
  • Connections, Optionen, Kontakte, Vitamin-B, who-is-who
  • Alles, was sich an In-vs.-Out orientiert
  • Das Meiste, welches mit einer bezifferbaren / wertmässigen Bewertung ausgedrückt wird
  • Alles Messbare im Sinn von Tracker-Technik: Schritte, Puls, Schlaf, Kalorien, Herz-Kreislauf
  • Alles, was Ihre Performance steigert: Mentaltechniken, Effizienzsteigerung, Motivation, etc.
  • Hier zählen Methoden, Messtechniken, Analysen im Coaching - Bewertbares, Gelöstes, Geld
Was sollte ein Coach wie auch die Coachees bei solchen Angeboten beachten: Ob es noch Hilfe zur Selbsthilfe ist - oder Diktat. Das zeigt sich meist in Titeln von Postings oder Eigenwerbung für Angebote: Jetzt! Noch heute! Endlich schlank! Nicht mehr Rauchen! Wie Sie endlich agil werden! ... diese Botschaften arbeiten mit moralischen Verwerfungen, mit Angst und mit der Motivation, im Leben auf der 'saven' Seite zu stehen. Auf der Seite, wo Sie gesellschaftlich und am Arbeitsmarkt nicht in Ungnade fallen, sondern geachtet bleiben. Der gefälligen und nicht kritisierbaren Seite, da man sich als Coachee ja bemüht, recht zu sein. "Recht" im Sinne von wem? Fürs System? Für den Arbeitgeber? Für die Krankenkasse? Für die Attraktivität im Sinne von privatem (Sexual- oder Fortpflanzungs)-Partner? Für bewertete Liebe? Wenn Sie sich frei und bewusst dafür entschieden haben, ist es ok. Wenn Sie das bedrängt und notgedrungen angepasst tun, wird es für Sie keine Lösung, sondern ein Zwang werden. 

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Welche Orientierungen könnten einer humanistische Orientierung entsprechen?

  • Come as you are - Komme, wie du gerade zu sein vermagst
  • Bleibe unbewertet
  • Werde angenommen
  • Sei
  • Sei Dich
  • Ich weiss nicht, was für dich das Deine ist oder "irgendwie gut" wäre
  • Ich lasse Dich 
  • Du wirst
  • Was ist dein Gefühl?
  • Was sind seine Bedürfnisse?
  • Es gibt kaum eine Idee von Zeit
  • Es gibt kaum eine Idee von Geschlechtern, Glauben, Alter, Lebensformen
  • Deine Freiheit ist wichtig
  • Um Verstehen zu ringen, Verstehen zu erarbeiten / herauszuarbeiten ist die Grundlage
  • Empathie ist meist ein bewusstes Dasein
  • Bewusstwerdung als Landgewinn
  • Freiheit im Handeln wie im Sein
  • Du bist Dich und wirst beständig
  • Hier zählen Bereitschaft, Lethologische Haltung, Nicht-Wissen, Zuhören, Verstehen, Mitfühlen / Empathie zu den Mitteln
Hierfür finden sich andere Angebote also oben beschrieben. Man sollte sich als Coach entscheiden, wofür man steht. Als Coachee sollten Sie sich möglichst vorab mit sich klären, was gerade Ihrem Anliegen entspricht und den Aspekt des Humanistischen vs. dem Neoliberalen mit dem Coach besprechen. Es ist durchaus ok, pragmatisch sich auf einen Erfolg vorzubereiten, insofern man das noch selber bestimmt. Wenn man das "muss", wird es abhängig. Ihre Freiheit in der Sache ginge darüber verloren. Das ist vorsichtig zu beachten. 


Die vielleicht grösste Herausforderung und mit möglichen Ängsten verbunden, ist die diffuse Wahrnehmung - und das bestätige ich Ihnen vorneweg - dass wenn man sich humanistisch zu sich selber entwickelt, man sich auf die eigenen Füsse und in eine Freiheit der eigenen Verantwortung stellt. Man entwickelt sich in eine lebenslang reifende Unabhängigkeit. Das erfordert viel Fühlen und ein stetes Nachdenken über sich selbst. Es bedeutet, dass man eigentlich niemandem und nichts mehr blind folgen wird. Man wird authentischer. Das Leben hat dann kein Kletterseil mehr als Hilfsschnur, sondern basiert auf den eigenen Entscheiden. Das ist arbeitsintensiv und von hoher geistiger Aktivität: Ich lebe. Ich lebe bewusst. Ich werde mich - das ist niemand anderes. Trage ich dann weisse Kopfhörer von Apple, habe ich mich hierfür bewusst besonnen. Aber unbewusst folgen, weil das gerade alle tun, tue ich nicht. 

Das ist bisweilen anstrengend, arbeitsintensiv und verunsichernd. Man behauptet sich sehr oft alleine gegen eine ganze Gruppe, die sich selber verteidigt.

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Es kann ein Glück sein, neoliberal erfolgreich zu werden. Bestimmt. Meist ist das Glück durch einen Sieg und auch Anteile von Macht genährt. Man ist irgendwie höher, weiter, schneller - oben. Aber wie im Wilden Westen wird bis zum Scheitern einer kommen und versuchen, einem die Position des Wettbewerbs streitig zu machen, und wenn es nur der Nachbar ist, der den neueren oder grösseren Wagen vors Haus stellt. Das Glück hängt in dieser Form vom fremd zugeschriebenen Selbst-Wert-Gefühl ab. 

Es kann ein Glück sein, humanistisch von dem allem befreit für sich selber zu stehen. Egal was wer behauptet. Das Selbstgefühl bestimmt meinen Tag und mein Wirken. Persönliche Stimmigkeit lässt mich Abstand und Bewusstwerdung zu den Dingen aufbauen, auf dass ich selbst zu möglichst jeder Zeit mit fröhlicher Laune entscheide, was die nächsten Stunden Meines wird - und was nicht. Sie stellen dann einzig mit sich das Ganze dar, selbst wenn alles von Ihnen abfällt. Dann lässt es sich sogar frei entschieden neoliberalen Dingen nachgehen. 

Das können Sie nun unterscheiden. Das ist erheblich - meine ich.

Eine solche Unterscheidung hilft auch zu unterscheiden, ob man ein 'Personal- oder Business-Coaching' beauftragt bzw. annimmt. Diese beiden Worte werden in vielen Fällen eher von der Frage her betrachtet, wer das Coaching 'beauftragt / in welchem Kontext / und ganz besonders: Wer es bezahlt. Bezahlt das Unternehmen, ist es ein Business-Coaching, so die Regel. 


www.jonajakob.com


(Mit Erlaubnis reinkopiert:) 

Zu Ihrem Artikel: wenn Sie mögen, können Sie meinen Beitrag unter Ihrem Artikel als Kommentar veröffentlichen.

Danke, für diesen Artikel, Herr Jakob! 

Für einen Coach ist es sehr wichtig zu wissen, dass es diese beiden Orientierungen gibt. Darauf gründet u.a. seine ethische Haltung in Bezug auf seinen Umgang mit Klienten und auf sein Wirken als Coach. Denn nicht immer ist Klienten bzw. Auftraggebern von Coaching diese Unterscheidung klar. Coaching-Ziele im Sinne von „besser funktionieren“ werden vorgegeben. Die Erwartungen an das Coaching gründen dann eher auf einem mechanistischen Weltbild, bei dem der Mensch als Maschine angesehen wird und die nicht funktionierenden Anteile „repariert“ werden sollen.  

Ein Coach, der zu diesen Fällen keine klare, humanistisch orientierte Haltung hat, läuft Gefahr, sich vor einen Karren spannen zu lassen, den er gar nicht ziehen kann. Denn der Mensch ist keine Maschine, sondern ein lebendiges System mit Entwicklungspotential. 

Beim Erstgespräch gilt es, sehr sorgfältig die Erwartungen aller Beteiligten an das Coaching abzuklären und sich dann selbst zu erklären, nach welchem Coaching-Ansatz und nach welcher Orientierung  man coacht. Dabei kann es passieren, dass man den Auftrag nicht bekommt oder ihn selber ablehnt oder, dass Kunden sich überzeugen lassen, dass ein Coaching im Sinne von Hilfe-zur-Selbsthilfe mit humanistischer Ausrichtung (und offenem Ergebnis) nachhaltiger und letztlich wertvoller ist.  

Dr. Brigitte Wolter. Management Coach


Lieben Dank für den Kommentar. (JJ)

05.04.17

Rezension zur Neuerscheinung: 'Ich will Coach werden' - Buch von Frau Dr. Brigitte Wolter (Budrich Verlag / amazon.de)

Man hält einen exzellenten Reiseführer in der Hand und meint dann, die Reise werde eine leichte.

Ich las das Buch mit mehr als 10 Jahren Praxiserfahrung in Zürich und acht Jahren Coaching in Frankfurt am Main. Ich erwischte mich mehrfach bei einem „Pahh!“ oder einem „Ffttt…!“, ganz einfach, weil das kritisch erfasste Thema, Coach werden zu wollen, von Frau Brigitte Wolter jene Erfahrungen in mir anklingen liess, an denen ich über die vielen Jahre am meisten zu leiden hatte und auch am schwersten mit mir rang. Coach zu werden hat mehr von mir abverlangt, als ich das vermitteln könnte.

Mit Einwilligung der Autorin und des Verlages. / Bild: Jona Jakob

Das Buch enthält mE alles. Vielmehr enthält es so viel Essenz der Essenz, dass man als Einsteigerin oder Anfänger vielleicht nicht zu erkennen vermag, wie weit die Tragweite einzelner Kapitel, Informationen, Sätze bis hin zu einzelnen Worten gehen mag. Wenn ich aber das Gelesene mit meiner Selbsterfahrungen zum Coach vergleiche, kann ich getrost bestätigen: „Jammer nicht, in dem Buch stand / steht alles drin.“

Meine mir wichtigsten Stellen sind:
  • Hinweise auf das Nicht-Direktive im Coachingverständnis
  • Auszüge mit Bezug zu Carl R. Rogers wertfreien Annahme und Personenzentrierung
  • Dass profunde Coaches nicht nur über eine Coachingausbildung verfügen (Sekundärausbildung), sondern meist über viele Jahre länger dauernde Grundausbildungen der humanistischen Psychologie (PCA / TA / GT / HPP / etc), bezeichnet als Primärausbildungen.

Obwohl die Geschäftswelt und nicht zuletzt der Mensch selbst gerne Scheu vor reflektiven Berührungen in Sachen der eigenen Psyche hat („Ich will hier keinen Seelenstriptease veranstalten!“), ist ein ‚Coach‘ ohne eine humanistisch geprägten Grundschule der Psychologie irgendwie ohne Fundament. Im Aussen mag das weit von sich gewiesen werden – aber alleine das millionenfach vermittelte ‚Eisberg-Modell‘ stellt eindrücklich dar, dass mit jedem Menschen eine Untiefe an Seelischem mit einher geht. Es wäre ein arger Witz so zu tun, als könnte man den psychologischen Anteil aus Coachingprozessen ausschliessen. Es gibt für erfolgreiche Coaches mE kein Drumherum, Coaching basiert auf einer psychodynamischen Kombination von Mensch, Sache, Erkenntnis und Lösung. Und darauf weist das Buch hin, ob von Frau Dr. Brigitte Wolter beschrieben, als auch in Form zitierter Zeilen des DBVC.

Und achten Sie sich – das Buch sagt deutlich:
  • Ich verdiene sehr lange nichts – und wenn doch mal, reicht das nicht.
  • Eine Coachingausbildung garantiert nichts.
  • Woher Sie Kunden gewinnen, ist eine zweite aber ganz andere Kunst.
Ich könnte hier hinschreiben, dass ich niemandem empfehle, Coach zu werden. Doch lieber schreibe ich, von welch fantastischer Freude und grossem Erleben es ist, jemandem nach Jahren zu begegnen, die bzw. der „damals noch“ davon sprach und heute spürbar jener Mensch wurde, die bzw. den ich für einen Coach halte. Man steht vor der Person und fühlt sich wohlig als auch gesehen, angenommen und bestätigt.

Coaching ist keine Wirtschaftstheorie, die man beratend in den Markt drückt. Coaching ist die Kunst einer persönlicher Haltung,
die von Menschen am Mensch selbst nachgefragt wird.

Jona Jakob


 Die Aufgabe und das Gelingen liegen also ganz bei Ihnen. Im Werk von Frau Wolter – lieben Dank dafür – steht alles drin. Die Frage ist nun nicht, ob Sie es verstehen, sondern ob Sie das alles in sich zu erkennen vermögen. Wenn Ja, ... 

Bild: (c) bei Jona Jakob, privat

Go ahead!


Link zur Homepage von Frau Wolter: brandinvest.com

07.03.17

Als Coach werben mit 'Mitteln / Methoden / Strategien' - Erweist die Coachingbranche damit ALLEN einen Bärendienst?

Kann man mit Methoden, mit Mitteln, 10-Punkte-Plänen oder Apps für Coaching werben? Oder tun wir der Klientel und last but not least der Coachinggilde einen Bärendienst damit?

Ich schreibe gegen Windmühlen an, wenn ich erkläre, gerade Coaches sollten nicht mit 'Mitteln und Methoden' werben. Es gibt andere Wege, auf sich aufmerksam zu machen, aber was wir nicht tun sollten, ist mit Aussagen werben wie
  • Ihr 10-Punkte-Leistungsprogramm mit Erfolg
  • Lernen Sie danke XY-Methode ihr persönliches Potential kennen
  • Dank der ABC-App glücklicher und zufriedener
  • etc. 
Solche Werbebeiträge sollten tunlichst gelassen werden - denn sie sprechen gegen zwei Grundsätze von Coaching: 

a) Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe - der Coach sollte ohne eigene Absichten oder Strategien bei den Anliegen des Klienten bleiben und

b) Es sind keine Versprechungen zu machen, weder für Erfolg, Glück, Leichtigkeit oder sonst etwas.

Doch täglich und zuhauf wird so geworben. Was erzeugt das bei genauer Betrachtung? 

1. Es erzeugt ein nie gewolltes Top-Down, der Klient wird dem Experten unterstellt. Der Coach weiss schon, "was für dich und deine Problemchen gut ist". 

2. Es geht damit einher, dass sich die Klientel von Anbeginn unterstellt, folgt und sich damit nicht wirklich in authentischer Eigenheit emanzipiert, sprich: entwickelt. Die Klienten ändern sich, aber nicht im humanistischen Sinn. Sie werden vielleicht sogar "besser" - aber wozu genau? Für mehr Geld, Karriere, Materiellen Gewinn, Leistung? Aber wird die Klientel auch Mensch im Sinne der Individuation? 

Man könnte genau so gut zum Arzt gehen - dem Gott in Weiss, ein eingefleischt anerzogenes Verhältnis seit der kindlich/elterlichen Erziehung, seit der Schüler-Lehrer-Erfahrung, dem Lehrmeister, den Offizieren im militärischen Dienst, dem Arzt, dem Rechtsanwalt, den Behörden, schier allen. Was bekannt ist, wird weiter gepflegt, nämlich folgendes gebürtiges Verständnis als Ordnung eines nicht bewusst gemachten Weltbildes:

Ich bin nicht ok - Du bist ok!

Dieses immer wieder sich einschleichende Verhältnis nährt sich parasitär von zwei Seiten gleichzeitig und verschlingt eine unvorstellbare Quantität und Qualität an eigentlich möglich lebbarem Leben:

c) Das meist unbewusste aber lebenserfahrene (Selbst-)Verständnis, ich bin die unerfahrene Person und du bist die/der Experte, alleine in den ersten 20 Lebensjahren zur genüge verankert, scheint zwar auf den wachen Blick hin "nicht so schön" - doch der guten Ordnung halber und auch wegen der bequemen Einfachheit wegen, stellt dieses Unterstellungsverhältnis eine enorme Komfortzone für Unselbständige dar. Du bist die Lokomotive und ich bin der Wagen - bitte zieh mich. 

d) Aus nicht zu knapp eigener Unsicherheit, wie man emanzipiert lebt  (und es als gebackener Coach tunlichst tun sollte - so das Gebot) übernimmt man, eitel oder selbstgefällig wie man ist - also irgendwie nicht wirklich fähig, wenn man ums Goldene Kalb Coachingmethoden tanzt -, den "Expertenstatus". Man/Frau "stellt sich über" - das ist nicht nur ein Fauxpas, das ist der Verrat an der Sache 'Coaching' selbst. Da folgt das missbrauchte Prinzip den Gedanken Julien Bendas und dem Verrat der Intellektuellen. Man scheppert laut mit seinen "heilsamen Mittelchen", getüncht im Anstrich des positiven Denkens sowieso - und verdreht einfach mal die Verhältnisse, verkennt dabei jede Realität des Lebens per se. 

Man scheppert laut mit seinen "heilsamen Mittelchen", getüncht im Anstrich des positiven Denkens sowieso - und verdreht einfach mal die Verhältnisse,
verkennt dabei jede Realität des Lebens und 
damit den gegenübersitzenden Menschen per se. 


Nicht zuletzt erzeugt das jene Sekunde betroffenen Schweigens, wenn mich jemand fragt, was ich arbeite und ich sage, ich sei Coach! Gleich zuckt die Person gegenüber zusammen und versucht mit einer Strategie der Ablehnung nur EINES: Sich in der gerade noch geruhten Position mir gegenüber bewahren zu können. Sage ich 'Coach', vermittelt das sofort das Gefühl von "Ich Experte - Du niemand". Damit ist die Sache kaputt. Richtig kaputt. Bin ich als Coach wach genug, lehne ich so jemanden ab, weil der, (siehe unter c) oben), gerne "in ein Coaching kommen würde" als läge er/sie sich dabei gemütlich auf den Massagetisch eines Wellnesstempels. Coach, mach mal. 

Das, liebe Berufskolleginnen und -kollegen, ist in sich sein Untergang. Und wenn nicht, laufen doch Millionen von Euros über die Tische und der Markt brummt, erzeugen wir anstelle von Menschen, die sich selbst verantworten und tragen, die unabhängig und emanzipiert bewusst leben wollen und dank selbstkompetenter Entscheide ihr Leben formen und gestalten, erzeugen wir optimierte Lämmer - aber weiterhin nur Lämmer. Der Methodenkasten als Elternersatz für Erwachsene, eine Art neue Bevormundung per se - denn gibt es diese gute Methode, sollte man sie schon nutzen.

Aber das ist das Gegenteil von Coaching. Basta. 

Coaching ist eine wunderbare Chance


Coaching ist eine wunderbare Chance - aber für die Menschen als Klientel, nicht für die Methoden, Mittel, Theorien und Wissenschaften. Diese haben sich zurückzuhalten, bis der Coachee äussert, an dieser oder jener Stelle Bedarf zu haben und ein Angebot zu wünschen. Erst dann sollte ich als Coach Möglichkeiten aufzeigen, Zugänge als Input anbieten (nicht intentiös auf Erfolg bedacht aufdrängen - auch nicht als "gut gemeint für die Klientschaft") allenfalls Brücken bauen. Coaching bleibt aber: die Klientin bzw. der Klient baut sich seine Brücke selber. 

Wie also kann ich ein Werbeposting in Fachblättern, Foren, Netzwerken und der digitalen Welt hervorstellen, welches ungefragt mit Gedanken und Verführungen wirbt, welche noch nicht eine Silbe nach den Anliegen des Kunden gefragt haben und was der braucht? Weiss ich als werbender Coach nun schon im Voraus, "was Du brauchst"? Oder soll ich im Sinne des 80er-Jahre-Marketings einfach "mal" ein paar Bedürfnisse wecken, die in dir schlummern? Werde ich fahrender Heilwasserverkäufer, wie damals im Wilden Westen? Heil'Praktiker?


Liebe Leserin und Leser

Wenn Sie selber ein Coaching als Begleitung für sich in Betracht ziehen, können Sie sich in allen Punkten stets fragen: 
  • "folge" ich den Angaben, Aussagen und Angaben, die mir zu einem Coach vorliegen? oder
  • "entscheide" ich aus eigenem Antrieb, wonach mir ist und was ich gerade brauche?

Liebe Coachingkolleginnen und -kollegen

Sind wir uns noch im Klaren? Sind wir allenfalls einfach nur pragmatisch für den finanziellen Erfolg? Oder kann es sein, dass wir uns einen massiven Bärendienst erweisen? Denn was genau waren die (nicht zu leicht nachvollziehbaren und komplexen) Gründe, warum Ärzte, Rechtsanwälte und Therapeuten nicht für sich werben durften? Hatte es da nicht sein Gutes dabei? 

Und stünde es uns selbst nicht an, bedacht und mit hohem Bewusstsein für ein humanistisch würdiges Menschenbild so zu werben - was durchaus möglich ist, zum Beispiel mit Ihrer Authentizität oder Transparenz, Greifbarkeit, etc - dass die Möglichkeiten des Menschen vor vorausgehenden Einflüssen bewahrt werden - wenigstens so weit, dass die eigene Entscheidungen fällen? 

Und last but not least: Wie sehr verstecken Sie sich als "Expertin bzw. Experte" hinter Ihren Methoden / Mitteln / Strategien und Plänen? Wie viel 'Pseudo' ensteht damit sogleich? Fehlt Ihnen das Format, sich zurückzuhalten, bis der Klient in den Ring tritt? Muss das Top-Down aufrecht gehalten und manifestiert werden? Stresst ein Sein im Gleichstand auf Augenhöhe? Haben Sie innere Panik falsch interpretiert zu werden, wenn Sie in lethologischer Haltung verbleiben? Sind Sie es eigentlich, der/die die Methode "braucht"?

Wenn Sie, was ich nicht bezweifel, Expertin und Experte sind - das ist in den meisten Fällen der Branche solide vorhanden - dann würde es Sie als solche doch eher auszeichnen, mit den notwendigen Werbebotschaften so umzugehen, wie es unser aller zugrunde liegende Gedanke, was Coaching per definition ist - und WOZU! - nämlich dann so zu werben, dass Klienten in eine eigens erweckte Reflexion geraten und dabei aus freien Stücken auf den Gedanken kommen, wo und mit wem Kontakt aufzunehmen. Es würde aus dem Sollen ein Wollen. 

Das Goldene Kalb 'Coachingmethode' - Echtes Expertentum nimmt sich da weg und unterlässt das so ideal wie möglich. Echtes Coach-Expertentum fordert seine Klientel heraus, kritisch zu bleiben, Abstand zu wahren, sich bei der Investition selber zu verantworten. Echtes Coach-Expertentum nimmt die Hand vom Rockzipfel, an den man sich so gerne klammern würde, ob als Coachee klammernd am Coach, ob als Coach klammernd an seinen Methoden. 

Wissen Sie, ich möchte wo sitzen und gefragt werden: "Was arbeiten Sie?" und dann mit "Coach" antworten, so dass ein gutes Verständnis und eine entspannte Akzeptanz im Raum steht. 

Oh ja, andere Wege sind anstrengender, bestimmt, da gebe ich Ihnen Recht. Nur: Wozu sollte der Klient aus seiner Komfortzone aufbrechen, wenn Sie als Coach nicht mehr tun, als gerade mal den einfachsten Weg wählen und hierfür die fachlich notwendigen Verhältnisse verdrehen? Der Klient merkt den Beschiss, kauft, zahlt, ändert nix und gibt der "unfähigen Branche" die Schuld. Hat er Recht. 

Mit besten Grüssen

Jona Jakob
Zürich Bern Frankfurt Aschaffenburg